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Verschiedenheit (Diversitaet) statt Normalitaet …

…ist auf diesen Seiten immer wieder mein Thema. Es ist ueblich, dass unsere Kultur die anerkennt, die normal sind. D. h. fuer Menschen, die abweichen, dass sie nicht vollstaendig dazu gehoeren. Unter dem Stichwort ‚Inklusion‘ haben die WHO und die UNO darauf hingewiesen, dass Inklusion ein Menschenrecht ist.

Menschen sind verschieden.

Nicht bedacht wurde dabei, dass Menschen weltweit in Kategorien denken und fuehlen, die sich am Normalen orientieren. Dass heute die VERSCHIEDENHEIT von Menschen thematisiert wird, ist ein Hinweis darauf, dass es Menschen nicht selbstverstaendlich ist, dass Menschen prinzipiell verschieden sind. Jeder stimmt zu, wenn man sagt, dass Menschen verschieden sind, aber jeder tut so, als gaebe es so was wie normal, indem er z. B. normales Verhalten fordert.

Menschen haben verschiedene Bedürfnisse

In der Sache bezeichnen wir mit Normalitaet inzwischen das, was mehrheitlich so bezeichnet wird. Normal sein, heiszt sich so verhalten, so zu denken wie die Mehrheit denkt. Wuenschen sich Menschen das heute wirklich noch? Wollen wir nicht alle lieber unseren eigenen Beduerfnissen folgen? Was unterscheidet so genannte Normale von so genannten Nicht-Normalen auszer ihren Beduerfnissen?

„Normal“ ist ein quantitatives Kriterium

Ueber den Umweg von Stoerungen des Normalen – wie Hochsensitive dies bei sich beobachten und wie andere es an ihnen feststellen – wird Normales immer oefter in Frage gestellt. Vor allem auch deshalb, weil so genannte nicht Normale, wie Hochsensitive u. a., nicht auf Therapien reagieren, die sie ’normal‘ machen sollen. ‚Normal‘ ist kein erreichbarer Zustand, sondern etwas, das die Summe aller Verhaltensmerkmale einer Mehrheit ausmacht. Es ist also ein quantitatives Kriterium. Auch normale Menschen merken immer oefter, wodurch sie sich von anderen Normalen unterscheiden.

Verschieden und Okay

Merkwuerdigerweise halten sie diese Unterschiede fuer normal, fuer ‚voll normal‘ wie manche sagen. Dabei handelt es sich um Vorlieben unterschiedlichster Arten wie Lebensweisen, Essgewohnheiten, Freizeitbeschaeftigungen, Freundeskreis, Berufswahl, Empfindungen … etc. Die Öffnung fuer Verschiedenheiten ist auch eine grosze Chance fuer alle Hochsensitiven. Ihre Verschiedenheiten brauchen dann nicht mehr als Stoerungen des Normalen angesehen werden, sondern als Merkmale eines ganz bestimmten Menschen. Und im übrigen gilt, um es mit einer alten Psychologenweisheit zu sagen: „Du bist ok, ich bin ok, wir sind ok.“

Wer ist ein Autist bzw. ein Aspi?

Die Antwort wird medizinisch mit Hilfe entsprechender Diagnose-Kriterien gegeben. Es gibt diagnostizierte ASPIs, die dann sagen „Ich habe Asperger.“ Oder „Ich habe Autismus.“ So als haetten sie einen Virus eingefangen. Wenigstens wirkt dies auf mich manchmal so. Aus Berichten von Leuten, die eine Diagnose brauchen, um als behindert anerkannt zu werden, ergibt sich immer wieder fuer mich der Schluss, dass diese Kriterien Medizinern keine Orientierung geben, vor allem dann, wenn sie wenig Kenntnisse ueber autistisches bzw. aspisches Verhalten haben.

Können Betroffene berufstätig sein?

Vor allem aeltere Betroffene aus dem ASP-Spektrum, die jahrelang die verschiedensten Beeintraechtigungen und Probleme erlebten, haben Schwierigkeiten eine zutreffende Diagnose zu bekommen. Manche werden abgewiesen, weil sie berufstaetig sind oder waren und deshalb nicht zum ASP-Spektrum gezaehlt werden.

Helfen traditionelle psychiatrische Therapien?

Junge Betroffene werden im Anschluss an eine Diagnose in der Regel mit traditionellen psychiatrischen Methoden behandelt und mit Therapien und Medikamenten versorgt. Dabei wird sowohl in der Fachliteratur als auch von Betroffenen berichtet, dass derartige Therapien nichts nuetzen. Verhaltenstherapeutische Trainings schon eher, wenn die Unterstützer reflektieren können, was sie tun. U. a. berichtet Theunissen in „Menschen im Autismusspektrum“ (S. 168-172) ueber die problematischen Folgen traditioneller psychiatrischer Therapien. Verhaltenstherapie kann in Verbindung mit einem unterstuetzenden Beratungskonzept fuer alle Hochsensitiven (ASPIs, Autisten, ADHSler, ADSler) dem Betroffenen Fortschritte ermoeglichen, mit Menschen und in sozialen Bezuegen (u. a. Arbeitswelt) besser klar zu kommen. Informationen dazu gibt es u. a. auf der Webseite des Hamburger Autismus-Institutes oder auf der Seite des Koelner Autismus Therapie Zentrums .

