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Nachdenken scheint lebensnotwendig

 Der Psychologe und Theologe Schweingruber  schrieb in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, dass Aspis mehr Probleme lösen müssen als andere, wenn sie mit ihrem Leben  klar kommen möchten. Das hat sich durch die Jahrzehnte meines Aspi-Lebens bestätigt. Dieses Leben lässt sich als ein Wechsel zwischen Schwierigkeiten unterschiedlichen Grades charakterisieren, die ich unterschiedlich erfolgreich lösen konnte: Heißt so viel wie, ich traf Entscheidungen, die ich für Lösungen hielt. Sie waren provisorisch, sie wurden durch Erprobungen, immer wieder verändert. Überwiegend lernte ich, Schwierigkeiten auszuhalten, nicht aufzugeben, weil mir Lösungen nicht einfielen, bzw. nicht zur Verfügung standen, oder sie hätten extreme Wirkungen für andere zur Folge gehabt, die ich diesen nicht zumuten wollte.  Es wuchs ein Berg von Unerledigtem, der in den letzten Jahren in radikalen Entscheidungen mündete.

Die Konstante im Aspi-Leben

Sicher ist, dass meine neurobiologische Konstitution, die mein Aspi-Verhalten im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen meines Lebens prägte, unverwüstlich ist. Geändert hat sich meine Art und Weise des Umgehens damit. Die unverwüstliche neurobiologische Konstitution könnte auch der Grund sein, weshalb alle Arten von Hilfskonzepten, die sie nicht berücksichtigen, vergeblich waren, mir sogar Probleme bescherten, die ich vorher noch nicht hatte. Es ist ein fataler Irrtum, dass sich daran im Laufe des Lebens etwas ändern könnte: Ich habe aber immer besser gelernt, den Mund zu halten und  meine Welt erträglich zu gestalten. Dies passt zu einer Devise, die ich mir als junges Mädchen zu eigen gemacht hatte: Geh auf der Schattenseite und sei leise. Diese Gradwanderung funktioniert mit Nachdenken.

Aspis brauchen andere

Es hat sich auch ergeben, dass es unerlässlich ist andere Menschen – Aspis und solche, die sich damit auskennen –  zu haben. „Menschen brauchen andere Menschen“, sagt Rolf Reinhold , und Aspis sowieso (Kontakte ja – aber wie) , weil sie mehr Schwierigkeiten haben als andere. Diese ergeben sich vor allem durch den kulturellen Kontext unserer christlich geprägten Welt. In anderen Kulturen tun sich Aspis möglicherweise leichter. Doch das ist nur eine (wenn auch tröstliche) Behauptung. Aspis merken die Fallstricke der kulturellen Prägung und Konstrukte, weil sie bei ihnen permanent nachteilig wirken. Sie wirken als Hindernisse unterschiedlichster Art und Tragweite (Entwicklungs- Schul- Berufsprobleme, Umgang mit anderen Menschen).

