Auszuege eines Berichtes eines vermutlich ‚hochsensitiven‘ Philosophen ueber eine neunmonatige Krise seines Lebens.
Mit 23 Jahren – weil bestimmte Symptome ihn seit Jahren daran hinderten seine philosophischen Forschungen zu veroeffentlichen – verfasste dieser junge Mann einen Brief an einen Londoner Mediziner, der einen respektablen Ruf als Spezialist fuer neurophysiologische Forschungen hatte.

 

„Mit jugendlichem Enthusiasmus beschloss ich …, auf jede andere Art von Vergnuegen oder Geschaeft zu verzichten und mich nur noch philosophischen Forschungen zu widmen. Die Juristerei, die man fuer mich als Beruf bestimmt hatte, schien mir abstoßend und ich konnte mir nur einen Weg denken, um mich erfolgreich in der Welt zu betaetigen: naemlich Gelehrter und Philosoph zu werden. Einige Monate lang war ich unendlich gluecklich auf diesem Lebensweg. Schließlich – ungefaehr Anfang September 1729 – schien mein ganzer Enthusiasmus ploetzlich wie weggeblasen, und ich konnte mich nicht mehr auf meine Forschungen konzentrieren, die mir davor so aeußerordentlich viel Vergnuegen bereitet hatten. Ich fuehlte mich weder bedrueckt noch hatte ich Verlangen nach geistiger Taetigkeit. Deshalb konnte ich mir in diesem Fall nicht vorstellen, dass irgendeine koerperliche Stoerung vorliegen koennte. Ich schrieb meine Indifferenz meiner Faulheit zu, die sich wuerde ueberwinden lassen, wenn ich meine Anstrengungen verdoppelte. Neun Monate lang war ich in dieser Verfassung.

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Ich war durch die Reduktion meiner Energie auf schmerzliche Weise eingeschraenkt. Ich erlebte, dass ich nicht in der Lage war, einem eigenen Gedankengang … zu folgen.
Ich konsultierte einen sehr bekannten Arzt, der mir Medikamente gab, die diese Symptome verschwinden ließen. Gleichzeitig warnte er mich, trotz meiner momentanen Erschoepfung weiter zu arbeiten.

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Es hat mich … beruhigt, dass der von mir anfangs als Gleichgueltigkeit bezeichnete Zustand nicht die Folge eines Defektes meiner natuerlichen Anlagen war, sondern eine vitale Beeintraechtigung, die jeden Menschen befallen kann. Ich begann mein Arbeitsprogramm zu lockern. Ich studierte und forschte moderater und nur dann, wenn meine Energie auf ihrem hoechsten Level zu sein schien. Ich hoerte auf, bevor ich zu muede wurde und verbrachte den Rest meiner Zeit mit angenehmen Beschaeftigungen. So lebte ich ausgewogen mit meinen wissenschaftlichen Anliegen und gesundheitlichen Erfordernissen. Als ich im naechsten Winter nach Edinburgh zurueckkehrte, war meine Energie wieder hergestellt, so dass ich beachtliche Fortschritte in meinen frueheren Vorhaben machen konnte, auch wenn meine intellektuelle Leistungsfaehigkeit noch nicht auf dem hoechsten Stand war. Mit Beginn meines Aufenthaltes in Edinburgh habe ich einen geregelten Ernaehrungs- und Bewegungsplan eingehalten. Waehrend des ganzen Winters machte ich es mir zur festen Regel, zwei bis drei Mal in der Woche auszureiten und taeglich spazieren zu gehen.

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Ich habe in den Schriften der franzoesischen Mystiker und in denen unserer Fanatiker gelesen, dass – wenn sie die Geschichte erzaehlen, wie sie zu mystischen Erlebnissen kamen – sie Gleichgueltigkeit und geistige Leere erwaehnen, die haeufig wieder kommen. Einige von ihnen haben von Anfang ihrer Bemuehungen an viele Jahre darunter gelitten. Da diese Art von Unterwerfung vollstaendig von der Staerke ihrer Affekte abhaengt und folglich von koerperlichen Impulsen, habe ich oft gedacht, dass ihr Fall und meiner ziemlich parallel liegen duerften. Ihre exstatische Anbetung Gottes duerfte die gesamten Taetigkeiten der Nerven und des Gehirns in gleichem Maße wie meine ausgedehnten und komplizierten Reflektionen belasten bzw. stoeren und gleichzeitig jedes warme Empfinden oder jeden Enthusiasmus, der untrennbar an sie gebunden ist.“

Auszug aus dem „Brief an einen Arzt“ von David Hume 1734.

Moeglicherweise haben seine eigenen Erfahrungen ihn bewogen, das Ideal eines mit seiner Natur im Einklang lebenden Menschen auch in seinen Schriften zu skizzieren.

“ Ein …Mensch sollte gleichermaßen befaehigt sein und sein Interesse bewahren koennen fuers Lesen, fuer Zwischenmenschliches und fuer seinen Beruf. Im Umgang miteinander brauchen Menschen einen klaren Blick in der Sache und Achtsamkeit fuer die Sicht des anderen.“
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