Sind Aspis und Kanners geisteskrank?

Wenn Mediziner auf die Idee kommen, einem Betroffenen Medikamente zu geben, wird deutlich, dass in Deutschland hochsensitive Menschen als Kranke betrachtet werden, die geheilt werden muessen. Inzwischen spricht aber immer mehr dafuer, dass die Sensoren von Hochsensitiven anders funktionieren. Es ist also die neurophysiologische Ausstattung, die den Unterschied eines Hochsensitiven (ASP-Spektrum: ASPI, Autismus, Kannersyndrom…) zu normalen Menschen ausmacht. Niemand kaeme auf die Idee blind- oder taubgeborene Menschen mit Medikamenten zu behandeln, damit sie sich in der Welt der Sehenden und Hoerenden besser zurechtfinden. Solche Menschen muessen einfach viel lernen, um mit ihrer Behinderung ein moeglichst optimales Leben fuehren zu koennen.

Sind Betroffene lernfähig?

Von Betroffenen aus dem ASP-Spektrum wird regelhaft durch Fachleute und entsprechend von den Angehoerigen Anpassung gefordert. Auch dies spricht gegen die Qualitaet der Diagnosekriterien. Erfreulicherweise gibt es auch Angehoerige, die darueber anders denken und anders mit ihren Kindern umgehen. Neben Temple Grandin, die ohne ihre Mutter heute in einem Heim dahindaemmern wuerde, gibt es u. a. das ‚Son-Rise-Programm‘ der Kaufmanns, das auch inzwischen betroffene Familien in Deutschland erfolgreich umsetzen und z. B. das Verhaltenstraining nach ABA. D. h. es gibt Ideen
wie Menschen erfolgreich lernen – deren Sensoren etwas anders als ueblich funktionieren -, ja sogar erprobte Lernkonzepte, die Betroffene unterstuetzen und so ihr eigenstaendiges Leben foerdern. Solange aber Fachleute und Angehoerige davon ausgehen, dass Hochsensitive krank sind, ja sie sogar als geisteskrank bezeichnet werden, verpassen Menschen aus dem hochsensitiven Spektrum die Chance, durch Lernen fuer sich Verbesserungen zu erreichen. Betroffenen bleibt angesichts solcher Behauptungen in der Regel nur die Entscheidung, sich selber fuer irreparabel behindert bzw. gestoert zu betrachten. Dabei ist bekannt, dass sie oft nicht nur einzigartige Faehigkeiten und spezielle Interesse haben, sondern auf ihre ganz eigene Weise lernen, die schulische Lerntheorien und damit Unterrichtsmethoden radikal in Frage stellen.

Das muss man nicht so kompliziert machen …

… kommentierte kuerzlich jemand meinen Beitrag als es um moegliche Loesungen eines Problems ging. Normal-sensitive Menschen gehen unreflektiert davon aus, dass ihre Sichtweise ausreichend fuer jede Art von Problemloesung sei. Dies entspricht offensichtlich auch ihrer biologischen Ausstattung: Ihre Sensoren leiten weniger Impulse ins Gehirn weiter als die Hochsensitiver. Hochsensitive sehen und fuehlen mehr und setzen mehr Unterschiede zwischen Dingen, Menschen und Situationen. Fuer sie sind daher die Dinge komplexer. Komplexitaet darf ein bestimmtes Masz nicht ueberschreiten, sonst geht die Orientierung verloren. Jeder Mensch muss sich orientieren koennen und er grenzt daher vieles aus, was ihm irrelevant zu sein scheint. Dies gilt auch fuer Hochsensitive. Doch ihnen ist bei diesem Ausgrenzen unwohl. Sie haben Schwierigkeiten, sich fuer eine bestimmte Moeglichkeit zu entscheiden. Sie muessen allen Moeglichkeiten nachgehen, die sie wahrnehmen. Sie brauchen mehr Zeit fuer Entscheidungen, wirken solange leicht irritiert und irritieren damit Normalsensitive. Hochsensitive leben damit und mit den Folgen. U. a. damit, dass ihre komplexeren Sichten Unmut hervorrufen. Sie werden mit wenig achtsamen Kommentaren ‚abgepatscht‘. Aehnlich wie laestige Fliegen mit einer Fliegenpatsche abgewehrt werden. Dies tut weh. Es hilft zum Abbau des Schmerzes, „in der Sache zu bleiben“ und sich auf die moeglichen Bedingungen zu besinnen, die das Verhalten von Normalsensitiven hervorrufen.
Der Wunsch sich orientieren zu koennen, hat in unserer Kultur eine Tradition entstehen lassen, die alles ausgrenzt, was fuer die Mehrheit nicht relevant ist. Sie orientiert sich innerhalb von festgezurrten, d. h. fixen Weltsichten. Dort sind solche Kommentare, wie „Das muss man nicht so kompliziert machen …“ verankert. Diese signalisieren, dass da etwas nicht in die eigene Sicht passt. Wie ein Puzzleteil, das nicht passt und deshalb nicht verwendet werden kann. Es dauert in der Regel lange, bis das in mehrheitlich vertretene Sichten aufgenommen wird, was einmal ausgegrenzt wurde.
Menschen gehen z. B. ’selbstverstaendlich‘ davon aus, dass Kinder Druck brauchen, um zu lernen. Die neurobiologischen Forschungsergebnisse haben inzwischen in allen Wissenschaften, die den Menschen direkt betreffen, die Idee verbreitet, dass Druck Angst erzeugt und den ‚zweckdienlichen Gebrauch unserer biologischen Grundausstattung‘ – Nervensystem – verhindern (Heinrich Jakobi). Diesem Sachverhalt, der bereits vor ca. 100 Jahren von Jakobi so formuliert wurde, kann in der Sache kaum widersprochen werden. Normalsensitive lassen sich aber auf die Sache ’neurobiologische Grundausstattung‘ nicht ein. Sie verweisen in einmuetiger Uebereinstimmung mit Gleichgesinnten auf die positiven Wirkungen von ‚Druck‘ in ihrer eigenen Lernbiographie. Diese genauer zu betrachten, verweigern sie genauso. Kurz gefasst: Normalsensitive sind nicht in der Sache. Sie urteilen nach gemeinsam teilbaren Erfahrungserwerten – Druck hat mir nicht geschadet (was bisher noch keine Studie ergeben hat) – und denen anderer. Diese Uebereinstimmung mit anderen ist Basis ihres ‚handeln‘.  
Fuer Hochsensitive ist Uebereinstimmung mit anderen kein Kriterium dafuer, dass eine bestimmte Sicht funktionierendes ‚handeln‘ hervorbringt. Sie stellen fest, dass die meisten der Sichten, die ihnen ihre Umgebung anbietet, defizitaer wirken und neue Probleme aufwerfen. Vor allem letztere werden mehrheitlich ignoriert. Es wird behauptet, es gaebe da keine Probleme, wenn man eine bestimmte Sichtweise (Methode, Theorie) nur „richtig“ umsetze. Das als moegliches Korrektiv wirkende hochsensitive ‚hinsehen‘ auf das, was wirklich passiert, wird so zum Aergernis.        