Aspis brauchen Konzepte

Mehr Probleme haben heißt auch zu leiden. Dieses Leiden – es war und ist ein kontinuierlicher Begleiter –  kann unterschiedliche Reaktionen bewirken. Bei mir hat es das Interesse und die Frage nach dem, wie andere ihr Leben meistern, wach gehalten. Dazu gehörte auch das Interesse und Fragen, an die Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen. Welche Antworten geben diese Wissenschaften und was kann ich damit anfangen? Beides führte zu vielen Fragen, die mich in Anspruch nahmen. Die Zeit, die ich dafür hatte, war begrenzt durch andere Aufgaben (Beruf, Familie …) Fortschritte gab es nur dann, wenn mir Zeit für die Beschäftigung damit blieb. Ich entdeckte sowohl in Lebenskonzepten anderer als auch in den Wissenschaften eine Bandbreite von Sackgassen, Entwicklungsträchtigem und Mischungen daraus. Meine eigenen „Basteleien“ aus dieser Bandbreite ergaben „Patchworks“ alternativer Verhaltensmustern, die immer wieder neu zusammengesetzt werden mussten, um für neue Situationen zu passen. Diese umfassende „Eklektik“  hatte den Vorteil, kontinuierlich an mir und meinem Verhalten weiter zu arbeiten. Die negative Mitbedeutung, Eklektikern mangle es an eigenen Ideen, teile ich daher nicht. Ich habe durch die Anwendung von Ideen anderer immer auch eigene produziert.
Schließlich fand ich einen kundigen Berater, Rolf Reinhold , der mich darin unterstützte weitreichendere und professionelle Lösungen zu finden. Mit ihm zusammen gelang es kulturelle Rahmenbedingungen, Verhalten und  Denken zu reflektieren und neue Möglichkeiten zu entdecken. Dieses gemeinsame Nachdenken hat mein Nachdenken im Laufe der letzten zehn Jahre geschult. Mein ohnehin vorhandenes Interesse an Philosophie ist mir dabei zu Gute gekommen. Es freut mich, dass es auf diese Weise zum Gelingen meines Lebens beiträgt.
Die Philosophie zu kennen, wie sie in Philosophiegeschichten steht, ist aber nicht Bedingung. [Beim heutigen Stand der philosophischen Ausbildung möchte ich eher davon abraten.] Wesentlich ist das eigene Nachdenken, das  Selberdenken. Dazu brauchen Aspis das Material ihres täglichen Lebens, Menschen und Ideen – eigene und andere – um sich weiter entwickeln zu können, wenn sie dies möchten.
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Merken, was mit mir los ist.

Das Verhalten und Reden anderer ruft bei Hochsensitiven und Aspis immer wieder Irritationen hervor. Daraus können sich heftige Konflikte ergeben. In letzter Zeit habe ich eine Reihe solcher heftigen Konflikte ausgelöst. Sie sind mir sehr unter die Haut gegangen. Ich habe damit anderen viel zugemutet und freundschaftliche Beziehungen arg strapaziert.
Die Konflikte begannen jeweils, dass ich – irritiert vom Verhalten des anderen – glaubte, ich hätte ihn bei einem Irrtum ertappt. Diese Sicht löste bei mir in einer Reihe von Situationen heftiges, agressives Streiten mit dem anderen aus, der meine Sicht nicht teilte. Ich wollte um jeden Preis recht haben. Ich erlebte es als etwas, das irgendwie über mich kam. Ich fühlte mich, als steckte mein Kopf wie in einem Nebel. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und polterte einfach drauf los. Ich war nicht mehr in der Lage mit zu bedenken, dass möglicherweise ich mich irrte. Ich entzog mich diesen Situationen.
Diese Situationen häuften sich. Ich wollte darüber nachdenken. Ich wollte lernen , dieses Verhalten zu ändern. Es war mir nicht angenehm. Mit meinem Freund  Rolf Reinhold  habe ich in den Jahren davor gelernt, dass ‚rekonstruieren‘ die Möglichkeit gibt, das eigene Verhalten zu ändern. ‚rekonstruieren‘ heißt so viel wie, das Geschehene so genau wie möglich zu erinnern. Menschen mit einem traditionelleren Sprachgebrauch würden hier etwas weniger prägnant von ’sich selbst erkennen‘ reden.
Zuerst gelang es mir nicht, die Situationen zu rekonstruieren. Die jeweils Beteiligten haben mich unterstützt und ihre Beobachtungen beigetragen. Das hat mir geholfen, ähnliche Situationen zunehmend selber zu rekonstruieren.
Die Wirkung von ‚rekonstruieren‘ ist hilfreich. Sie ermöglicht die Entscheidung, Verhalten zu ändern. Nicht sofort und umfassend, aber nach und nach. Es ist notwendig, mit sich geduldig zu sein. Das beschriebene Verhalten ist Ausdruck von früher Gelerntem und gehört zu den eigenen mühsam erworbenen Verhaltensmustern. Es hilft auch, wenn man seine Mitmenschen während dieser Änderungsszeit darum bittet , Geduld zu haben. Aspis und Hochsensitive sind dazu im Prinzip fähig und bereit.
Kennt man nun das eigene Verhalten und ist bereit etwas daran zu ändern, passiert es, dass man in entsprechenden Situationen merkt, wohin man sich gerade bewegt oder wohin der Hase läuft. Es ist weder nützlich noch führt es weiter, wenn man sich dazu ‚in die Pflicht nimmt‘ und sich unerwünschtes Verhalten verbietet. ‚merken‘, wenn wieder mal etwas in bekannter Manier daneben geht, genügt völlig. ‚merken‘ ermöglicht inne halten und das eigene Verhalten zu unterbrechen. Im Zuge von weiterem ‚rekonstruieren‘ und ’nachdenken‘ kann man andere Verhaltensmöglichkeiten sammeln. Und auch diese stellen sich dann in Folge des ‚merken‘ wie von selbst, d.h. spontan ein.
Vermutlich ist diese beschriebene Lösung, die ich – um es zu wiederholen – Rolf Reinhold verdanke, nicht einfach nachzuvollziehen. Vielleicht kann meine Beschreibung helfen, es denkend zu kapieren. Ansonsten steht es jedem frei, mich dazu zu befragen.

