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Spezialist in eigener Sache.

Ich möchte alle Hochsensitiven, Autisten und Aspis anregen, sich zum Spezialisten bzw. zur Spezialistin in eigener Sache zu machen.
Spezialisten sind Leute, die sich mit einer Sache, einem Thema besonders gut auskennen. Diese Kenntnisse erlangt man in der Regel durch eine Ausbildung, bzw. Studium.
Daneben gibt es auch die Autodidakten, d. h. diejenigen die sich ihre Kenntnisse eigenständig erarbeiten. Ich nenne diese ‚Selberlerner‘, weil sie alle ihnen zugänglichen Medien und die Sache selbst dazu benutzen, um Kenntnisse zu bekommen. Autodidakten werden oft etwas geringschätzig betrachtet. Ihnen fehlt ja die entsprechende amtliche Qualifikation in Form eines anerkannten Abschlusszeugnisses.
Unsere Welt ist voller solcher Spezialisten. Wir brauchen sie. Nun erleben aber Hochsensitive oft und wiederholt, dass ihnen ausgerechnet von diesen Spezialisten eine amtliche Diagnose verweigert wird, die sie z. B. brauchen um auf dem Arbeitsmarkt als Behinderte vermittelbar zu sein.
Besonders für junge Arbeitssuchende ist dies wichtig, die nach einer Ausbildung im so genannten ‚ersten Arbeitsmarkt‘ unterkommen möchten.
Seit einigen Jahren etablieren sich auf dem privaten Arbeitsvermittlungsmarkt zunehmend Unternehmen, die hier den Betroffenen für bestimmte Berufsbereiche (v. a. IT-Branche) Vermittlungsangebote machen und Eingliederungshilfen ins Berufsleben anbieten.
Das ist auch gut und schön.
Es zeigt aber auch, dass Hochsensitiven, Autisten und Aspis nachdem sie schon während der Schule und Ausbildung mit ihrem Handicap eine Reihe von Nachteilen in Kauf nehmen und selber ausräumen mussten, nun auch noch beim Eintritt ins Berufsleben vor Schwierigkeiten stehen, die andere nicht haben. Dazu gehört u. a. die Anerkennung als Behinderter. Nur wenn diese Anerkennung amtlich beglaubigt vorliegt, kann das Arbeitsamt im Sinne des Betroffenen tätig werden.
Um die Reise von Spezialist zu Spezialist bestehen zu können, ist es für die Betroffenen wichtig, Kenntnisse über die eigenen Beeinträchtigungen zu erwerben und sie in Vergleich mit den amtlichen Kriterien setzen zu können. Dies gelingt am ehesten, wenn man durch ‚hinsehen‘ auf die eigenen Verhaltensweisen und Reaktionen in alltäglichen Situationen sich über sich selber schlau macht. Dies wäre als Forschung in eigener Sache zu bezeichnen. Man kann dies auch schriftlich festhalten.
Mit den selbst erhobenen Kenntnissen wird ein Betroffener zum Partner der Spezialisten. Er kann diese über seine individuellen Beeinträchtigungen fundiert informieren. Die Chance, Leistungen zu erhalten, die in unserer Gesellschaft Menschen mit Behinderungen gewährt werden, verbessert sich.

Hochsensitive haben mehr Probleme zu lösen als andere.

In seinem Buch „Der sensible Mensch“ von Eduard Schweingruber aus dem Jahre 1934 fand ich Beschreibungen von Verhaltensmerkmalen, an Hand derer Menschen für sich herausfinden können, inwiefern sie sich dem Spektrum Hochsensitiver zuordnen können – vergleichbar Elaine Aaron. Als „sensibel“ bezeichnete Schweingruber vor achtzig Jahren Menschen, die über das Normalmaß hinaus empfinden. Er beschrieb Probleme ihrer Lebensführung und gab Tipps, wie sie sich verhalten können, damit sie besser mit ihrem Leben klarkommen. Die aufgezählten Merkmale verstand er als Anlässe, an denen Hypersensible – zu seiner Zeit die übliche medizinische Bezeichnung für Hochsensitive – anfangen, über sich selber nachzudenken. Das Leben – so fasste Schweingruber zusammen – gibt Hypersensiblen mehr zu tun als der Mehrzahl der Menschen ihrer Umgebung.