„Kommunikative Kompetenz“

„Ein typisches Problem scheint fuer viele Aspies in der Interaktion mit anderen Menschen zu liegen.“ schreibt Rolf Reinhold auf seiner Aspie-Seite „Kommunikative Kompetenz“. ASP steht bei ihm fuer „Autonomistic Spectrum Person“. Damit sind alle Menschen gemeint, die sich durch eine ausgepraegte Eigenwilligkeit auszeichnen. Sie duerften alle hochsensitiv sein.  Von diesen moeglichen Zusammenhaengen war bisher auf diesen Seiten noch wenig die Rede. Im Blick auf mich stimme ich zu. Ich werde mich in spaeteren Artikeln damit eingehender beschaeftigen, indem ich Bezuege zu meinem eigenen Leben herstelle.
In diesem Artikel soll es um die im letzten angekuendigte Antwort auf die Frage gehen:
Wie koennen Hochsensitive mit anderen klar kommen und im Kontakt sein?
Rolf Reinhold meint, dass Hochsensitive bzw. Aspies ein Kapital mitbringen, das sie zum ‚klarkommen‘ und ‚im Kontakt sein‘ befaehigt  :
Aspies sind naemlich aus seiner Sicht
„sachorientiert,“
„funktionsorientiert,“
„situationsorientiert,“
„momentorientiert“ und daher
„situationsflexibel,“
„szenenhaft erinnernd“ und
„bildhaft denkend“ („Ich stell mir grad vor, wie …“)

„sachorientiert“?

Ich habe immer wieder erlebt, dass Kommunikation aus meiner Sicht an der Sache vorbeiging. Dies verwirrte mich oft.
Hier zwei Beispiele aus einer Fuelle von vielen:
Erstes Beispiel: Als junges Maedchen wurde ich von einem Bademeister in einer oeffentlichen Schwimmhalle dafuer getadelt, dass ich angeblich ohne Ruecksicht auf andere einen Kopfsprung ins Becken gemacht habe. Ich war mir sicher, dass dies nicht zutreffend war. Als ich widersprach, wiederholte er seine Behauptung. Ziemlich auszer mir, erzaehlte ich den Vorfall zu Hause und wurde wieder zurechtgewiesen. Ich solle mir das Verhalten des Bademeisters nicht so zu Herzen nehmen. Niemand zeigte Interesse an dem, was wirklich passiert war.  
Zweites Beispiel: Waehrend eines Abendessens mit Kindern und Erwachsenen bat eines der Kinder um ein zweites Wuerstchen. Seine Mutter verweigerte es ihm. Das sei nicht gesund, weil es mit dem anderen die ganze Nacht unverdaut im Magen liegen bliebe. Sichtlich beeindruckt von dieser Vorstellung wiederholte das Kind seinen Wunsch nicht mehr. Als ich spaeter darauf hinwies, dass dies m. E. nicht so sei, erhielt ich von der Mutter zur Antwort: „Du kannst auch nichts so stehen lassen!“
„sachorientiert“ waere im ersten Fall gewesen, den Hergang zu rekonstruieren und im zweiten Fall, meine Behauptung nachzupruefen. Ich denke, dass andere Hochsensitive hier viele aehnliche Erlebnisse berichten koennen. Diese Erlebnisse koennen auch Kommentare wie: „Du bist immer so nuechtern!“… einschlieszen. Menschen mit neurobiologischer Normalausstattung neigen dazu, statt die Sache zu beschreiben, ihre Interpretationen ins Gespraech zu bringen. Sie nennen dies „über die Sache sprechen“. Hochsensitive gehen von ihrem ‚hinsehen‘ aus, sie moechten schildern, was sie sehen und fuehlen und geben anderen Hinweise in der Sache. Dieses ‚in der Sache bleiben‘ – wie Rolf Reinhold es nennt – hat den Vorteil, dass man sich nicht ums Rechthaben streiten muss. Ich finde das ‚in der Sache bleiben‘ sehr angenehm. Ueber die Kurzsichtigkeit des anderen mich aufzuregen, verschiebe ich dann aufs  „stille Kaemmerlein“ zu Hause. Hochsensitive ziehen sich angesichts solcher Erlebnisse im Laufe ihres Lebens zurueck. Sie werden schweigsam und in sich gekehrt. Ich halte „sachorientierte“ Kommunikation fuer eine Staerke.