Wer ist ein Autist bzw. ein Aspi?

Die Antwort wird medizinisch mit Hilfe entsprechender Diagnose-Kriterien gegeben. Es gibt diagnostizierte ASPIs, die dann sagen „Ich habe Asperger.“ Oder „Ich habe Autismus.“ So als haetten sie einen Virus eingefangen. Wenigstens wirkt dies auf mich manchmal so. Aus Berichten von Leuten, die eine Diagnose brauchen, um als behindert anerkannt zu werden, ergibt sich immer wieder fuer mich der Schluss, dass diese Kriterien Medizinern keine Orientierung geben, vor allem dann, wenn sie wenig Kenntnisse ueber autistisches bzw. aspisches Verhalten haben.

Können Betroffene berufstätig sein?

Vor allem aeltere Betroffene aus dem ASP-Spektrum, die jahrelang die verschiedensten Beeintraechtigungen und Probleme erlebten, haben Schwierigkeiten eine zutreffende Diagnose zu bekommen. Manche werden abgewiesen, weil sie berufstaetig sind oder waren und deshalb nicht zum ASP-Spektrum gezaehlt werden.

Helfen traditionelle psychiatrische Therapien?

Junge Betroffene werden im Anschluss an eine Diagnose in der Regel mit traditionellen psychiatrischen Methoden behandelt und mit Therapien und Medikamenten versorgt. Dabei wird sowohl in der Fachliteratur als auch von Betroffenen berichtet, dass derartige Therapien nichts nuetzen. Verhaltenstherapeutische Trainings schon eher, wenn die Unterstützer reflektieren können, was sie tun. U. a. berichtet Theunissen in „Menschen im Autismusspektrum“ (S. 168-172) ueber die problematischen Folgen traditioneller psychiatrischer Therapien. Verhaltenstherapie kann in Verbindung mit einem unterstuetzenden Beratungskonzept fuer alle Hochsensitiven (ASPIs, Autisten, ADHSler, ADSler) dem Betroffenen Fortschritte ermoeglichen, mit Menschen und in sozialen Bezuegen (u. a. Arbeitswelt) besser klar zu kommen. Informationen dazu gibt es u. a. auf der Webseite des Hamburger Autismus-Institutes oder auf der Seite des Koelner Autismus Therapie Zentrums .

Sind Aspis und Kanners geisteskrank?

Wenn Mediziner auf die Idee kommen, einem Betroffenen Medikamente zu geben, wird deutlich, dass in Deutschland hochsensitive Menschen als Kranke betrachtet werden, die geheilt werden muessen. Inzwischen spricht aber immer mehr dafuer, dass die Sensoren von Hochsensitiven anders funktionieren. Es ist also die neurophysiologische Ausstattung, die den Unterschied eines Hochsensitiven (ASP-Spektrum: ASPI, Autismus, Kannersyndrom…) zu normalen Menschen ausmacht. Niemand kaeme auf die Idee blind- oder taubgeborene Menschen mit Medikamenten zu behandeln, damit sie sich in der Welt der Sehenden und Hoerenden besser zurechtfinden. Solche Menschen muessen einfach viel lernen, um mit ihrer Behinderung ein moeglichst optimales Leben fuehren zu koennen.

Sind Betroffene lernfähig?