 

Hier nun Schweingrubers Beschreibungen:

  • Manche Hypersensible leiden nach ihrer täglichen Arbeitszeit und trotz ausgiebiger Erholung unter einer Dauermüdigkeit.
  • Andere Hypersensible ermüden manchmal schnell bei geringster körperlicher oder intellektueller Tätigkeit. Sie verhalten sich dann reizbar und schlaff.
  • Manche Hypersensiblen stellen fest, dass sie die alltäglichen Pflichten unterschiedlich konsequent erledigen. Ihre eigene Gefühls- und Gedankenwelt beeinträchtigt Beziehungen zu anderen.
  • Hypersensible sind oft derart fasziniert von ihren Interessen und Erlebnissen, sodass sie sich nur unter Schwierigkeiten anderem zuwenden können.
  • Hypersensible fühlen sich immer wieder völlig erschöpft und leer.
  • Hypersensible leiden wiederholt an Panikattacken, Magen-, Herzproblemen und Kopfschmerzen.
  • Hypersensible fühlen sich manchmal starr und unempfindlich.
  • Hypersensible denken lange über ein und dieselbe Sache nach, ohne weiter zu kommen. Die Umwelt sagt ihnen, man könne nicht mit ihnen reden.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie morgens mit einem Durcheinander von Wünschen und Affekten aus dem Schlaf kommen. Normale Menschen dagegen erwachen nach ihrer Beobachtung mit einer dem Alltag zugewandten Stimmung.
  • Hypersensible stellen oft fest, dass sie lange brauchen und vieles bedenken müssen, um sich zu entscheiden. Andere Menschen entscheiden sich schneller und nach klaren Kriterien.
  • Hypersensible fühlen sich oft gefangen zwischen zwei sie bedrängenden Wünschen. Sie können dann kaum klare Gedanken dazu fassen.
  • Hypersensible stellen für sich immer wieder fest, dass sie komplizierter, schwerfälliger oder haltloser, müder oder unfähiger reagieren. Sie empfinden sich empfindsamer, blockiert und übermäßig reizbar im Vergleich mit den stärkeren Naturen um sie herum.
  • Hypersensible haben vermehrt Eheprobleme. Sie bleiben an Kleinigkeiten des Zusammenlebens hängen, obwohl sie großzügig sein möchten.
  • Manchmal geraten Hypersensible in Übermutsstimmungen, auf die sie keinen Einfluss haben.
  • Therapien für neurotische Erkrankungen bleiben wirkungslos. Hypersensible empfinden ihr Leben nach Neurosetherapien problematischer als vorher. Sie fühlen sich schutzlos.
  • Hypersensible neigen zur Ungeduld. Manchmal scheint es ihnen so, dass sie ihre Ungeduld bei kleinen Anlässen beherrschen. Sie zeigt sich jedoch noch am nächsten Tag in Form einer unterirdischen Spannung als vorhanden.
  • Hypersensible verschweigen anderen aus sachlichen Gründen vieles. Dies ist ihnen unangenehm und führt, ohne dass sie es wollen, zur Abwehr gegen andere. Sie resümieren: Ich kann meine Gefühle nicht beherrschen.
  • Einem Hypersensiblen fällt auf, wie schwer es ihm fällt, wie viel es für ihn zu tun gibt, bis er seine fünf Sinne beisammen hat und er ruhig einer neuen Situation (Besuch, neue Geschäftsbeziehung, Umgebungsänderung … etc. ) entgegensehen kann.
  • Alle neuen Erlebnisse bewegen Hypersensible sehr stark und dieses ‚bewegt werden‘ ebbt erst allmählich ab.
  • Arbeiten und Leben im Augenblick werden bei Hypersensiblen durch Intentionalität beeinträchtigt. Alles momentane Handeln wird akribisch am Ziel bemessen. So sind sie gefühlsmäßig immer zwischen Tun und Ziel hin- und her gerissen.
  • Hypersensible stellen of fest, dass sie sich ständig verkrampfen.
  • Hypersensible fühlen sich hilflos mitgerissen von allem Interessanten.
  • Ein produktiv Arbeitender erlebt, wenn der produktive Strom fließt, und er sich ihm mit Fleiß und Ernst hingeben will -, wie dieser dann stockt und versiegt.
  • Hypersensible erleben manchmal, dass auf eine lange Zeit der Arbeitsfreude eine starke, beeinträchtigende Müdigkeit folgt.
  • Ein Hypersensibler kann regelmäßig – alle paar Wochen – erleben, dass seine positive Arbeitsstimmung verschwindet und er nur mühsam etwas tun kann.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie ohne Einfluss darauf sind, ob sie unbändig gesprächig oder starr, mitgerissen oder befangen sind.
  • Hypersensible neigen zu ausgeprägtem Schmerzempfinden.
  • Wenn ein Hypersensibler rückhaltlos von seinem Tun fasziniert ist, kann er dieses auch leisten. Sind aber auch nur kleinste Widerhaken fühlbar, so ist die ganze Kraft gehemmt.
  • Ein Hypersensibler ist dauernd damit beschäftigt, seine Affekte zu hüten und zu leiten wie eine Schafherde.
  • Ein Hypersensibler ist oft selber überrascht, wie stark und übermäßig er reagiert.
  • Hypersensible sind lärmempfindlich.
  • Hypersensible reflektieren in hohem Maße über sich selber.
  • Hypersensible brauchen mehr und längere Pausen als andere.

