Seit ich mich selber unter der Fragestellung ‚Bin ich hochsensitiv?‘ betrachte, sehe ich Menschen, solche mit denen ich es persoenlich zu tun habe und solche, deren Aeusserungen und Biographien ich gelesen habe, auch unter dieser Fragestellung an.

Schuechterne Philosophen

Bei dem Woertchen „schuechtern“, das jemand fuer sich gebraucht oder mit dem andere einen Menschen bezeichnen, werde ich hellwach. Dies war auch der Anlass, dass ich einen Link zu einem kurzen Video mit dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty setzte. Mit seinen Anregungen zum ‚philosophieren‘ und seiner Biographie beschaeftige ich mich seit einiger Zeit.
Er bezeichnete sich selber als ‚bookish‘, was man moeglicherweise mit ‚buechernaerrisch‘ oder gar ‚buechersuechtig‘ uebersetzen koennte. Ausser Buechern haben ihn zeitlebens nur noch Naturbeobachtungen in aehnlicher Weise fasziniert, erzaehlte er in dieser Videodokumentation.
Dass ihm ausserdem, das Glueck seiner 25jaehrigen Ehe wichtig war, das seiner Kinder und sein beruflicher Erfolg, nehme ich auf Grund anderer Dokumente an und erwaehne dies hier, um diesem Bild noch weitere Facetten hinzuzufuegen. Faszination koennte aber moeglicherweise etwas anderes sein, als das, was Menschen empfinden, wenn sie Beziehungen mit anderen Menschen erleben.

Schuechterne Kinder

Ich bin im Laufe meiner Berufstaetigkeit immer wieder Kindern begegnet, die als ’schuechtern‘ bezeichnet wurden. Meistens werden mit ’schuechtern‘ Mitbedeutungen wie ‚zurueckhaltend‘, ‚gehemmt‘, ‚aengstlich‘ und ‚unsicher‘ verbunden. Im Hinblick auf Kriterien fuer ein Verhalten, das sich Eltern u.a. Erwachsene im Hinblick auf soziale Anerkennung fuer ein Kind wuenschen, handelt es sich hier um besorgniserregende Zuschreibungen und Mitbedeutungen.

einschuechtern

Ich denke, dass Verhalten, das als ’schuechtern‘ bezeichnet wird, eine Reaktion auf etwas ist, die Kinder veranlasst, darauf zu verzichten, ihren spontanen Impulsen zu folgen. Man kann als Erwachsener auch sehr lebhafte junge Kinder durch entsprechendes Verhalten einschuechtern. Ganz junge Saeuglinge kann man dadurch in ihren spontanen Beduerfnisaeusserungen einschraenken, dass man es unterlaesst darauf einzugehen. So war es z.B. im letzten Jahrhundert bis in die 70iger Jahre hinein ueblich, jungen Muettern zu raten, ihr Neugeborenes an feste Stillzeiten zu gewoehnen, damit es lernt, dass es in dieser Welt nicht nach seinem Kopf geht. „Lassen Sie es ruhig schreien, das ist gut fuer die Lungen!“ Muetter, die es schmerzte, dass sie den Beduerfnissen ihres Saeuglings nicht entsprechen sollten, unterliessen es, spontan ihrem Empfinden zu folgen, um nicht als schlechte Muetter zu gelten.

Scheu vor Unbekanntem

’schuechtern‘ kann auch ein voruebergehendes Verhalten bezeichnen, das Kinder in Situationen und Umgebungen sehen lassen, die ihnen unbekannt sind. Saeuglinge ziehen sich in einem bestimmten Alter von Personen zurueck, die sie nicht kennen. Kinder eines bestimmten Alters, die zum ersten Mal allein in einer fremden Gemeinschaft zurueckgelassen werden, koennen altersgemaess entsprechendes Verhalten sehen lassen. Dies wiederholt sich in der Regel bei weiteren Gemeinschaftswechseln – dann meist in abgeschwaechter Form. Wie man sich mit Unbekanntem bekannt machen kann, scheint das Ergebnis von Erlebnissen zu sein. Gelingt es Kindern hier zu angenehmen Erfahrungen zu finden, koennen sie sich – vermutlich im Kontext von Erinnerungen an fruehere Erlebnisse – auf Unbekanntes offen einstellen.

Unbekanntes schuechtert ein

In unbekanntem Terrain duerften sich auch unsere ursteinzeitlichen Vorfahren sehr vorsichtig und zurueckhaltend bewegt haben. Wenn es – wie die Neurowissenschaftler sagen – zutrifft, dass unser Nervensystem auch evolutionaer erworbenen Prinzipien folgt, duerfte Unbekanntes regelmaessig wenig angenehme Empfindungen hervorrufen. Unbekanntem positiv gestimmt entgegen zu sehen, duerfte moeglicherweise durch entsprechende Lernerfolge so kompensiert werden koennen, dass wir Neuem vielleicht nur noch mit gemischten oder sogar mit frohen Gefuehlen begegnen.