funktionsinteressiert?

Ja, bis andere mit der Behauptung verstoeren, dass Funktion der Form nachgeordnet sei. Ein hochsensitives Maedchen kaut im Unterricht gedankenverloren an ihrem Bleistift. „Warum arbeitest du denn nicht?“, fragt ihre Lehrerin. „Ich ueberlege, was schneller geht: ob ich die Aufgabe so oder so loese.“ Die Lehrerin: „Das ist doch egal! Hauptsache du findest das richtige Ergebnis!“ Da reden zwei aneinander vorbei. Die Lehrerin signalisiert: Es ist fragwürdig, wie du vorgehst. Du funktionierst nicht richtig. Hochsensitive sind aber gerade daran interessiert, dass etwa möglichst optimal funktioniert. Ausschließlich einen Weg zu kennen, der schnell Ergebnisse finden laesst, ist für sie uninteressant. Sie freuen sich „wie die Kinder“, wenn sie ihren eigenen Weg ‚herausfinden‘, mit dem etwas für sie optimal funktioniert. Das gilt für das ‚reparieren‘ von Espressomaschinen genauso wie für das ‚pflegen‘ einer Pflanze. Rolf Reinhold nennt dies ‚Funktionsfreude‘. Normenkonforme Menschen sind ausschließlich an Ergebnissen interessiert. Deshalb könnten sie es vorziehen, vorgegebenen Wegen zu folgen, anstatt die eigenen zu finden. Dies erzeugt langfristig Langeweile, der durch Freizeitvergnügen begegnet wird.

situationsorientiert?

Infolge ihrer hochsensitiven, biologischen Ausstattung sensorieren Hochsensitive Situationen sehr detailliert. Dabei stellen sie immer wieder fest, dass keine Situation der anderen gleicht. „dasselbe“ ist fuer sie ein Wort ohne sensorischen Eindruck. David Hume – vermutlich ein hochsensitiver Philosoph – hielt „dasselbe“ bzw. „identisch“ fuer ein Konstrukt von Vorstellungen. Menschen verbinden assoziativ, das was ihnen aehnlich zu sein scheint. Sie sehen dabei gewohnheitsmaeszig von Unterschieden ab und behaupten in der Folge: Zwei bestimmte Situationen sind gleich. Das umfangreichere Spektrum von Eindruecken, das durch ihre niedrigschwelligen Sensoren entsteht, verwehrt Hochsensitiven vergleichbare Gewohnheiten und Selbstverstaendlichkeiten. Dies ist nicht nur im Zwischenmenschlichen, sondern auch fuer wissenschaftliche Experimente und Beobachtungen von Bedeutung. Fuer Hochsensitve koennten Tätigkeiten, die mit ‚beobachten‘ und ‚hinsehen‘ zu tun haben, attraktiv sein.

„momentorientiert“ und daher „situationsflexibel“?

Menschen mit einer neurobiologischen Normalausstattung uebersehen Unterschiede. Sie sind in der Regel auch nur daran interessiert, normenkonform zu handeln. Fuer sie ist Alltaegliches immer gleich. Hochsensitive erleben jeden Augenblick neu. Es gibt hier vermutlich je nach  sensorischer Lage Unterschiede. Ich fuehle mich sehr wohl dabei, wenn ich mich auf diese vielen Momente (z. B. mit meinen Schuelern) einlassen kann. Spaeter denke ich darueber nach und lerne daraus: Ich kann wieder neue Unterschiede setzen und mich darauf einstellen. Moeglicherweise kann diese unueberschaubare Vielzahl von Momenten, die ich in die unterschiedlichsten Zusammenhaenge setzen kann, Angst ausloesen. Ich habe oft den Eindruck, dass ich keinen Ueberblick habe. Dies hat den Vorteil, dass ich offen bleiben kann, bis ich „den Impuls zum ‚handeln‘ spuere“ (Rolf Reinhold). Mein ‚handeln‘ wird so optimiert, jedoch niemals festgeschrieben. Andere Menschen erzaehlen von sich, dass sie „immer in bestimmter Weise“ handeln, wenn „eine bestimmte Situation“ eintritt. Ich gehe nicht davon aus, dass sich etwas 1:1 wiederholt. Ich lasse mich daher von meinem ‚handeln‘ ueberraschen. Ich kann mir zwar moegliche Situationen vorstellen und dazu auch moegliches ‚handeln‘ imaginieren, doch wie ich dann wirklich handle, weisz ich vorher nicht.