Von Betroffenen aus dem ASP-Spektrum wird regelhaft durch Fachleute und entsprechend von den Angehoerigen Anpassung gefordert. Auch dies spricht gegen die Qualitaet der Diagnosekriterien. Erfreulicherweise gibt es auch Angehoerige, die darueber anders denken und anders mit ihren Kindern umgehen. Neben Temple Grandin, die ohne ihre Mutter heute in einem Heim dahindaemmern wuerde, gibt es u. a. das ‚Son-Rise-Programm‘ der Kaufmanns, das auch inzwischen betroffene Familien in Deutschland erfolgreich umsetzen und z. B. das Verhaltenstraining nach ABA. D. h. es gibt Ideen
wie Menschen erfolgreich lernen – deren Sensoren etwas anders als ueblich funktionieren -, ja sogar erprobte Lernkonzepte, die Betroffene unterstuetzen und so ihr eigenstaendiges Leben foerdern. Solange aber Fachleute und Angehoerige davon ausgehen, dass Hochsensitive krank sind, ja sie sogar als geisteskrank bezeichnet werden, verpassen Menschen aus dem hochsensitiven Spektrum die Chance, durch Lernen fuer sich Verbesserungen zu erreichen. Betroffenen bleibt angesichts solcher Behauptungen in der Regel nur die Entscheidung, sich selber fuer irreparabel behindert bzw. gestoert zu betrachten. Dabei ist bekannt, dass sie oft nicht nur einzigartige Faehigkeiten und spezielle Interesse haben, sondern auf ihre ganz eigene Weise lernen, die schulische Lerntheorien und damit Unterrichtsmethoden radikal in Frage stellen.

Spezialist in eigener Sache.

Ich möchte alle Hochsensitiven, Autisten und Aspis anregen, sich zum Spezialisten bzw. zur Spezialistin in eigener Sache zu machen.
Spezialisten sind Leute, die sich mit einer Sache, einem Thema besonders gut auskennen. Diese Kenntnisse erlangt man in der Regel durch eine Ausbildung, bzw. Studium.
Daneben gibt es auch die Autodidakten, d. h. diejenigen die sich ihre Kenntnisse eigenständig erarbeiten. Ich nenne diese ‚Selberlerner‘, weil sie alle ihnen zugänglichen Medien und die Sache selbst dazu benutzen, um Kenntnisse zu bekommen. Autodidakten werden oft etwas geringschätzig betrachtet. Ihnen fehlt ja die entsprechende amtliche Qualifikation in Form eines anerkannten Abschlusszeugnisses.
Unsere Welt ist voller solcher Spezialisten. Wir brauchen sie. Nun erleben aber Hochsensitive oft und wiederholt, dass ihnen ausgerechnet von diesen Spezialisten eine amtliche Diagnose verweigert wird, die sie z. B. brauchen um auf dem Arbeitsmarkt als Behinderte vermittelbar zu sein.
Besonders für junge Arbeitssuchende ist dies wichtig, die nach einer Ausbildung im so genannten ‚ersten Arbeitsmarkt‘ unterkommen möchten.
Seit einigen Jahren etablieren sich auf dem privaten Arbeitsvermittlungsmarkt zunehmend Unternehmen, die hier den Betroffenen für bestimmte Berufsbereiche (v. a. IT-Branche) Vermittlungsangebote machen und Eingliederungshilfen ins Berufsleben anbieten.
Das ist auch gut und schön.
Es zeigt aber auch, dass Hochsensitiven, Autisten und Aspis nachdem sie schon während der Schule und Ausbildung mit ihrem Handicap eine Reihe von Nachteilen in Kauf nehmen und selber ausräumen mussten, nun auch noch beim Eintritt ins Berufsleben vor Schwierigkeiten stehen, die andere nicht haben. Dazu gehört u. a. die Anerkennung als Behinderter. Nur wenn diese Anerkennung amtlich beglaubigt vorliegt, kann das Arbeitsamt im Sinne des Betroffenen tätig werden.
Um die Reise von Spezialist zu Spezialist bestehen zu können, ist es für die Betroffenen wichtig, Kenntnisse über die eigenen Beeinträchtigungen zu erwerben und sie in Vergleich mit den amtlichen Kriterien setzen zu können. Dies gelingt am ehesten, wenn man durch ‚hinsehen‘ auf die eigenen Verhaltensweisen und Reaktionen in alltäglichen Situationen sich über sich selber schlau macht. Dies wäre als Forschung in eigener Sache zu bezeichnen. Man kann dies auch schriftlich festhalten.
Mit den selbst erhobenen Kenntnissen wird ein Betroffener zum Partner der Spezialisten. Er kann diese über seine individuellen Beeinträchtigungen fundiert informieren. Die Chance, Leistungen zu erhalten, die in unserer Gesellschaft Menschen mit Behinderungen gewährt werden, verbessert sich.

