Ein sehr ruhiges, aufmerksames Kind

Mit knapp 41 Jahren brachte ich meinen zweiten Sohn zur Welt. Ich ging davon aus, dass mir meine Erfahrungen mit meinem ersten Sohn eine Hilfe sein wuerden, diesem neuen Mitglied unserer Familie besser als vorher den Weg in sein eigenes Leben zeigen zu koennen. Bald schon aber stellte sich heraus, dass von alltaeglichen Handgriffen abgesehen – wie Windeln wechseln, Baeuerchen machen lassen, im Kinderwagen auf die Terrasse stellen oder Spazieren fahren – das Verhalten von Frank sich deutlich von dem seines grossen Bruders unterschied. Er war im ersten halben Jahr ein ausgepraegt ruhiger Saeugling, der viel schlief und wenn er wach in seinem Koerbchen lag, sich lange mit dem Betrachten eines Mobiles ueber ihm oder den Mustern der Waesche seines Koerbchens beschaeftigen konnte. Schon am ersten Tag nach seiner Geburt schien es ihm – nach dem Stillen und Wickeln – angenehmer zu sein, in seinem Koerbchen zu liegen, die Augen wandern zu lassen und schliesslich einzuschlafen, als neben mir in meinem Bett zu liegen oder in den Armen gehalten zu werden. Mir kam es nach einiger Zeit so vor, als ob die Zeit des Stillens jeweils seinen Hunger und seinen Bedarf nach koerperlicher Naehe gestillt hatte.


Fokussierung auf Eigenes

Frank konnte in der lautesten Umgebung einschlafen und ich habe in den ersten Monaten nur erlebt, dass er durch Hunger aus dem Schlaf gerissen wurde oder dass er einfach so erwachte. Er zeigte keine Reaktionen auf ploetzlich auftretende Geraeusche, waehrend er den Bewegungen eines ueber ihm haengenden Mobiles folgte oder auf einer Decke lag und seine unmittelbare Umgebung betrachtete. Meine Sorge, er koennte ein Hoerproblem haben, wurden durch deutliche Reaktionen in anderen Situationen, zwar nicht ganz aufgeloest, aber doch gemindert. Als 4 Jahre spaeter ein Hoertest gemacht wurde, weil das Phaenomen sich in anderen Kontexten immer wieder zeigte, war die muendliche Diagnose des freundlichen Arztes: „Der hoert das Gras wachsen.“ sehr beruhigend. Sie liess aber meine Irritation, die sein Verhalten ausloeste, nicht verschwinden. Was mir Bemerkungen ueber meine Uebersensibilitaet i.S.v. „Ueberbehuetung“ einbrachte. Der freundliche Ohrenarzt erwaehnte scherzend, das koenne so etwas wie ‚Mutterschwerhoerigkeit‘ sein. Damit wies er auf eine Baustelle hin, die mich hinsichtlich Frank stets beschaeftigte: „Mache ich etwas falsch?“


Erste Folgen

Diese Frage hatte sich in den ersten Jahren immer wieder gestellt. Nach dem ersten Halbjahr seines Lebens hatte er ploetzlich Schwierigkeiten beim Einschlafen. Am besten gelang es ihm, wenn man ihn stark schaukelte. Einschlaflieder loesten Weinen aus. Frank robbte sehr gern, aber er mied das Krabbeln. Sobald er stehen konnte, angelte er sich von Halt zu Halt. Als er zum ersten Mal den Rasen bekrabbelte, weinte er und betrat ihn erst wieder als er gehen konnte. Frank wollte meine Brust nicht mit einem Flaeschchen tauschen. Er schrie, sobald etwas anderes seinen Mund beruehrte. Er nahm auch keinen Schnuller. Erst als er ein Jahr alt war, begann er es zuzulassen, dass ich ihn mit einem kleinen Loeffel fuetterte. Er lernte aus einer Tasse zu trinken, die keinen Schnabel hatte. Er knabberte weder Zwieback, noch Karotten noch Aepfel. Er ass nur Pueriertes. Er hat sich nie Sand in den Mund gestopft. Er sass nie mit nackten Beinen in der Sandkiste. Er benutzte stets eine Schaufel oder eine Form, um zu graben. Er beschaeftigte sich auf dem Bauch liegend oft damit, dass er kleine Fussel aus dem Teppich sammelte und sie genau betrachtete. Er plapperte dabei nicht vor sich hin. Er produzierte keine Laute, waehrend man mit ihm sprach. Er schrie zornig auf, wenn ihm etwas nicht gelang und wehrte ab, wenn man ihm helfen wollte.


Ein kontaktfreudiges Kind

Mir wurde klar: Dieses Kind verhielt sich sehr anders als sein grosser Bruder. Er war aber gern mit anderen Kindern zusammen. Er tobte mit seinem grossen Bruder und dessen Freunden. Er liess sich von anderen in ihr Spiel verwickeln oder brachte sich behutsam in ihr Spiel ein. Er sprach seine eigene Sprache. Er plapperte und gestikulierte. Er zog sich enttaeuscht und wuetend zurueck, wenn die Kommunikation nicht klappte. Er lachte gern und zeigte sich sonst ausgeglichen. Seine Einschlafprobleme verschwanden. Er schlief gut durch und war tagsueber rege und freundlich.


