Das deutliche andere Verhalten von Kindern aus dem hochsensitiven Spektrum ruft Reaktionen anderer hervor. Das Verhalten wird in der Regel beanstandet. Die Erziehungsfaehigkeit der Eltern wird bezweifelt. Es wird in der Regel nicht nachgefragt, wie es zu diesem Verhalten kommt oder was bisher unternommen wurde, um zu anderem Verhalten anzuleiten.

Schmerzliche Erfahrungen der Betroffenen

Damit sind fuer die Betroffenen schmerzliche Erlebnisse verbunden. Diese muenden haeufig in das Fazit ausgeschlossen und missverstanden zu werden. Menschen moechten verstanden und integriert werden. Betroffene sind so in mehrfacher Weise belastet: Zum einen durch Hochsensitivitaet und zum anderen durch Ablehnung und Unverstaendnis der Umgebung (Verwandte, Nachbarn, Freunde, Beratungsstellen, Aerzte, Kindergarten, Schule…).

Alltaegliche Situationen, die Betroffene im haeuslichen Umfeld bereits gemeinsam meistern, erregen in der Oeffentlichkeit Aufsehen und loesen peinliche Situationen aus. Waehrend eines Aufenthaltes in einer kleinen Familienpension wurde Frank eine Suppe serviert. Bei der Bestellung hatte ich darauf hingewiesen, dass diese Suppe keinerlei Einlagen enthalten duerfe, weil sie sonst nicht gegessen werde. Es schwamm Petersilie auf der Oberflaeche. Frank weigerte sich, die Suppe zu essen. Ich bat um ein Sieb, um die Teile herauszufischen. Danach loeffelte Frank seine Suppe aus. Jede unserer Aktivitaeten wurde im kleinen Gastraum bemerkt und kommentiert. Wortfetzen und Mienenspiel kamen bei uns an. ‚uns‘ schreibe ich mit Bedacht, da auch Frank die Reaktionen nicht entgangen sind. Es haette mich nicht gewundert, wenn er den Gastraum verlassen haette.

Andere Sichtweisen erleichtern das Leben

Ich moechte nicht auf die Irritationen eingehen, die sich infolge der Reaktionen fuer die Betroffenen ergeben, sondern auf die Irritationen der Umgebung. Denn es macht m.E. das Leben von Betroffenen leichter zu kapieren, wieso andere sich so verhalten, wie sie sich verhalten, anstatt unter Unverstaendnis und Ablehnung zu leiden. Die eigenen Sichtweisen zu veraendern, hat mir immer wieder geholfen, mein Handeln, Denken und Empfinden zu veraendern.

Normal ist das, was Menschen kennen

Es duerfte grundsaetzlich gelten: Menschen reagieren irritiert auf jedes Verhalten anderer, das einen ihnen bekannten Rahmen verlaesst. „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht!“ Das was fuer einen Menschen normal ist, duerfte sich aus Gewoehnung an Bestimmtes ergeben. Menschen brauchen Gewohnheiten. „Die Gewohnheit ist die grosze Fuehrerin durch unser Leben!“, meinte schon vor fast 300 Jahren David Hume. Hochsensitive stellen eine Minderheit dar – aber auch das koennte ein Irrtum sein – und verhalten sich anders. Menschen, die mit Hochsensitiven umgehen, verhalten sich ebenfalls anders als ueblich. Je nach Art der Menschen, die dies unvorbereitet erleben, fallen deren Reaktionen unterschiedlich aus. Es stellen sich ihnen jeweils unterschiedliche Fragen, die sich aus ihrer Sichtweise ergeben oder sie reagieren spontan. Das ist alles sehr menschlich.

Normen koennen als Satzungen von Clubs angesehen werden

Grundsaetzlich gilt auch: Innerhalb der Kultur, in der wir leben, wird deutlich anderes Verhalten prinzipiell als defizitaer aufgefasst. Laesst es sich nicht veraendern und ergibt sich schlieszlich ein ‚klinisches‘ Bild, gilt der Betroffene als krank. Dies duerfte prinzipiell fuer jede Kultur gelten. Kulturen sind m.E. so etwas wie Clubs: Permission for Members only. Und um Mitglied zu werden, muss jeder Einzelne bestimmte Bedingungen erfuellen. Erfuellt er diese nicht, kann er nicht Mitglied sein. Menschen, die sich deutlich anders verhalten, sind also per se immer in Gefahr nicht dazu zu gehoeren. Manche neigen vermutlich deshalb dazu eigene Clubs fuer Hochsensitive zu gruenden.
Erleben also kulturkonforme Menschen deutlich abweichendes Verhalten duerften sie irritiert sein und dies entsprechend zum Ausdruck bringen. Diese Sichtweise hat fuer mich den Vorteil Reaktionen der Umgebung in einen allgemeinen menschlichen Rahmen einzuordnen und in der Sache handeln zu koennen, anstatt zwischen eigenen und Irritationen anderer hin und her gerissen zu werden und mich dabei aufzureiben.

Eigenes Verhalten ändern

Das hier gemeinte Verhalten findet sich z.B. beim „Aikido“ wieder. Obwohl als Kampfsport bezeichnet, zeichnet diese Art sich gegen Angriffe andere zu verwahren dadurch aus, dass sie grundsaetzlich defensiv orientiert ist. Uebertragen auf das, was Betroffene mit Reaktionen ihrer Umgebung erleben, koennte das bedeuten: Verzicht auf gegnerschaftliches Verhalten. Statt dessen das eigene Verhalten ändern.

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