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Was mache ich hier eigentlich?

Fuer Hochsensitive stellt sich die Frage, in wie weit sie sich auf das einlassen koennen, was fuer andere selbstverstaendlich ist, in anderer Weise als fuer andere. Durch meinen  Beruf bin ich taeglich im Kontakt mit Menschen, fuer die sich diese Frage in der Regel gar nicht erst stellt. Im Gegenteil: Es ist fuer sie ueblich, sie zu ignorieren oder abzuwehren, wenn sie aus irgendeinem Anlass beruehrt wird oder gar auftaucht, weil jemand sie stellt. Lehrer sind in der Regel normenkonform, d. h. fuer sie hat ‚anpassen‘ einen hohen Wert. Ihnen scheint es in hoechstem Masze zu gelingen, mit anderen ueberein zustimmen. Sie nehmen es dabei nolens volens billigend in Kauf, andere auszugrenzen. Dies koennte – auszer mit einer haeufig vorkommenden neurobiologischen Ausstattung – mit einer Sozialisation bzw. Enkulturation zusammen haengen, die nur Fragen zulaesst, die sie auch beantworten kann. Andere Fragen werden missbilligt. Schon Kinder lernen, welche Fragen erlaubt sind.
Meine Frage: Was machen die hier oder was mache ich hier eigentlich? stiesz stets auf Unverstaendnis bei anderen, sie rief sogar Unmut hervor. Ich stellte sie schlieszlich nur noch mir, allerdings haben mich jeweils meine Antworten, immer auch selber vor den Kopf gestoszen. Diese Antworten waren an das Resuemee gekoppelt: Ich seh‘ das anders, was ‚uebereinstimmen‘ ausschloss und den Kontakt mit anderen immer wieder jaeh unterbrach. Menschen, die mich laenger kannten, erlebten mich so als anders und sie reduzierten ihren Kontakt mit mir, wie ich auch mit ihnen: Ich wollte andere nicht vor den Kopf stoszen; immer wieder zu erleben, mit anderen nicht uebereinstimmen zu koennen, war auszerdem schmerzhaft. So wird Einsamkeit zur bevorzugten Wahl. Ich vermute, dass diese Erfahrung letztlich auch die Trennung von meinem Exmann herbeifuehrte: Ich lebte mit einem Menschen zusammen, dem ich sehr zugeneigt war und noch bin, doch der Kontakt wurde immer eingeschraenkter.
Dabei habe ich ein ausgepraegtes Beduerfnis nach Kontakt mit anderen. Dies erlebe ich in meiner Selbsthilfegruppe. Es ist fuer mich sehr angenehm, mit anderen Hochsensitiven bzw. Menschen aus dem AutismusSpektrum zusammen zu sein. Doch wieder stellt sich die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Ich mag eigentlich keine Clubs, obwohl meine Selbsthilfegruppe fuer mich sehr nuetzlich ist. Ich moechte aber nicht als ‚Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen‘ mein Leben verbringen. Ich moechte mit Menschen, denen ich begegne, klar kommen und auch Kontakt haben. Im naechsten Artikel moechte ich zusammen mit Ideen von Rolf Reinhold eine Antwort geben.

Fortsetzung folgt.       

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‚hochsensitive‘ und konformes Verhalten

Ich bin Lehrerin. Meine Kollegen sagen, ich sei schwierig. Wenn Lehrer über andere – Kollegen, Schüler, Vorgesetzte, Eltern … etc. – sagen, sie seien schwierig, hat das in der Regel Negatives  zu bedeuten. Schwierigkeiten signalisieren für Lehrer Nonkonformistisches. Das entspricht ungefähr dem Gegenteil von dem, was sie für sich selber als „richtig“ und wichtig in Anspruch nehmen. Sie sehen sich als normenkonform im Allgemeinen und sie unterrichten konform mit dem, was von ihnen erwartet wird. Normenkonform heißt u. a.: So funktioniert ‚mensch‘  korrekt und insofern ist es aus ihrer Sicht in Ordnung den Anspruch auf Konformität zu stellen und dessen Einlösung zu erwarten.  

‚konform‘ ist ‚unkapierbar‘

 ‚hochsensitiven‘ gelingt es m. E. kaum, sich spontan konform zu verhalten, es sei denn, das was sie tun sollen, ist unmittelbar kapierbar. Konformismus dürfte aus meiner Sicht für einen ‚hochsensitiven‘ in der Regel nicht unmittelbar kapierbar sein. Ich sitze z.B. in einer Runde mit Lehrern, die ich nicht kenne. Der Gesprächsleiter schlägt vor: „Zu Beginn sollten wir eine Vorstellungsrunde machen.“ Ich habe damit ein Problem. Erstens frage ich mich, wieso überhaupt eine Vorstellungsrunde. Was haben einander fremde Menschen davon, wenn sie ihren Namen und noch ein paar ergänzende Bemerkungen über sich machen? Handelt es sich hier möglicherweise um eine Art Zeremonie, etwas einfach dazugehört? So was wie Händeschütteln?  Zweitens vergesse ich Namen sofort. Ich kann mich z.B. nur an die erinnern, die einen für mich bemerkenswerten Gesprächsbeitrag leisteten. Drittens setzt es mich unter Druck zu entscheiden, was passend sein könnte.