Weitere Folgen

Seine Zahnentwicklung vollzog sich innerhalb des ueblichen Zeitrahmens. Er biss andere voellig ueberraschend und freute sich ueber die Reaktionen. Besucher, die ihn nicht kannten, wiesen wir auf seine Neigung hin. Er liess es nicht zu, dass man ihn behutsam streichelte. Schon als Saeugling hatte er dabei geweint. Er akzeptierte es, wenn man ihn fest anpackte. Im ersten Lebensjahr entwickelte er eine starke Abneigung gegen den Laerm grosser Fahrzeuge. Eines Tages schrie und weinte er, nachdem wir an einem Muellwagen vorbeigegangen waren, der unter laufendem Motor Container mit Flaschen entlud. Von da an schrie er, wenn er von Ferne ein grosses Fahrzeug entdeckte. Wir wichen ihnen aus. Wir gingen zu Fuss, anstatt den Bus zu nehmen. Noch mit zehn Jahren ging er lieber zu Fuss, als Bus zu fahren. Auch bei  Blechintrumenten,  bei Jahrmarktsmusik und -geraeuschen, schreienden Menschen … usw.  zeigte er im zweiten Lebensjahr aehnliche Reaktionen.


Schuldgefuehle und hilflose Fachleute

Sein anderes Verhalten fiel auch anderen auf. Ich erhielt immer wieder Hinweise auf seine Defizite und Kritik. Man belehrte mich darueber, welches Verhalten fuer Kinder seines Alters normal sei. Das Winken mit der Norm sorgte bei mir fuer Schuldgefuehle. Niemand fragte spontan, was ich bisher unternommen hatte, um Verhaltensaenderungen anzuregen. Ich entwickelte die Gewohnheit anlaesslich solcher Reaktionen anderer mein zurueckliegendes Erziehungsverhalten genauestens zu reflektieren. Ich suchte Fachleute auf. Meine Kinderaerztin beschwichtigte mich mit dem Kommentar: „Das waechst sich aus!“ Eine Kinderpsychologin meinte: „Sie muessen ihn staerker fordern und konsequenter sein.“ Konkret hiess das, ich solle ihn unter Druck setzen. Dies hatte ich oft genug bereits getan und damit nur heftige Abwehr und Rueckzugsverhalten bei Frank ausgeloest. „Da muss er durch!“, meinte sie.


Gemeinsam foerderliche Moeglichkeiten finden

Eine anthroposophische Heilpädagogin gab mir die ersten wirklich hilfreichen Tipps. Sie entlastete mich von Schuldgefuehlen, indem sie einerseits aus einem Sceno-Test schloss, dass Frank sich in unserer Familie wohl fuehle, andererseits hielt sie seine Reaktionen auf Beruehrungen und Geraeusche, sein Sprach- und Essverhalten fuer Hinweise auf sensorische Probleme anstatt als Hinweise auf  Erziehungsprobleme. Sie hatte ferner bemerkt, dass er auf leichte Beruehrungen abwehrend reagierte. Als ich ihr auch von Gleichgewichtsproblemen berichtete, vermutete sie Defizite der Tiefenwahrnehmung. Sie empfahl mir, ihm leichte Beruehrungen durch spielerische Aktivitaeten anfangs z.B. mit Rasierschaum, Creme angenehm zu machen, um dann zu anderem weiterzugehen. „Probieren sie alles, was er zulaesst und bleiben Sie solang dabei, bis er neue Reize akzeptiert.“ Ich sollte ihm eine Rutschgelegenheit verschaffen und mit ihm das Sandwichspiel spielen. Letzteres sollte vor allem die Tiefenwahrnehmung foerdern. Beim Sandwichspiel legt man das Kind zwischen zwei Matten und ein anderer legt sich oben drauf, bis das Kind nicht mehr moechte. Frank genoss dieses Spiel bis weit in die Grundschulzeit hinein. Er quietschte vor Vergnuegen, wenn man sich darauf warf. Sie empfahl mir lustvolle Beruehrungen seines Mundinneren zu initiieren. Ich wuerzte sein Essen mit Pfeffer und Tabasco. Es schmeckte ihm sehr gut. Wir kochten gemeinsam scharfe Tomatensossen, Suppen oder jeder fuer den anderen. Ich zog seinen Bruder mit ein – vor allem fuer das Sandwichspiel und andere koerperbetonte Spiele, die Jungens ohnehin gern spielen. Sie empfahl mir ferner eine physiotherpeutische Gymnastik fuer Frank.


Eine hilfreiche Vorstellung

Neben diesen konkreten Tipps gab mir die anthroposophische Therapeutin eine hilfreiche Vorstellung mit. Frank habe noch nicht gelernt, unterschiedliche Reize klar auseinander zu halten. Er erlebe vermutlich viele Reize genauso unspezifisch wie wir die Beruehrungen an einem eingeschlafenen Bein oder Arm. Unspezifische Beruehrungen seien unangenehm. Kinder reagierten darauf verstaendlicherweise mit Rueckzug und Abwehr. Um das notwenige Lernen dennoch zu ermoeglichen, sei es wichtig, Beruehrungen in angenehmem Kontext zu vermitteln. Es kaeme darauf an, im Spiel mit ihm Variationen der Beruehrungen zu finden. „Verwickeln Sie ihn in alles, was Ihnen einfaellt und bauen Sie es aus, soweit er es zulaesst.“


Erste merkbare Aenderung

Nach diesem Motto arbeitete auch die Physiotherapeutin mit Frank. Sie regte ihn spielerisch zu vielen Aufgaben an und sie akzeptierte es, wenn er Aufgaben verweigerte. Im Laufe der Arbeit bei ihr und zu Hause hat er sich nach und nach immer weitergehenderen Aufgaben gestellt. Nach zwei Monaten Physiotherapie und haeuslicher Spieltherapie sprach Frank mit kapp drei Jahren sein erstes Wort.

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