… wohl aber koennen Hochsensitive Verhalten entwickeln, das aus der Sicht einer traditionellen Psychologie als krank bewertet wird. Aus meiner neurobiologisch basierten Sicht ist Hochsensitivitaet die Bezeichnung fuer eine sensorische Ausstattung von ca. 20% Menschen, die sich von der der 80% unterscheidet. Dies scheint fuer alle Lebewesen zuzutreffen. Dieser Sachverhalt ist weder positiv noch negativ zu bewerten, sondern festzustellen. Menschen mit dieser sensorischen Auspraegung nehmen mehr und anders wahr als andere. Bei hochsensitiven, kleinen Kindern kann dies zu einem Verhalten fuehren, bei dem gewohnte elterliche Verhaltensweisen keine Veraenderung bewirken, z. B. bei Unruhe, Schreien, Weinen … etc. in Situationen, wo andere Kinder gelassen sind. Je frueher dieses Problem auftritt, umso schwieriger wird die Situation fuer Eltern und Kind. Es kommt zu weiteren Verhaltensweisen, die irritieren (z. B. Sprechstoerungen, Hyperaktivitaet, gleichfoermigen Aktivitaeten …) Traditionelle Ratschlaege von Fachleuten wie z. B. konsequentes Erziehungsverhalten, Foerderprogramme, Korrekturen aller Art, passen nicht dazu, bzw. veranlassen Eltern Druck zu machen, dem sich Kinder entsprechend dem Grad ihrer hochsensitiven Ausstattung graduell entziehen bzw. sich widersetzen. Auf diese Weise entstehen auf beiden Seiten eine Reihe weiterer, vielfaeltiger Irritationen, die nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung beeintraechtigen, sondern weitere irritierende Verhaltensweisen zur Folge haben. Dies muendet dann irgendwann in Diagnosen wie verhaltensauffaellig, geistige Behinderung, ADS, ADHS, Autist nach Asperger oder Kanner, … etc.
Inzwischen zeigen sich in der internationalen Forschung deutliche Distanzierungen gegenueber dieser traditionellen Pathologisierung von Kindern und Erwachsenen. Als zentral, bzw. ursaechlich wird die andere Wahrnehmung, d. h. die hochsensitive Ausstattung angesehen und das diagnostisch relevante Verhalten wird als Folge des Umgangs mit dieser Ausstattung betrachtet.
Georg Theunissen , der erste Lehrstuhlinhaber fuer „Paedagogik bei Autismus“, hat 2014 ein Buch veroeffentlicht, in dem er diese innovative, wissenschaftliche Literatur darstellt, die vor allem im englisch-sprachigen Raum veroeffentlicht wurde und wird. Ich moechte dieses Buch – MENSCHEN IM AUTISMUS-SPREKTRUM – allen direkt und mittelbar Betroffenen empfehlen. Es bietet m. E. die Grundlage, auf die sich ein produktives Umgehen mit Hochsensitiven stuetzen kann. Es ist aehnlich grundlegend, wie das von Erich Schweingruber, DER SENSIBLE MENSCH.
Georg Theunissen: Menschen im Autismus-Sprektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart 2014.
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