’schwierig‘ = ’nonkonform‘

So kann es mir mit einfachen konformen Erwartungen gehen. Viel komplexer und differenzierter muss ich mich orientieren, wenn es sich z. B. um inhaltliche Fragen meines professionellen  Handelns dreht. Da konforme Menschen selten nachfragen, wieso ich so oder so handle, wird meinem Handeln alles Mögliche unterstellt. Dies spitzt sich dann in dem Urteil zu, dass ich schwierig sei. Und das empfinde ich als schmerzhaft.

eine Pluralitaet von Sichtweisen wirkt gemeinschaftsstiftend

 Um meinen Schmerz zu verarbeiten, war es für mich wichtig herauszufinden, welchen Vorteil normenkonformes Verhalten haben könnte. Dem hochsensitiven Philosophen Rolf Reinhold verdanke ich die Idee, dass Menschen von anderen akzeptiert und d.h. auch von anderen miteinbezogen werden, in das was sie tun. Bei einigen Aboriginistämmen Australiens z.B. führt gemeinschaftsstörendes Verhalten zu einem rituellen Ausschluss und endet mit dem Tod des Betroffenen, ohne dass Hand an ihn gelegt wird (vgl. Irving King: Australian Morality. In: Popular Science, Febr. 1910 (Bonnier Corporation),  S. 147- 156 :  „If forbidden food were eaten, even by chance, the offender has been known to pine away and shortly die.“ S. 149) . Konformes Verhalten  ermöglicht es, Mitglied einer lebensnotwendigen Gemeinschaft bleiben zu können. Dieses berechtigte Interesse konformer Menschen ermöglicht mir, sie zu akzeptieren, auch wenn ihre Ablehnung schmerzt: auch ich möchte Teil ihrer Menschengemeinschaft sein. Ein weiterer Aspekt: Ich gehe davon aus, dass normalsensitive Menschen nicht merken, was ich merke. Es wäre hier also der biologisch-genetische Unterschied, der als vorhanden akzeptabel ist und mir ermöglicht, ihnen gegenüber weiterhin zugewandt zu handeln: Jeder merkt eben nur das, was er merkt und nur davon kann er ausgehen. Außerdem ist da noch die berufliche Sozialisation von Lehrern, die ‚merken‘ stark beeinträchtigt – unabhängig davon ob jemand biologisch-genetisch hochsensitiv bzw. normalsensitiv ausgestattet ist. ‚hochsensitive‘ Lehrer dürften vermutlich die besten Anlagen für diese Tätigkeit mitbringen. Die berufliche Sozialisation verlangt aber von Lehrern, dass sie Theorien über eine behauptete Wirksamkeit ivon Unterrichten übernehmen und folgen sollen – was hochsensitivem Empfinden entgegensteht -, anstatt zu lernen, sich an dem orientieren zu dürfen, was sie merken könnten. Die meisten Lehrer könnten eventuell unter einem mehr oder weniger starken Unbehagen leiden, u. a. weil sie ihren eigenen Augen und Empfindungen nicht trauen dürfen. Doch selbst dieses Unbehagen müssen sie in der Regel verbergen, weil sonst Gefahr für ihr erlerntes, konformes Verhalten besteht.

‚konform‘ und ‚hochsensitiv‘ scheinen sich auszuschlieszen

Derartige Überlegungen scheinen Folgen zu haben, die ‚miteinander-tun‘ für mich auch unter Schwierigkeiten möglich macht. Diese Folgen entsprechen meinem ureigensten Bedürfnis, mit anderen gemeinsam zu handeln. Ich denke, dass dieses Bedürfnis bei allen Menschen vorhanden ist. Eventuell ist es sogar bei ‚hochsensitiven‘ stärker als bei konformen Menschen ausgeprägt. Konforme Menschen stützen sich ja – mehr oder weniger erfolgreich – auf ihr „Richtig-Sein“. Dieser m. E. fragwürdige Strohhalm – wie ich gerade erläuterte – dürfte ‚hochsensitiven‘ nicht zur Verfügung zu stehen. Wenn sie sich daran festhalten möchten und Rituale entwickeln, die ihnen den Anschein von Konformität geben sollen, dürften ‚hochsensitive‘ keine Verbesserung ihres Lebensgefühls feststellen können.   

Umgang mit Reaktionen auf hochsensitiv gepraegtes Verhalten



Das deutliche andere Verhalten von Kindern aus dem hochsensitiven Spektrum ruft Reaktionen anderer hervor. Das Verhalten wird in der Regel beanstandet. Die Erziehungsfaehigkeit der Eltern wird bezweifelt. Es wird in der Regel nicht nachgefragt, wie es zu diesem Verhalten kommt oder was bisher unternommen wurde, um zu anderem Verhalten anzuleiten.