Hochsensitivitaet ist kein pathologisches Phänomen, …

… wohl aber koennen Hochsensitive Verhalten entwickeln, das aus der Sicht einer traditionellen Psychologie als krank bewertet wird. Aus meiner neurobiologisch basierten Sicht ist Hochsensitivitaet die Bezeichnung fuer eine sensorische Ausstattung von ca. 20% Menschen, die sich von der der 80% unterscheidet. Dies scheint fuer alle Lebewesen zuzutreffen. Dieser Sachverhalt ist weder positiv noch negativ zu bewerten, sondern festzustellen. Menschen mit dieser sensorischen Auspraegung nehmen mehr und anders wahr als andere. Bei hochsensitiven, kleinen Kindern kann dies zu einem Verhalten fuehren, bei dem gewohnte elterliche Verhaltensweisen keine Veraenderung bewirken, z. B. bei Unruhe, Schreien, Weinen … etc. in Situationen, wo andere Kinder gelassen sind. Je frueher dieses Problem auftritt, umso schwieriger wird die Situation fuer Eltern und Kind. Es kommt zu weiteren Verhaltensweisen, die irritieren (z. B. Sprechstoerungen, Hyperaktivitaet, gleichfoermigen Aktivitaeten …) Traditionelle Ratschlaege von Fachleuten wie z. B. konsequentes Erziehungsverhalten, Foerderprogramme, Korrekturen aller Art, passen nicht dazu, bzw. veranlassen Eltern Druck zu machen, dem sich Kinder entsprechend dem Grad ihrer hochsensitiven Ausstattung graduell entziehen bzw. sich widersetzen. Auf diese Weise entstehen auf beiden Seiten eine Reihe weiterer, vielfaeltiger Irritationen, die nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung beeintraechtigen, sondern weitere irritierende Verhaltensweisen zur Folge haben. Dies muendet dann irgendwann in Diagnosen wie verhaltensauffaellig, geistige Behinderung, ADS, ADHS, Autist nach Asperger oder Kanner, … etc.
Inzwischen zeigen sich in der internationalen Forschung deutliche Distanzierungen gegenueber dieser traditionellen Pathologisierung von Kindern und Erwachsenen. Als zentral, bzw. ursaechlich wird die andere Wahrnehmung, d. h. die hochsensitive Ausstattung angesehen und das diagnostisch relevante Verhalten wird als Folge des Umgangs mit dieser Ausstattung betrachtet.
Georg Theunissen , der erste Lehrstuhlinhaber fuer „Paedagogik bei Autismus“, hat 2014 ein Buch veroeffentlicht, in dem er diese innovative, wissenschaftliche Literatur darstellt, die vor allem im englisch-sprachigen Raum veroeffentlicht wurde und wird. Ich moechte dieses Buch – MENSCHEN IM AUTISMUS-SPREKTRUM – allen direkt und mittelbar Betroffenen empfehlen. Es bietet m. E. die Grundlage, auf die sich ein produktives Umgehen mit Hochsensitiven stuetzen kann. Es ist aehnlich grundlegend, wie das von Erich Schweingruber, DER SENSIBLE MENSCH.
Georg Theunissen: Menschen im Autismus-Sprektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart 2014.

Hochsensitive haben mehr Probleme zu lösen als andere.