(Vgl. Eduard Schweingruber: Der sensible Mensch. 2. Auflage. München (Kindler) 1944, S.11-17.)

Das Buch ist nicht mehr im Handel zu haben. Auch gebrauchte Exemplare sind rar. Hier ein Link zu Wikipedia über Schweingruber.

Das muss man nicht so kompliziert machen …

… kommentierte kuerzlich jemand meinen Beitrag als es um moegliche Loesungen eines Problems ging. Normal-sensitive Menschen gehen unreflektiert davon aus, dass ihre Sichtweise ausreichend fuer jede Art von Problemloesung sei. Dies entspricht offensichtlich auch ihrer biologischen Ausstattung: Ihre Sensoren leiten weniger Impulse ins Gehirn weiter als die Hochsensitiver. Hochsensitive sehen und fuehlen mehr und setzen mehr Unterschiede zwischen Dingen, Menschen und Situationen. Fuer sie sind daher die Dinge komplexer. Komplexitaet darf ein bestimmtes Masz nicht ueberschreiten, sonst geht die Orientierung verloren. Jeder Mensch muss sich orientieren koennen und er grenzt daher vieles aus, was ihm irrelevant zu sein scheint. Dies gilt auch fuer Hochsensitive. Doch ihnen ist bei diesem Ausgrenzen unwohl. Sie haben Schwierigkeiten, sich fuer eine bestimmte Moeglichkeit zu entscheiden. Sie muessen allen Moeglichkeiten nachgehen, die sie wahrnehmen. Sie brauchen mehr Zeit fuer Entscheidungen, wirken solange leicht irritiert und irritieren damit Normalsensitive. Hochsensitive leben damit und mit den Folgen. U. a. damit, dass ihre komplexeren Sichten Unmut hervorrufen. Sie werden mit wenig achtsamen Kommentaren ‚abgepatscht‘. Aehnlich wie laestige Fliegen mit einer Fliegenpatsche abgewehrt werden. Dies tut weh. Es hilft zum Abbau des Schmerzes, „in der Sache zu bleiben“ und sich auf die moeglichen Bedingungen zu besinnen, die das Verhalten von Normalsensitiven hervorrufen.
Der Wunsch sich orientieren zu koennen, hat in unserer Kultur eine Tradition entstehen lassen, die alles ausgrenzt, was fuer die Mehrheit nicht relevant ist. Sie orientiert sich innerhalb von festgezurrten, d. h. fixen Weltsichten. Dort sind solche Kommentare, wie „Das muss man nicht so kompliziert machen …“ verankert. Diese signalisieren, dass da etwas nicht in die eigene Sicht passt. Wie ein Puzzleteil, das nicht passt und deshalb nicht verwendet werden kann. Es dauert in der Regel lange, bis das in mehrheitlich vertretene Sichten aufgenommen wird, was einmal ausgegrenzt wurde.