„szenenhaft erinnernd“ und „bildhaft denkend“ ?

Ich habe in frueheren Zeiten vergeblich nach meinen Gedanken in mir Ausschau gehalten. Ich habe sie auf Notizzetteln, in Texten  und beim Reden gefunden. Alles, was ich sehe und fuehle, wenn ich meine Augen schliesze, sind mehr oder weniger starke Vorstellungen (Erinnerungen), die sich auf Erlebtes beziehen. Ich kann diese Vorstellungen neu kombinieren und Problemloesungen erschaffen. Ich kann fiktive Welten bauen, Geschichten und Gedichte dazu erfinden. Manche Philosophen gehen davon aus, dass Menschen in Sprache denken. Fuer mich gibt es Selbstgespraeche im Kontext meiner Vorstellungen. Sie sind eine „Art“ von Dialog, bei entsprechender Fantasie kann dies in einen Polylog muenden, den ich spaeter mit Worten auf den Punkt bringen kann. Ich gehe davon aus, dass mein ’sprechen‘ ein Endprodukt dessen ist, was und wie ich erlebt und verarbeitet habe.

Was mache ich hier eigentlich?

Fuer Hochsensitive stellt sich die Frage, in wie weit sie sich auf das einlassen koennen, was fuer andere selbstverstaendlich ist, in anderer Weise als fuer andere. Durch meinen  Beruf bin ich taeglich im Kontakt mit Menschen, fuer die sich diese Frage in der Regel gar nicht erst stellt. Im Gegenteil: Es ist fuer sie ueblich, sie zu ignorieren oder abzuwehren, wenn sie aus irgendeinem Anlass beruehrt wird oder gar auftaucht, weil jemand sie stellt. Lehrer sind in der Regel normenkonform, d. h. fuer sie hat ‚anpassen‘ einen hohen Wert. Ihnen scheint es in hoechstem Masze zu gelingen, mit anderen ueberein zustimmen. Sie nehmen es dabei nolens volens billigend in Kauf, andere auszugrenzen. Dies koennte – auszer mit einer haeufig vorkommenden neurobiologischen Ausstattung – mit einer Sozialisation bzw. Enkulturation zusammen haengen, die nur Fragen zulaesst, die sie auch beantworten kann. Andere Fragen werden missbilligt. Schon Kinder lernen, welche Fragen erlaubt sind.
Meine Frage: Was machen die hier oder was mache ich hier eigentlich? stiesz stets auf Unverstaendnis bei anderen, sie rief sogar Unmut hervor. Ich stellte sie schlieszlich nur noch mir, allerdings haben mich jeweils meine Antworten, immer auch selber vor den Kopf gestoszen. Diese Antworten waren an das Resuemee gekoppelt: Ich seh‘ das anders, was ‚uebereinstimmen‘ ausschloss und den Kontakt mit anderen immer wieder jaeh unterbrach. Menschen, die mich laenger kannten, erlebten mich so als anders und sie reduzierten ihren Kontakt mit mir, wie ich auch mit ihnen: Ich wollte andere nicht vor den Kopf stoszen; immer wieder zu erleben, mit anderen nicht uebereinstimmen zu koennen, war auszerdem schmerzhaft. So wird Einsamkeit zur bevorzugten Wahl. Ich vermute, dass diese Erfahrung letztlich auch die Trennung von meinem Exmann herbeifuehrte: Ich lebte mit einem Menschen zusammen, dem ich sehr zugeneigt war und noch bin, doch der Kontakt wurde immer eingeschraenkter.
Dabei habe ich ein ausgepraegtes Beduerfnis nach Kontakt mit anderen. Dies erlebe ich in meiner Selbsthilfegruppe. Es ist fuer mich sehr angenehm, mit anderen Hochsensitiven bzw. Menschen aus dem AutismusSpektrum zusammen zu sein. Doch wieder stellt sich die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Ich mag eigentlich keine Clubs, obwohl meine Selbsthilfegruppe fuer mich sehr nuetzlich ist. Ich moechte aber nicht als ‚Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen‘ mein Leben verbringen. Ich moechte mit Menschen, denen ich begegne, klar kommen und auch Kontakt haben. Im naechsten Artikel moechte ich zusammen mit Ideen von Rolf Reinhold eine Antwort geben.

Fortsetzung folgt.       

‚hochsensitive‘ und konformes Verhalten

Ich bin Lehrerin. Meine Kollegen sagen, ich sei schwierig. Wenn Lehrer über andere – Kollegen, Schüler, Vorgesetzte, Eltern … etc. – sagen, sie seien schwierig, hat das in der Regel Negatives  zu bedeuten. Schwierigkeiten signalisieren für Lehrer Nonkonformistisches. Das entspricht ungefähr dem Gegenteil von dem, was sie für sich selber als „richtig“ und wichtig in Anspruch nehmen. Sie sehen sich als normenkonform im Allgemeinen und sie unterrichten konform mit dem, was von ihnen erwartet wird. Normenkonform heißt u. a.: So funktioniert ‚mensch‘  korrekt und insofern ist es aus ihrer Sicht in Ordnung den Anspruch auf Konformität zu stellen und dessen Einlösung zu erwarten.  