In seinem Buch „Der sensible Mensch“ von Eduard Schweingruber aus dem Jahre 1934 fand ich Beschreibungen von Verhaltensmerkmalen, an Hand derer Menschen für sich herausfinden können, inwiefern sie sich dem Spektrum Hochsensitiver zuordnen können – vergleichbar Elaine Aaron. Als „sensibel“ bezeichnete Schweingruber vor achtzig Jahren Menschen, die über das Normalmaß hinaus empfinden. Er beschrieb Probleme ihrer Lebensführung und gab Tipps, wie sie sich verhalten können, damit sie besser mit ihrem Leben klarkommen. Die aufgezählten Merkmale verstand er als Anlässe, an denen Hypersensible – zu seiner Zeit die übliche medizinische Bezeichnung für Hochsensitive – anfangen, über sich selber nachzudenken. Das Leben – so fasste Schweingruber zusammen – gibt Hypersensiblen mehr zu tun als der Mehrzahl der Menschen ihrer Umgebung.

 

Hier nun Schweingrubers Beschreibungen:

  • Manche Hypersensible leiden nach ihrer täglichen Arbeitszeit und trotz ausgiebiger Erholung unter einer Dauermüdigkeit.
  • Andere Hypersensible ermüden manchmal schnell bei geringster körperlicher oder intellektueller Tätigkeit. Sie verhalten sich dann reizbar und schlaff.
  • Manche Hypersensiblen stellen fest, dass sie die alltäglichen Pflichten unterschiedlich konsequent erledigen. Ihre eigene Gefühls- und Gedankenwelt beeinträchtigt Beziehungen zu anderen.
  • Hypersensible sind oft derart fasziniert von ihren Interessen und Erlebnissen, sodass sie sich nur unter Schwierigkeiten anderem zuwenden können.
  • Hypersensible fühlen sich immer wieder völlig erschöpft und leer.
  • Hypersensible leiden wiederholt an Panikattacken, Magen-, Herzproblemen und Kopfschmerzen.
  • Hypersensible fühlen sich manchmal starr und unempfindlich.
  • Hypersensible denken lange über ein und dieselbe Sache nach, ohne weiter zu kommen. Die Umwelt sagt ihnen, man könne nicht mit ihnen reden.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie morgens mit einem Durcheinander von Wünschen und Affekten aus dem Schlaf kommen. Normale Menschen dagegen erwachen nach ihrer Beobachtung mit einer dem Alltag zugewandten Stimmung.
  • Hypersensible stellen oft fest, dass sie lange brauchen und vieles bedenken müssen, um sich zu entscheiden. Andere Menschen entscheiden sich schneller und nach klaren Kriterien.
  • Hypersensible fühlen sich oft gefangen zwischen zwei sie bedrängenden Wünschen. Sie können dann kaum klare Gedanken dazu fassen.
  • Hypersensible stellen für sich immer wieder fest, dass sie komplizierter, schwerfälliger oder haltloser, müder oder unfähiger reagieren. Sie empfinden sich empfindsamer, blockiert und übermäßig reizbar im Vergleich mit den stärkeren Naturen um sie herum.
  • Hypersensible haben vermehrt Eheprobleme. Sie bleiben an Kleinigkeiten des Zusammenlebens hängen, obwohl sie großzügig sein möchten.
  • Manchmal geraten Hypersensible in Übermutsstimmungen, auf die sie keinen Einfluss haben.
  • Therapien für neurotische Erkrankungen bleiben wirkungslos. Hypersensible empfinden ihr Leben nach Neurosetherapien problematischer als vorher. Sie fühlen sich schutzlos.
  • Hypersensible neigen zur Ungeduld. Manchmal scheint es ihnen so, dass sie ihre Ungeduld bei kleinen Anlässen beherrschen. Sie zeigt sich jedoch noch am nächsten Tag in Form einer unterirdischen Spannung als vorhanden.
  • Hypersensible verschweigen anderen aus sachlichen Gründen vieles. Dies ist ihnen unangenehm und führt, ohne dass sie es wollen, zur Abwehr gegen andere. Sie resümieren: Ich kann meine Gefühle nicht beherrschen.
  • Einem Hypersensiblen fällt auf, wie schwer es ihm fällt, wie viel es für ihn zu tun gibt, bis er seine fünf Sinne beisammen hat und er ruhig einer neuen Situation (Besuch, neue Geschäftsbeziehung, Umgebungsänderung … etc. ) entgegensehen kann.
  • Alle neuen Erlebnisse bewegen Hypersensible sehr stark und dieses ‚bewegt werden‘ ebbt erst allmählich ab.
  • Arbeiten und Leben im Augenblick werden bei Hypersensiblen durch Intentionalität beeinträchtigt. Alles momentane Handeln wird akribisch am Ziel bemessen. So sind sie gefühlsmäßig immer zwischen Tun und Ziel hin- und her gerissen.
  • Hypersensible stellen of fest, dass sie sich ständig verkrampfen.
  • Hypersensible fühlen sich hilflos mitgerissen von allem Interessanten.
  • Ein produktiv Arbeitender erlebt, wenn der produktive Strom fließt, und er sich ihm mit Fleiß und Ernst hingeben will -, wie dieser dann stockt und versiegt.
  • Hypersensible erleben manchmal, dass auf eine lange Zeit der Arbeitsfreude eine starke, beeinträchtigende Müdigkeit folgt.
  • Ein Hypersensibler kann regelmäßig – alle paar Wochen – erleben, dass seine positive Arbeitsstimmung verschwindet und er nur mühsam etwas tun kann.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie ohne Einfluss darauf sind, ob sie unbändig gesprächig oder starr, mitgerissen oder befangen sind.
  • Hypersensible neigen zu ausgeprägtem Schmerzempfinden.
  • Wenn ein Hypersensibler rückhaltlos von seinem Tun fasziniert ist, kann er dieses auch leisten. Sind aber auch nur kleinste Widerhaken fühlbar, so ist die ganze Kraft gehemmt.
  • Ein Hypersensibler ist dauernd damit beschäftigt, seine Affekte zu hüten und zu leiten wie eine Schafherde.
  • Ein Hypersensibler ist oft selber überrascht, wie stark und übermäßig er reagiert.
  • Hypersensible sind lärmempfindlich.
  • Hypersensible reflektieren in hohem Maße über sich selber.
  • Hypersensible brauchen mehr und längere Pausen als andere.