Menschen gehen z. B. ’selbstverstaendlich‘ davon aus, dass Kinder Druck brauchen, um zu lernen. Die neurobiologischen Forschungsergebnisse haben inzwischen in allen Wissenschaften, die den Menschen direkt betreffen, die Idee verbreitet, dass Druck Angst erzeugt und den ‚zweckdienlichen Gebrauch unserer biologischen Grundausstattung‘ – Nervensystem – verhindern (Heinrich Jakobi). Diesem Sachverhalt, der bereits vor ca. 100 Jahren von Jakobi so formuliert wurde, kann in der Sache kaum widersprochen werden. Normalsensitive lassen sich aber auf die Sache ’neurobiologische Grundausstattung‘ nicht ein. Sie verweisen in einmuetiger Uebereinstimmung mit Gleichgesinnten auf die positiven Wirkungen von ‚Druck‘ in ihrer eigenen Lernbiographie. Diese genauer zu betrachten, verweigern sie genauso. Kurz gefasst: Normalsensitive sind nicht in der Sache. Sie urteilen nach gemeinsam teilbaren Erfahrungserwerten – Druck hat mir nicht geschadet (was bisher noch keine Studie ergeben hat) – und denen anderer. Diese Uebereinstimmung mit anderen ist Basis ihres ‚handeln‘.  
Fuer Hochsensitive ist Uebereinstimmung mit anderen kein Kriterium dafuer, dass eine bestimmte Sicht funktionierendes ‚handeln‘ hervorbringt. Sie stellen fest, dass die meisten der Sichten, die ihnen ihre Umgebung anbietet, defizitaer wirken und neue Probleme aufwerfen. Vor allem letztere werden mehrheitlich ignoriert. Es wird behauptet, es gaebe da keine Probleme, wenn man eine bestimmte Sichtweise (Methode, Theorie) nur „richtig“ umsetze. Das als moegliches Korrektiv wirkende hochsensitive ‚hinsehen‘ auf das, was wirklich passiert, wird so zum Aergernis.        

„Kommunikative Kompetenz“

„Ein typisches Problem scheint fuer viele Aspies in der Interaktion mit anderen Menschen zu liegen.“ schreibt Rolf Reinhold auf seiner Aspie-Seite „Kommunikative Kompetenz“. ASP steht bei ihm fuer „Autonomistic Spectrum Person“. Damit sind alle Menschen gemeint, die sich durch eine ausgepraegte Eigenwilligkeit auszeichnen. Sie duerften alle hochsensitiv sein.  Von diesen moeglichen Zusammenhaengen war bisher auf diesen Seiten noch wenig die Rede. Im Blick auf mich stimme ich zu. Ich werde mich in spaeteren Artikeln damit eingehender beschaeftigen, indem ich Bezuege zu meinem eigenen Leben herstelle.
In diesem Artikel soll es um die im letzten angekuendigte Antwort auf die Frage gehen:
Wie koennen Hochsensitive mit anderen klar kommen und im Kontakt sein?
Rolf Reinhold meint, dass Hochsensitive bzw. Aspies ein Kapital mitbringen, das sie zum ‚klarkommen‘ und ‚im Kontakt sein‘ befaehigt  :
Aspies sind naemlich aus seiner Sicht
„sachorientiert,“
„funktionsorientiert,“
„situationsorientiert,“
„momentorientiert“ und daher
„situationsflexibel,“
„szenenhaft erinnernd“ und
„bildhaft denkend“ („Ich stell mir grad vor, wie …“)

„sachorientiert“?