‚konform‘ ist ‚unkapierbar‘

 ‚hochsensitiven‘ gelingt es m. E. kaum, sich spontan konform zu verhalten, es sei denn, das was sie tun sollen, ist unmittelbar kapierbar. Konformismus dürfte aus meiner Sicht für einen ‚hochsensitiven‘ in der Regel nicht unmittelbar kapierbar sein. Ich sitze z.B. in einer Runde mit Lehrern, die ich nicht kenne. Der Gesprächsleiter schlägt vor: „Zu Beginn sollten wir eine Vorstellungsrunde machen.“ Ich habe damit ein Problem. Erstens frage ich mich, wieso überhaupt eine Vorstellungsrunde. Was haben einander fremde Menschen davon, wenn sie ihren Namen und noch ein paar ergänzende Bemerkungen über sich machen? Handelt es sich hier möglicherweise um eine Art Zeremonie, etwas einfach dazugehört? So was wie Händeschütteln?  Zweitens vergesse ich Namen sofort. Ich kann mich z.B. nur an die erinnern, die einen für mich bemerkenswerten Gesprächsbeitrag leisteten. Drittens setzt es mich unter Druck zu entscheiden, was passend sein könnte.

’schwierig‘ = ’nonkonform‘

So kann es mir mit einfachen konformen Erwartungen gehen. Viel komplexer und differenzierter muss ich mich orientieren, wenn es sich z. B. um inhaltliche Fragen meines professionellen  Handelns dreht. Da konforme Menschen selten nachfragen, wieso ich so oder so handle, wird meinem Handeln alles Mögliche unterstellt. Dies spitzt sich dann in dem Urteil zu, dass ich schwierig sei. Und das empfinde ich als schmerzhaft.

eine Pluralitaet von Sichtweisen wirkt gemeinschaftsstiftend

 Um meinen Schmerz zu verarbeiten, war es für mich wichtig herauszufinden, welchen Vorteil normenkonformes Verhalten haben könnte. Dem hochsensitiven Philosophen Rolf Reinhold verdanke ich die Idee, dass Menschen von anderen akzeptiert und d.h. auch von anderen miteinbezogen werden, in das was sie tun. Bei einigen Aboriginistämmen Australiens z.B. führt gemeinschaftsstörendes Verhalten zu einem rituellen Ausschluss und endet mit dem Tod des Betroffenen, ohne dass Hand an ihn gelegt wird (vgl. Irving King: Australian Morality. In: Popular Science, Febr. 1910 (Bonnier Corporation),  S. 147- 156 :  „If forbidden food were eaten, even by chance, the offender has been known to pine away and shortly die.“ S. 149) . Konformes Verhalten  ermöglicht es, Mitglied einer lebensnotwendigen Gemeinschaft bleiben zu können. Dieses berechtigte Interesse konformer Menschen ermöglicht mir, sie zu akzeptieren, auch wenn ihre Ablehnung schmerzt: auch ich möchte Teil ihrer Menschengemeinschaft sein. Ein weiterer Aspekt: Ich gehe davon aus, dass normalsensitive Menschen nicht merken, was ich merke. Es wäre hier also der biologisch-genetische Unterschied, der als vorhanden akzeptabel ist und mir ermöglicht, ihnen gegenüber weiterhin zugewandt zu handeln: Jeder merkt eben nur das, was er merkt und nur davon kann er ausgehen. Außerdem ist da noch die berufliche Sozialisation von Lehrern, die ‚merken‘ stark beeinträchtigt – unabhängig davon ob jemand biologisch-genetisch hochsensitiv bzw. normalsensitiv ausgestattet ist. ‚hochsensitive‘ Lehrer dürften vermutlich die besten Anlagen für diese Tätigkeit mitbringen. Die berufliche Sozialisation verlangt aber von Lehrern, dass sie Theorien über eine behauptete Wirksamkeit ivon Unterrichten übernehmen und folgen sollen – was hochsensitivem Empfinden entgegensteht -, anstatt zu lernen, sich an dem orientieren zu dürfen, was sie merken könnten. Die meisten Lehrer könnten eventuell unter einem mehr oder weniger starken Unbehagen leiden, u. a. weil sie ihren eigenen Augen und Empfindungen nicht trauen dürfen. Doch selbst dieses Unbehagen müssen sie in der Regel verbergen, weil sonst Gefahr für ihr erlerntes, konformes Verhalten besteht.

‚konform‘ und ‚hochsensitiv‘ scheinen sich auszuschlieszen

Derartige Überlegungen scheinen Folgen zu haben, die ‚miteinander-tun‘ für mich auch unter Schwierigkeiten möglich macht. Diese Folgen entsprechen meinem ureigensten Bedürfnis, mit anderen gemeinsam zu handeln. Ich denke, dass dieses Bedürfnis bei allen Menschen vorhanden ist. Eventuell ist es sogar bei ‚hochsensitiven‘ stärker als bei konformen Menschen ausgeprägt. Konforme Menschen stützen sich ja – mehr oder weniger erfolgreich – auf ihr „Richtig-Sein“. Dieser m. E. fragwürdige Strohhalm – wie ich gerade erläuterte – dürfte ‚hochsensitiven‘ nicht zur Verfügung zu stehen. Wenn sie sich daran festhalten möchten und Rituale entwickeln, die ihnen den Anschein von Konformität geben sollen, dürften ‚hochsensitive‘ keine Verbesserung ihres Lebensgefühls feststellen können.   