Schmerzliche Erfahrungen der Betroffenen

Damit sind fuer die Betroffenen schmerzliche Erlebnisse verbunden. Diese muenden haeufig in das Fazit ausgeschlossen und missverstanden zu werden. Menschen moechten verstanden und integriert werden. Betroffene sind so in mehrfacher Weise belastet: Zum einen durch Hochsensitivitaet und zum anderen durch Ablehnung und Unverstaendnis der Umgebung (Verwandte, Nachbarn, Freunde, Beratungsstellen, Aerzte, Kindergarten, Schule…).

Alltaegliche Situationen, die Betroffene im haeuslichen Umfeld bereits gemeinsam meistern, erregen in der Oeffentlichkeit Aufsehen und loesen peinliche Situationen aus. Waehrend eines Aufenthaltes in einer kleinen Familienpension wurde Frank eine Suppe serviert. Bei der Bestellung hatte ich darauf hingewiesen, dass diese Suppe keinerlei Einlagen enthalten duerfe, weil sie sonst nicht gegessen werde. Es schwamm Petersilie auf der Oberflaeche. Frank weigerte sich, die Suppe zu essen. Ich bat um ein Sieb, um die Teile herauszufischen. Danach loeffelte Frank seine Suppe aus. Jede unserer Aktivitaeten wurde im kleinen Gastraum bemerkt und kommentiert. Wortfetzen und Mienenspiel kamen bei uns an. ‚uns‘ schreibe ich mit Bedacht, da auch Frank die Reaktionen nicht entgangen sind. Es haette mich nicht gewundert, wenn er den Gastraum verlassen haette.

Andere Sichtweisen erleichtern das Leben

Ich moechte nicht auf die Irritationen eingehen, die sich infolge der Reaktionen fuer die Betroffenen ergeben, sondern auf die Irritationen der Umgebung. Denn es macht m.E. das Leben von Betroffenen leichter zu kapieren, wieso andere sich so verhalten, wie sie sich verhalten, anstatt unter Unverstaendnis und Ablehnung zu leiden. Die eigenen Sichtweisen zu veraendern, hat mir immer wieder geholfen, mein Handeln, Denken und Empfinden zu veraendern.

Normal ist das, was Menschen kennen

Es duerfte grundsaetzlich gelten: Menschen reagieren irritiert auf jedes Verhalten anderer, das einen ihnen bekannten Rahmen verlaesst. „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht!“ Das was fuer einen Menschen normal ist, duerfte sich aus Gewoehnung an Bestimmtes ergeben. Menschen brauchen Gewohnheiten. „Die Gewohnheit ist die grosze Fuehrerin durch unser Leben!“, meinte schon vor fast 300 Jahren David Hume. Hochsensitive stellen eine Minderheit dar – aber auch das koennte ein Irrtum sein – und verhalten sich anders. Menschen, die mit Hochsensitiven umgehen, verhalten sich ebenfalls anders als ueblich. Je nach Art der Menschen, die dies unvorbereitet erleben, fallen deren Reaktionen unterschiedlich aus. Es stellen sich ihnen jeweils unterschiedliche Fragen, die sich aus ihrer Sichtweise ergeben oder sie reagieren spontan. Das ist alles sehr menschlich.

Normen koennen als Satzungen von Clubs angesehen werden

Grundsaetzlich gilt auch: Innerhalb der Kultur, in der wir leben, wird deutlich anderes Verhalten prinzipiell als defizitaer aufgefasst. Laesst es sich nicht veraendern und ergibt sich schlieszlich ein ‚klinisches‘ Bild, gilt der Betroffene als krank. Dies duerfte prinzipiell fuer jede Kultur gelten. Kulturen sind m.E. so etwas wie Clubs: Permission for Members only. Und um Mitglied zu werden, muss jeder Einzelne bestimmte Bedingungen erfuellen. Erfuellt er diese nicht, kann er nicht Mitglied sein. Menschen, die sich deutlich anders verhalten, sind also per se immer in Gefahr nicht dazu zu gehoeren. Manche neigen vermutlich deshalb dazu eigene Clubs fuer Hochsensitive zu gruenden.
Erleben also kulturkonforme Menschen deutlich abweichendes Verhalten duerften sie irritiert sein und dies entsprechend zum Ausdruck bringen. Diese Sichtweise hat fuer mich den Vorteil Reaktionen der Umgebung in einen allgemeinen menschlichen Rahmen einzuordnen und in der Sache handeln zu koennen, anstatt zwischen eigenen und Irritationen anderer hin und her gerissen zu werden und mich dabei aufzureiben.

Eigenes Verhalten ändern

Das hier gemeinte Verhalten findet sich z.B. beim „Aikido“ wieder. Obwohl als Kampfsport bezeichnet, zeichnet diese Art sich gegen Angriffe andere zu verwahren dadurch aus, dass sie grundsaetzlich defensiv orientiert ist. Uebertragen auf das, was Betroffene mit Reaktionen ihrer Umgebung erleben, koennte das bedeuten: Verzicht auf gegnerschaftliches Verhalten. Statt dessen das eigene Verhalten ändern.

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