(Vgl. Eduard Schweingruber: Der sensible Mensch. 2. Auflage. München (Kindler) 1944, S.11-17.)

Das Buch ist nicht mehr im Handel zu haben. Auch gebrauchte Exemplare sind rar. Hier ein Link zu Wikipedia über Schweingruber.

‚hochsensitive‘ und konformes Verhalten

Ich bin Lehrerin. Meine Kollegen sagen, ich sei schwierig. Wenn Lehrer über andere – Kollegen, Schüler, Vorgesetzte, Eltern … etc. – sagen, sie seien schwierig, hat das in der Regel Negatives  zu bedeuten. Schwierigkeiten signalisieren für Lehrer Nonkonformistisches. Das entspricht ungefähr dem Gegenteil von dem, was sie für sich selber als „richtig“ und wichtig in Anspruch nehmen. Sie sehen sich als normenkonform im Allgemeinen und sie unterrichten konform mit dem, was von ihnen erwartet wird. Normenkonform heißt u. a.: So funktioniert ‚mensch‘  korrekt und insofern ist es aus ihrer Sicht in Ordnung den Anspruch auf Konformität zu stellen und dessen Einlösung zu erwarten.  

‚konform‘ ist ‚unkapierbar‘

 ‚hochsensitiven‘ gelingt es m. E. kaum, sich spontan konform zu verhalten, es sei denn, das was sie tun sollen, ist unmittelbar kapierbar. Konformismus dürfte aus meiner Sicht für einen ‚hochsensitiven‘ in der Regel nicht unmittelbar kapierbar sein. Ich sitze z.B. in einer Runde mit Lehrern, die ich nicht kenne. Der Gesprächsleiter schlägt vor: „Zu Beginn sollten wir eine Vorstellungsrunde machen.“ Ich habe damit ein Problem. Erstens frage ich mich, wieso überhaupt eine Vorstellungsrunde. Was haben einander fremde Menschen davon, wenn sie ihren Namen und noch ein paar ergänzende Bemerkungen über sich machen? Handelt es sich hier möglicherweise um eine Art Zeremonie, etwas einfach dazugehört? So was wie Händeschütteln?  Zweitens vergesse ich Namen sofort. Ich kann mich z.B. nur an die erinnern, die einen für mich bemerkenswerten Gesprächsbeitrag leisteten. Drittens setzt es mich unter Druck zu entscheiden, was passend sein könnte.