Schuechtern


Seit ich mich selber unter der Fragestellung ‚Bin ich hochsensitiv?‘ betrachte, sehe ich Menschen, solche mit denen ich es persoenlich zu tun habe und solche, deren Aeusserungen und Biographien ich gelesen habe, auch unter dieser Fragestellung an.

Schuechterne Philosophen

Bei dem Woertchen „schuechtern“, das jemand fuer sich gebraucht oder mit dem andere einen Menschen bezeichnen, werde ich hellwach. Dies war auch der Anlass, dass ich einen Link zu einem kurzen Video mit dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty setzte. Mit seinen Anregungen zum ‚philosophieren‘ und seiner Biographie beschaeftige ich mich seit einiger Zeit.
Er bezeichnete sich selber als ‚bookish‘, was man moeglicherweise mit ‚buechernaerrisch‘ oder gar ‚buechersuechtig‘ uebersetzen koennte. Ausser Buechern haben ihn zeitlebens nur noch Naturbeobachtungen in aehnlicher Weise fasziniert, erzaehlte er in dieser Videodokumentation.
Dass ihm ausserdem, das Glueck seiner 25jaehrigen Ehe wichtig war, das seiner Kinder und sein beruflicher Erfolg, nehme ich auf Grund anderer Dokumente an und erwaehne dies hier, um diesem Bild noch weitere Facetten hinzuzufuegen. Faszination koennte aber moeglicherweise etwas anderes sein, als das, was Menschen empfinden, wenn sie Beziehungen mit anderen Menschen erleben.

Schuechterne Kinder

Ich bin im Laufe meiner Berufstaetigkeit immer wieder Kindern begegnet, die als ’schuechtern‘ bezeichnet wurden. Meistens werden mit ’schuechtern‘ Mitbedeutungen wie ‚zurueckhaltend‘, ‚gehemmt‘, ‚aengstlich‘ und ‚unsicher‘ verbunden. Im Hinblick auf Kriterien fuer ein Verhalten, das sich Eltern u.a. Erwachsene im Hinblick auf soziale Anerkennung fuer ein Kind wuenschen, handelt es sich hier um besorgniserregende Zuschreibungen und Mitbedeutungen.

einschuechtern

Ich denke, dass Verhalten, das als ’schuechtern‘ bezeichnet wird, eine Reaktion auf etwas ist, die Kinder veranlasst, darauf zu verzichten, ihren spontanen Impulsen zu folgen. Man kann als Erwachsener auch sehr lebhafte junge Kinder durch entsprechendes Verhalten einschuechtern. Ganz junge Saeuglinge kann man dadurch in ihren spontanen Beduerfnisaeusserungen einschraenken, dass man es unterlaesst darauf einzugehen. So war es z.B. im letzten Jahrhundert bis in die 70iger Jahre hinein ueblich, jungen Muettern zu raten, ihr Neugeborenes an feste Stillzeiten zu gewoehnen, damit es lernt, dass es in dieser Welt nicht nach seinem Kopf geht. „Lassen Sie es ruhig schreien, das ist gut fuer die Lungen!“ Muetter, die es schmerzte, dass sie den Beduerfnissen ihres Saeuglings nicht entsprechen sollten, unterliessen es, spontan ihrem Empfinden zu folgen, um nicht als schlechte Muetter zu gelten.

Scheu vor Unbekanntem

’schuechtern‘ kann auch ein voruebergehendes Verhalten bezeichnen, das Kinder in Situationen und Umgebungen sehen lassen, die ihnen unbekannt sind. Saeuglinge ziehen sich in einem bestimmten Alter von Personen zurueck, die sie nicht kennen. Kinder eines bestimmten Alters, die zum ersten Mal allein in einer fremden Gemeinschaft zurueckgelassen werden, koennen altersgemaess entsprechendes Verhalten sehen lassen. Dies wiederholt sich in der Regel bei weiteren Gemeinschaftswechseln – dann meist in abgeschwaechter Form. Wie man sich mit Unbekanntem bekannt machen kann, scheint das Ergebnis von Erlebnissen zu sein. Gelingt es Kindern hier zu angenehmen Erfahrungen zu finden, koennen sie sich – vermutlich im Kontext von Erinnerungen an fruehere Erlebnisse – auf Unbekanntes offen einstellen.

Unbekanntes schuechtert ein

In unbekanntem Terrain duerften sich auch unsere ursteinzeitlichen Vorfahren sehr vorsichtig und zurueckhaltend bewegt haben. Wenn es – wie die Neurowissenschaftler sagen – zutrifft, dass unser Nervensystem auch evolutionaer erworbenen Prinzipien folgt, duerfte Unbekanntes regelmaessig wenig angenehme Empfindungen hervorrufen. Unbekanntem positiv gestimmt entgegen zu sehen, duerfte moeglicherweise durch entsprechende Lernerfolge so kompensiert werden koennen, dass wir Neuem vielleicht nur noch mit gemischten oder sogar mit frohen Gefuehlen begegnen.