Ich habe immer wieder erlebt, dass Kommunikation aus meiner Sicht an der Sache vorbeiging. Dies verwirrte mich oft.
Hier zwei Beispiele aus einer Fuelle von vielen:
Erstes Beispiel: Als junges Maedchen wurde ich von einem Bademeister in einer oeffentlichen Schwimmhalle dafuer getadelt, dass ich angeblich ohne Ruecksicht auf andere einen Kopfsprung ins Becken gemacht habe. Ich war mir sicher, dass dies nicht zutreffend war. Als ich widersprach, wiederholte er seine Behauptung. Ziemlich auszer mir, erzaehlte ich den Vorfall zu Hause und wurde wieder zurechtgewiesen. Ich solle mir das Verhalten des Bademeisters nicht so zu Herzen nehmen. Niemand zeigte Interesse an dem, was wirklich passiert war.  
Zweites Beispiel: Waehrend eines Abendessens mit Kindern und Erwachsenen bat eines der Kinder um ein zweites Wuerstchen. Seine Mutter verweigerte es ihm. Das sei nicht gesund, weil es mit dem anderen die ganze Nacht unverdaut im Magen liegen bliebe. Sichtlich beeindruckt von dieser Vorstellung wiederholte das Kind seinen Wunsch nicht mehr. Als ich spaeter darauf hinwies, dass dies m. E. nicht so sei, erhielt ich von der Mutter zur Antwort: „Du kannst auch nichts so stehen lassen!“
„sachorientiert“ waere im ersten Fall gewesen, den Hergang zu rekonstruieren und im zweiten Fall, meine Behauptung nachzupruefen. Ich denke, dass andere Hochsensitive hier viele aehnliche Erlebnisse berichten koennen. Diese Erlebnisse koennen auch Kommentare wie: „Du bist immer so nuechtern!“… einschlieszen. Menschen mit neurobiologischer Normalausstattung neigen dazu, statt die Sache zu beschreiben, ihre Interpretationen ins Gespraech zu bringen. Sie nennen dies „über die Sache sprechen“. Hochsensitive gehen von ihrem ‚hinsehen‘ aus, sie moechten schildern, was sie sehen und fuehlen und geben anderen Hinweise in der Sache. Dieses ‚in der Sache bleiben‘ – wie Rolf Reinhold es nennt – hat den Vorteil, dass man sich nicht ums Rechthaben streiten muss. Ich finde das ‚in der Sache bleiben‘ sehr angenehm. Ueber die Kurzsichtigkeit des anderen mich aufzuregen, verschiebe ich dann aufs  „stille Kaemmerlein“ zu Hause. Hochsensitive ziehen sich angesichts solcher Erlebnisse im Laufe ihres Lebens zurueck. Sie werden schweigsam und in sich gekehrt. Ich halte „sachorientierte“ Kommunikation fuer eine Staerke.

funktionsinteressiert?

Ja, bis andere mit der Behauptung verstoeren, dass Funktion der Form nachgeordnet sei. Ein hochsensitives Maedchen kaut im Unterricht gedankenverloren an ihrem Bleistift. „Warum arbeitest du denn nicht?“, fragt ihre Lehrerin. „Ich ueberlege, was schneller geht: ob ich die Aufgabe so oder so loese.“ Die Lehrerin: „Das ist doch egal! Hauptsache du findest das richtige Ergebnis!“ Da reden zwei aneinander vorbei. Die Lehrerin signalisiert: Es ist fragwürdig, wie du vorgehst. Du funktionierst nicht richtig. Hochsensitive sind aber gerade daran interessiert, dass etwa möglichst optimal funktioniert. Ausschließlich einen Weg zu kennen, der schnell Ergebnisse finden laesst, ist für sie uninteressant. Sie freuen sich „wie die Kinder“, wenn sie ihren eigenen Weg ‚herausfinden‘, mit dem etwas für sie optimal funktioniert. Das gilt für das ‚reparieren‘ von Espressomaschinen genauso wie für das ‚pflegen‘ einer Pflanze. Rolf Reinhold nennt dies ‚Funktionsfreude‘. Normenkonforme Menschen sind ausschließlich an Ergebnissen interessiert. Deshalb könnten sie es vorziehen, vorgegebenen Wegen zu folgen, anstatt die eigenen zu finden. Dies erzeugt langfristig Langeweile, der durch Freizeitvergnügen begegnet wird.

situationsorientiert?

