Gruendlich Arbeitende mit eigenem Rhythmus

Hochsensible Menschen haben ihre Qualitaeten – nur muessen sie an der richtigen Stelle im Unternehmen eingesetzt werden

Aus einem Zeitungsartikel.
Stuttgart – „Irgendwas war immer anders bei mir. Stets hatte ich das Gefuehl, unverstanden zu sein, mich erklaeren zu muessen, etwas in Ordnung bringen zu muessen, an meine Grenzen zu kommen und ueberfordert zu sein.“ Maria Mueller – ihr richtiger Name lautet anders – erinnert sich an ihre Schulzeit und ersten Berufsjahre als Mediengestalterin. Oft seien die Reaktionen der Kollegen und Freunden seltsam gewesen, von einem Kopfschuetteln begleitet. Denn Dinge, die fuer sie ein Problem waren, waren fuer ihre Umgebung unproblematisch. „Es hiesz: sei nicht so empfindlich, nimm nicht alles persoenlich. Ich tickte anders – ohne zu wissen, warum.“
Heute, mit 42 Jahren, weisz sie es: Sie gehoert zu den Highly Sensitive Persons (HSP), den Hochsensiblen Personen. „Ich suchte nach Erklaerungen. Ich fand sie vor zwei Jahren bei einem Vortrag ueber innere und aeuszere Ordnung in Stuttgart und in einem Text ueber HSP. Mir war sofort klar: das bin ich.“ Da wurde das Arbeitstempo und der Perfektionismus der Hochsensiblen beschrieben. „Auch mich hat mein Chef gefragt, warum ich langsamer bin als die anderen. Dabei war ich nur gewissenhafter.“ Sie gestaltete Kataloge und sah und korrigierte Fehler, die andere nicht sahen. Aber da in der Branche Zeit Geld ist, fiel vor allem ihre reduzierte Geschwindigkeit auf. „Heute geht es um Wirtschaftlichkeit, weniger um Inhalte – da zaehlt Schnelligkeit.“

Die Verarbeitung vieler Reize kostet Zeit und Kraft

Maria Mueller dachte, sie sei im falschen Job, bis ihr, nicht zuletzt durch ein HSP-Training, bewusst wurde: der Job ist richtig, nur die Sparte falsch. Sie war dort am besten, wo es galt, Ablaeufe im Unternehmen durchzudenken, zu strukturieren und zu kontrollieren – im eigenen Rhythmus. Die Wende kam, als sie nicht mehr nur ihre Unzulaenglichkeiten sah und wie sie es anderen Menschen recht machen koennte, sondern sich auf ihre Faehigkeiten fokussierte: „Vielleicht habe ich es ausgestrahlt. Ploetzlich fragte mich mein Chef, ob ich meine Talente einbringen wolle. Ich uebernahm die Endkontrolle des Katalogs und brachte das Archiv auf Vordermann. Er wusste, er konnte sich absolut auf mich verlassen. Heute bin ich viel entspannter.“
Die Gruende kennt Rolf Sellin. Der studierte Architekt ist selbst ein Hochsensibler. Als er merkte, dass er sich auf Baustellen nicht durchsetzen konnte, sattelte er auf Architekturjournalismus um und bildete sich zum Heilpraktiker fuer Psychotherapie und systemischen Coach weiter. In seiner Beratungstaetigkeit hat sich der Diplom-Ingenieur auf Hochsensible in der Wirtschaft und in sozialen Berufen spezialisiert. In seinem HSP-Institut Stuttgart vermittelt er speziell entwickelte Methoden und Workshops.
„Hochsensible nehmen mehr und intensiver Reize auf als die weniger oder normal Sensiblen“, erklaert er. „Da alles staerker auf sie einwirkt, muessen sie mehr Informationen verarbeiten, und entsprechend mehr geht in ihrem Kopf vor sich.“ Die Folge: die Stresstoleranz ist niedriger, sie sind weniger belastbar, daher meist auch langsamer. „Fuer die Verarbeitung so vieler Reize brauchen Highly Sensible Persons eben mehr Zeit, auch weil sie sehr gruendlich, ja perfektionistisch sind“, sagt Sellin. Dadurch wuerden sie im Berufsleben haeufig falsch eingeschaetzt.