’schuechtern‘ könnte das Merkmal eines reaktantes Verhalten bezeichnen

Ich gehe davon aus, dass Menschen sich auch dadurch voneinander unterscheiden, dass die Reizschwellen ihrer unzaehligen Sensoren – aus welchen Gruenden auch immer – im Durchschnitt deutlich niedriger sind als die vieler anderer und daher mehr Impulse sensorieren. Dies verstehe ich unter hochsensitiv. Es gibt dafuer einige Hinweise im Verhalten, in spontanen Reaktionen und in der Eigenbeschreibung, die zu neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen passen und so die Plausibilitaet dieser Annahme begruenden koennen.
Es ist daher vorstellbar, dass ein Verhalten, das wir gewoehnlich mit ’schuechtern‘ bezeichnen, auch eine Reaktion auf hochsensitives Funktionieren sein koennte. Das Fachwort wäre Reaktanz. Wobei ich betonen moechte, dass ich nicht glaube, dass man zu endgueltigen Aussagen wird kommen koennen. Es sind viel zu viele Variablen im Spiel, die wir kaum zusammenschauend im Blick haben koennen und zudem duerfte die Vielzahl einen trivialen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ausschliessen.
Mir kommt es nur darauf an, Moeglichkeiten zu finden und sie anderen anzubieten, wie man Kindern helfen kann, die ein Verhalten und Reaktionen sehen lassen, die Anlass fuer Fragen und Sorgen geben.

unterschiedliche reaktante Muster bei hochsensitiven Kindern

Wenn Kinder hochsensitiv funktionieren, heisst das, dass ihre Sensoren und damit die unzaehligen Aktivitaetsmuster ihres gesamten Nervensystems hochsensitiv funktionieren, d.h. es muss viel mehr verarbeitet werden als bei normalsensitiven Kindern. Diese Kinder sind also innerlich staerker beschaeftigt. Nach aussen wirken sie moeglicherweise ruhiger, duerften sich vermutlich aber nicht entspannt fuehlen, weshalb sie sehr heftig auf weitere Reize reagieren koennen und unvermittelt handeln. Kinder, die hochsensitiv funktionieren, verhalten sich aber auch sehr lebhaft, ja man hat den Eindruck, sie sind immer auf dem Sprung, weil sie auf jeden Reiz anspringen. Sie kriegen alles mit und sie sind ueberall dabei. Die ersteren werden gern ermahnt, doch etwas mehr aus sich herauszugehen, man ermuntert sie zu Aktivitaeten, die sie nur widerwillig mitmachen oder ablehnen, den anderen verlangt man Ruhe und Stillsitzen ab, was sie nur sehr eingeschraenkt in der Lage sind zu leisten.

der Rahmen Akzeptanz

Weder die ganz ruhigen, noch die ganz lebhaften, erfahren in der Regel die Akzeptanz, die sie als Rahmen brauchen, um zu lernen, wie sie mit ihrem Funktionieren bekannt werden koennen. Dies scheint mir, vor allem mit den Normen und Erwartungen zusammenzuhaengen, die unser eigenes Handeln bestimmen, weil sie unser Bekannt werden mit unserem Funktionieren bestimmt und gelenkt haben.
Als mein juengster Sohn im Alter von knapp zwei Jahren mit der ganzen Familie einen festlichen Gottesdienst besuchte, ertoente ein Posaunenchor. Der Junge fing an zu schreien und zu weinen und war nicht zu beruhigen. Die Reaktionen der Umgebung fielen wenig hilfreich aus. Als ich mit ihm nach draussen ging, beruhigte er sich. Es hat Monate gedauert, bis er sich wieder darauf einliess, eine Kirche zu besuchen und dann auch nur auf die Versicherung hin, dass diesmal kein Posaunenchor spielt.

’schuechtern‘ bezeichnet ein vermutlich unwirksames Verhaltensmuster

Es koennte sein, dass ein Verhalten, das wir mit ’schuechtern‘ bezeichnen, im Zusammenhang mit neuronalen Mustern steht, die anlaesslich von Erlebnissen entstanden sind, in der Reize auf unbekanntem Terrain Fluchtreaktionen ausgeloest haben. Wenn einem die konkrete Flucht verwehrt ist, koennte die Zurueckhaltung eigener Fluchtimpulse auf unangenehme Reize eine Haltung hervorbringen, die irrtuemlich Schutz signalisiert und jederzeit zusammenbrechen kann.

eigene Grenzen zu erleben, ermoeglicht weiterentwickeln

Ein sehr schuechterner Schueler hatte sich mit einem wesentlich temperamentvolleren Mitschueler angefreundet. Ich habe in der Anfangszeit dieser Freundschaft oefter Situationen zwischen den beiden beobachtet, in denen der letztere sehr uebergriffig war. Der erste hat freundlich zurueckhaltend still gehalten. Einmal brach er in heftige Traenen aus: „Das ist zu viel!“, rief er. Es stellte sich heraus, dass der temperamentvolle Freund innerhalb kurzer Zeit einen Wunsch nach dem anderen geaeussert hatte, dem er entsprochen hatte. „Und nun will er auch noch meinen goldenen Stift von mir. Das ist zu viel!“ Der andere war ganz verdutzt und entschuldigte sich spontan. Er mochte den Stillen. Von diesem Tag an gelang es dem schuechternen Jungen zunehmend haeufiger seinen Freund und andere auf seine eigenen Grenzen hinzuweisen.
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