Infolge ihrer hochsensitiven, biologischen Ausstattung sensorieren Hochsensitive Situationen sehr detailliert. Dabei stellen sie immer wieder fest, dass keine Situation der anderen gleicht. „dasselbe“ ist fuer sie ein Wort ohne sensorischen Eindruck. David Hume – vermutlich ein hochsensitiver Philosoph – hielt „dasselbe“ bzw. „identisch“ fuer ein Konstrukt von Vorstellungen. Menschen verbinden assoziativ, das was ihnen aehnlich zu sein scheint. Sie sehen dabei gewohnheitsmaeszig von Unterschieden ab und behaupten in der Folge: Zwei bestimmte Situationen sind gleich. Das umfangreichere Spektrum von Eindruecken, das durch ihre niedrigschwelligen Sensoren entsteht, verwehrt Hochsensitiven vergleichbare Gewohnheiten und Selbstverstaendlichkeiten. Dies ist nicht nur im Zwischenmenschlichen, sondern auch fuer wissenschaftliche Experimente und Beobachtungen von Bedeutung. Fuer Hochsensitve koennten Tätigkeiten, die mit ‚beobachten‘ und ‚hinsehen‘ zu tun haben, attraktiv sein.

„momentorientiert“ und daher „situationsflexibel“?

Menschen mit einer neurobiologischen Normalausstattung uebersehen Unterschiede. Sie sind in der Regel auch nur daran interessiert, normenkonform zu handeln. Fuer sie ist Alltaegliches immer gleich. Hochsensitive erleben jeden Augenblick neu. Es gibt hier vermutlich je nach  sensorischer Lage Unterschiede. Ich fuehle mich sehr wohl dabei, wenn ich mich auf diese vielen Momente (z. B. mit meinen Schuelern) einlassen kann. Spaeter denke ich darueber nach und lerne daraus: Ich kann wieder neue Unterschiede setzen und mich darauf einstellen. Moeglicherweise kann diese unueberschaubare Vielzahl von Momenten, die ich in die unterschiedlichsten Zusammenhaenge setzen kann, Angst ausloesen. Ich habe oft den Eindruck, dass ich keinen Ueberblick habe. Dies hat den Vorteil, dass ich offen bleiben kann, bis ich „den Impuls zum ‚handeln‘ spuere“ (Rolf Reinhold). Mein ‚handeln‘ wird so optimiert, jedoch niemals festgeschrieben. Andere Menschen erzaehlen von sich, dass sie „immer in bestimmter Weise“ handeln, wenn „eine bestimmte Situation“ eintritt. Ich gehe nicht davon aus, dass sich etwas 1:1 wiederholt. Ich lasse mich daher von meinem ‚handeln‘ ueberraschen. Ich kann mir zwar moegliche Situationen vorstellen und dazu auch moegliches ‚handeln‘ imaginieren, doch wie ich dann wirklich handle, weisz ich vorher nicht.

„szenenhaft erinnernd“ und „bildhaft denkend“ ?