’schuechtern‘ könnte das Merkmal eines reaktantes Verhalten bezeichnen

Ich gehe davon aus, dass Menschen sich auch dadurch voneinander unterscheiden, dass die Reizschwellen ihrer unzaehligen Sensoren – aus welchen Gruenden auch immer – im Durchschnitt deutlich niedriger sind als die vieler anderer und daher mehr Impulse sensorieren. Dies verstehe ich unter hochsensitiv. Es gibt dafuer einige Hinweise im Verhalten, in spontanen Reaktionen und in der Eigenbeschreibung, die zu neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen passen und so die Plausibilitaet dieser Annahme begruenden koennen.
Es ist daher vorstellbar, dass ein Verhalten, das wir gewoehnlich mit ’schuechtern‘ bezeichnen, auch eine Reaktion auf hochsensitives Funktionieren sein koennte. Das Fachwort wäre Reaktanz. Wobei ich betonen moechte, dass ich nicht glaube, dass man zu endgueltigen Aussagen wird kommen koennen. Es sind viel zu viele Variablen im Spiel, die wir kaum zusammenschauend im Blick haben koennen und zudem duerfte die Vielzahl einen trivialen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ausschliessen.
Mir kommt es nur darauf an, Moeglichkeiten zu finden und sie anderen anzubieten, wie man Kindern helfen kann, die ein Verhalten und Reaktionen sehen lassen, die Anlass fuer Fragen und Sorgen geben.

unterschiedliche reaktante Muster bei hochsensitiven Kindern

Wenn Kinder hochsensitiv funktionieren, heisst das, dass ihre Sensoren und damit die unzaehligen Aktivitaetsmuster ihres gesamten Nervensystems hochsensitiv funktionieren, d.h. es muss viel mehr verarbeitet werden als bei normalsensitiven Kindern. Diese Kinder sind also innerlich staerker beschaeftigt. Nach aussen wirken sie moeglicherweise ruhiger, duerften sich vermutlich aber nicht entspannt fuehlen, weshalb sie sehr heftig auf weitere Reize reagieren koennen und unvermittelt handeln. Kinder, die hochsensitiv funktionieren, verhalten sich aber auch sehr lebhaft, ja man hat den Eindruck, sie sind immer auf dem Sprung, weil sie auf jeden Reiz anspringen. Sie kriegen alles mit und sie sind ueberall dabei. Die ersteren werden gern ermahnt, doch etwas mehr aus sich herauszugehen, man ermuntert sie zu Aktivitaeten, die sie nur widerwillig mitmachen oder ablehnen, den anderen verlangt man Ruhe und Stillsitzen ab, was sie nur sehr eingeschraenkt in der Lage sind zu leisten.

der Rahmen Akzeptanz

Weder die ganz ruhigen, noch die ganz lebhaften, erfahren in der Regel die Akzeptanz, die sie als Rahmen brauchen, um zu lernen, wie sie mit ihrem Funktionieren bekannt werden koennen. Dies scheint mir, vor allem mit den Normen und Erwartungen zusammenzuhaengen, die unser eigenes Handeln bestimmen, weil sie unser Bekannt werden mit unserem Funktionieren bestimmt und gelenkt haben.
Als mein juengster Sohn im Alter von knapp zwei Jahren mit der ganzen Familie einen festlichen Gottesdienst besuchte, ertoente ein Posaunenchor. Der Junge fing an zu schreien und zu weinen und war nicht zu beruhigen. Die Reaktionen der Umgebung fielen wenig hilfreich aus. Als ich mit ihm nach draussen ging, beruhigte er sich. Es hat Monate gedauert, bis er sich wieder darauf einliess, eine Kirche zu besuchen und dann auch nur auf die Versicherung hin, dass diesmal kein Posaunenchor spielt.

’schuechtern‘ bezeichnet ein vermutlich unwirksames Verhaltensmuster

Es koennte sein, dass ein Verhalten, das wir mit ’schuechtern‘ bezeichnen, im Zusammenhang mit neuronalen Mustern steht, die anlaesslich von Erlebnissen entstanden sind, in der Reize auf unbekanntem Terrain Fluchtreaktionen ausgeloest haben. Wenn einem die konkrete Flucht verwehrt ist, koennte die Zurueckhaltung eigener Fluchtimpulse auf unangenehme Reize eine Haltung hervorbringen, die irrtuemlich Schutz signalisiert und jederzeit zusammenbrechen kann.

eigene Grenzen zu erleben, ermoeglicht weiterentwickeln

Ein sehr schuechterner Schueler hatte sich mit einem wesentlich temperamentvolleren Mitschueler angefreundet. Ich habe in der Anfangszeit dieser Freundschaft oefter Situationen zwischen den beiden beobachtet, in denen der letztere sehr uebergriffig war. Der erste hat freundlich zurueckhaltend still gehalten. Einmal brach er in heftige Traenen aus: „Das ist zu viel!“, rief er. Es stellte sich heraus, dass der temperamentvolle Freund innerhalb kurzer Zeit einen Wunsch nach dem anderen geaeussert hatte, dem er entsprochen hatte. „Und nun will er auch noch meinen goldenen Stift von mir. Das ist zu viel!“ Der andere war ganz verdutzt und entschuldigte sich spontan. Er mochte den Stillen. Von diesem Tag an gelang es dem schuechternen Jungen zunehmend haeufiger seinen Freund und andere auf seine eigenen Grenzen hinzuweisen.