’schwierig‘ = ’nonkonform‘

So kann es mir mit einfachen konformen Erwartungen gehen. Viel komplexer und differenzierter muss ich mich orientieren, wenn es sich z. B. um inhaltliche Fragen meines professionellen  Handelns dreht. Da konforme Menschen selten nachfragen, wieso ich so oder so handle, wird meinem Handeln alles Mögliche unterstellt. Dies spitzt sich dann in dem Urteil zu, dass ich schwierig sei. Und das empfinde ich als schmerzhaft.

eine Pluralitaet von Sichtweisen wirkt gemeinschaftsstiftend

 Um meinen Schmerz zu verarbeiten, war es für mich wichtig herauszufinden, welchen Vorteil normenkonformes Verhalten haben könnte. Dem hochsensitiven Philosophen Rolf Reinhold verdanke ich die Idee, dass Menschen von anderen akzeptiert und d.h. auch von anderen miteinbezogen werden, in das was sie tun. Bei einigen Aboriginistämmen Australiens z.B. führt gemeinschaftsstörendes Verhalten zu einem rituellen Ausschluss und endet mit dem Tod des Betroffenen, ohne dass Hand an ihn gelegt wird (vgl. Irving King: Australian Morality. In: Popular Science, Febr. 1910 (Bonnier Corporation),  S. 147- 156 :  „If forbidden food were eaten, even by chance, the offender has been known to pine away and shortly die.“ S. 149) . Konformes Verhalten  ermöglicht es, Mitglied einer lebensnotwendigen Gemeinschaft bleiben zu können. Dieses berechtigte Interesse konformer Menschen ermöglicht mir, sie zu akzeptieren, auch wenn ihre Ablehnung schmerzt: auch ich möchte Teil ihrer Menschengemeinschaft sein. Ein weiterer Aspekt: Ich gehe davon aus, dass normalsensitive Menschen nicht merken, was ich merke. Es wäre hier also der biologisch-genetische Unterschied, der als vorhanden akzeptabel ist und mir ermöglicht, ihnen gegenüber weiterhin zugewandt zu handeln: Jeder merkt eben nur das, was er merkt und nur davon kann er ausgehen. Außerdem ist da noch die berufliche Sozialisation von Lehrern, die ‚merken‘ stark beeinträchtigt – unabhängig davon ob jemand biologisch-genetisch hochsensitiv bzw. normalsensitiv ausgestattet ist. ‚hochsensitive‘ Lehrer dürften vermutlich die besten Anlagen für diese Tätigkeit mitbringen. Die berufliche Sozialisation verlangt aber von Lehrern, dass sie Theorien über eine behauptete Wirksamkeit ivon Unterrichten übernehmen und folgen sollen – was hochsensitivem Empfinden entgegensteht -, anstatt zu lernen, sich an dem orientieren zu dürfen, was sie merken könnten. Die meisten Lehrer könnten eventuell unter einem mehr oder weniger starken Unbehagen leiden, u. a. weil sie ihren eigenen Augen und Empfindungen nicht trauen dürfen. Doch selbst dieses Unbehagen müssen sie in der Regel verbergen, weil sonst Gefahr für ihr erlerntes, konformes Verhalten besteht.

‚konform‘ und ‚hochsensitiv‘ scheinen sich auszuschlieszen

Derartige Überlegungen scheinen Folgen zu haben, die ‚miteinander-tun‘ für mich auch unter Schwierigkeiten möglich macht. Diese Folgen entsprechen meinem ureigensten Bedürfnis, mit anderen gemeinsam zu handeln. Ich denke, dass dieses Bedürfnis bei allen Menschen vorhanden ist. Eventuell ist es sogar bei ‚hochsensitiven‘ stärker als bei konformen Menschen ausgeprägt. Konforme Menschen stützen sich ja – mehr oder weniger erfolgreich – auf ihr „Richtig-Sein“. Dieser m. E. fragwürdige Strohhalm – wie ich gerade erläuterte – dürfte ‚hochsensitiven‘ nicht zur Verfügung zu stehen. Wenn sie sich daran festhalten möchten und Rituale entwickeln, die ihnen den Anschein von Konformität geben sollen, dürften ‚hochsensitive‘ keine Verbesserung ihres Lebensgefühls feststellen können.