Drueckeberger sind keine Hochsensiblen

Das Problem: Noch fehlt das Bewusstsein nicht nur bei Personalern, Chefs und Kollegen, sondern auch bei den Betroffenen selbst. In der Selbsthilfekontaktstelle Stuttgart KISS kennt man HSP, aber bisher gibt es noch keine Selbsthilfegruppe dafuer. Auch ein Blick in das Internet zeigt, dass HSP noch ein relativ junges Phaenomen ist. Nur wenige Trainer oder Therapeuten beschaeftigen sich damit.
„Es gibt Ueberschneidungen mit Symptomen anderer Erscheinung, wie etwa ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitaetssyndrom. Viele Betroffene bestaetigen, dass sie in Therapien nicht eingeordnet werden konnten“, sagt Yvonne Áts. „Es gibt einen Test, und viele, die sich darin erkennen und bisher einen enormen Leidensdruck spuerten, sind gluecklich, dass sie endlich wissen, was los ist.“ Die Freiburger Psychologin leitet einen Gespraechskreis mit sechs Betroffenen. Es sei auch eine Frage der Perspektive, betont Áts und sieht HSP als Chance: „Leider wird das in vielen Berufen verkannt.“ Weniger belastbar als andere, sondern langsamer und gruendlicher – das ist heute in den meisten Unternehmen nicht mehr gefragt, bestaetigt Rolf Sellin. „In Bereichen, wo es um schnelle und oberflaechliche Ergebnisse geht, geraten HSP schnell ins Aus.“ Sie wuerden zum Opfer von Mobbing und stuenden beim Stellenabbau oft an erster Stelle.
Wo staendig der Leistungsdruck und der Stress zunimmt, die Informationsflut steigt und das Entwicklungstempo auf allen Gebieten sich beschleunigt, werden sie mitunter als Luschen oder Drueckeberger abgestempelt. „Darunter leiden sie, weil sie so selbstkritisch sind.“ Freilich: „Umgekehrt ist nicht jeder Drueckeberger ein Hochsensibler.“ HSP seien gewoehnlich ueberaus engagiert, naehmen alle Aufgaben an und forderten sich bis zum Ausbluten.

Hochsensible nehmen mehr und instensiver wahr

Interessanterweise bewahrten gerade Hochsensible in kritischen Situationen haeufig kuehlen Kopf: Sie wuessten, was zu tun ist, besonders wenn es darum gehe, jemandem zu helfen. „Dass sie mehr und intensiver wahrnehmen, ist gerade die Qualitaet der Hochsensiblen“, betont Sellin. „Sie haben die Faehigkeit, ueber den Tellerrand zu sehen, groeszere Zusammenhaenge zu erfassen und zugleich den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen.“ Das machen sie in der Regel mit staerkerer persoenlicher Beteiligung als andere Mitarbeiter, sie koennen nicht aufhoeren, bis ein Problem geloest ist.
Zu schaffen machen ihnen haeufig ihr starkes Verantwortungsbewusstsein, Harmoniebeduerfnis und ausgesprochener Sinn fuer Ausgleich und Gerechtigkeit. „Sie ahnen es als erste, wenn an einer Sache etwas nicht stimmt und haben ein gutes Gespuer fuer kuenftige Entwicklungen“, so der HSP-Coach. „Wenn sie am richtigen Ort sind, leisten sie einen wichtigen Beitrag fuer reibungslose Arbeitsablaeufe und gutes Arbeitsklima. Gerade heute koennen Hochsensible Pruefstein fuer eine Standortbestimmung und gelebte Unternehmenskultur sein. HSP bedeutet innerer Reichtum.“
Wo also ist das geeignete Arbeitsfeld? Fuer Sellin und andere HSP-Experten sind Hochsensible im sozialen Bereich oder als Arzt gut aufgehoben, als Lehrer oder Sekretaerin, aber auch in technischen oder Ingenieurberufen: an Stellen, wo es entweder um Zwischenmenschliches oder Problemloesungen geht. „Auch als Chefs sind Hochsensible aufgrund ihrer empathischen Faehigkeiten ideal, sie koennen sich gut in andere Menschen einfuehlen“, meint Sellin.
Doch das ist eher selten. Viele HSP seien eher ausgleichend und zurueckhaltend. Sie haben seit ihrer Kindheit mit Ueberforderung und Enttaeuschungen zu kaempfen, sind meist Spaetentwickler, trauen sich selbst zu wenig zu. „Das kann sich auch in Impulsivitaet und Aggression aeuszern. So sind sie auch zu abrupten Entschluessen fuer berufliche Veraenderungen und zu Abbruechen in der Lage. Aber meistens ziehen sie sich resigniert zurueck. Die Faehigkeit, sich durchzusetzen, haben sie oft nicht entwickelt. In Machtfragen sind sie voellig harmlos.“

Lernen, mit der Sensibilitaet konstruktiv umzugehen

Nicht wenige Hochsensible entwickeln laut Sellin auch koerperliche Symptome wie Erschoepfungszustaende, Depressionen, Schlaf- und vor allem als Jugendliche Essstoerungen. In der Psychotherapie werde das Phaenomen oft nicht erkannt, sondern „nur an den Auswirkungen herumlaboriert“. Sellin arbeitet in seinen Workshops an der Selbstwahrnehmung und dem Anerkennen der eigenen Beduerfnisse. Die Betroffenen sollen lernen, mit ihrer Sensibilitaet konstruktiv umzugehen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sachliche Bewusstseinsebenen einzunehmen, auf denen man weniger verletzlich ist: „Es gibt Techniken, ein Gespraech rein rational anzugehen. Auch sollte Ueberreizung, wie etwa in einem Groszraumbuero, vermieden werden.“
Maria Mueller hat mit derlei Methoden gute Erfahrungen gemacht. „Frueher war es ein passives Wahrnehmen, mir sind die Dinge geschehen, sie sind auf mich eingedrungen. Ich war fremdbestimmt. Nun bestimme ich mein eigenes Tempo und nehme die Dinge in die Hand.“

Orginaltitel: Perfektionist mit eigenem Rhythmus. Quelle: Stuttgarter Nachrichten vom 20.10.2008. 

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