Ich habe in frueheren Zeiten vergeblich nach meinen Gedanken in mir Ausschau gehalten. Ich habe sie auf Notizzetteln, in Texten  und beim Reden gefunden. Alles, was ich sehe und fuehle, wenn ich meine Augen schliesze, sind mehr oder weniger starke Vorstellungen (Erinnerungen), die sich auf Erlebtes beziehen. Ich kann diese Vorstellungen neu kombinieren und Problemloesungen erschaffen. Ich kann fiktive Welten bauen, Geschichten und Gedichte dazu erfinden. Manche Philosophen gehen davon aus, dass Menschen in Sprache denken. Fuer mich gibt es Selbstgespraeche im Kontext meiner Vorstellungen. Sie sind eine „Art“ von Dialog, bei entsprechender Fantasie kann dies in einen Polylog muenden, den ich spaeter mit Worten auf den Punkt bringen kann. Ich gehe davon aus, dass mein ’sprechen‘ ein Endprodukt dessen ist, was und wie ich erlebt und verarbeitet habe.

Ein hochsensitives Kind

Ein sehr ruhiges, aufmerksames Kind

Mit knapp 41 Jahren brachte ich meinen zweiten Sohn zur Welt. Ich ging davon aus, dass mir meine Erfahrungen mit meinem ersten Sohn eine Hilfe sein wuerden, diesem neuen Mitglied unserer Familie besser als vorher den Weg in sein eigenes Leben zeigen zu koennen. Bald schon aber stellte sich heraus, dass von alltaeglichen Handgriffen abgesehen – wie Windeln wechseln, Baeuerchen machen lassen, im Kinderwagen auf die Terrasse stellen oder Spazieren fahren – das Verhalten von Frank sich deutlich von dem seines grossen Bruders unterschied. Er war im ersten halben Jahr ein ausgepraegt ruhiger Saeugling, der viel schlief und wenn er wach in seinem Koerbchen lag, sich lange mit dem Betrachten eines Mobiles ueber ihm oder den Mustern der Waesche seines Koerbchens beschaeftigen konnte. Schon am ersten Tag nach seiner Geburt schien es ihm – nach dem Stillen und Wickeln – angenehmer zu sein, in seinem Koerbchen zu liegen, die Augen wandern zu lassen und schliesslich einzuschlafen, als neben mir in meinem Bett zu liegen oder in den Armen gehalten zu werden. Mir kam es nach einiger Zeit so vor, als ob die Zeit des Stillens jeweils seinen Hunger und seinen Bedarf nach koerperlicher Naehe gestillt hatte.


Fokussierung auf Eigenes

Frank konnte in der lautesten Umgebung einschlafen und ich habe in den ersten Monaten nur erlebt, dass er durch Hunger aus dem Schlaf gerissen wurde oder dass er einfach so erwachte. Er zeigte keine Reaktionen auf ploetzlich auftretende Geraeusche, waehrend er den Bewegungen eines ueber ihm haengenden Mobiles folgte oder auf einer Decke lag und seine unmittelbare Umgebung betrachtete. Meine Sorge, er koennte ein Hoerproblem haben, wurden durch deutliche Reaktionen in anderen Situationen, zwar nicht ganz aufgeloest, aber doch gemindert. Als 4 Jahre spaeter ein Hoertest gemacht wurde, weil das Phaenomen sich in anderen Kontexten immer wieder zeigte, war die muendliche Diagnose des freundlichen Arztes: „Der hoert das Gras wachsen.“ sehr beruhigend. Sie liess aber meine Irritation, die sein Verhalten ausloeste, nicht verschwinden. Was mir Bemerkungen ueber meine Uebersensibilitaet i.S.v. „Ueberbehuetung“ einbrachte. Der freundliche Ohrenarzt erwaehnte scherzend, das koenne so etwas wie ‚Mutterschwerhoerigkeit‘ sein. Damit wies er auf eine Baustelle hin, die mich hinsichtlich Frank stets beschaeftigte: „Mache ich etwas falsch?“


Erste Folgen

Diese Frage hatte sich in den ersten Jahren immer wieder gestellt. Nach dem ersten Halbjahr seines Lebens hatte er ploetzlich Schwierigkeiten beim Einschlafen. Am besten gelang es ihm, wenn man ihn stark schaukelte. Einschlaflieder loesten Weinen aus. Frank robbte sehr gern, aber er mied das Krabbeln. Sobald er stehen konnte, angelte er sich von Halt zu Halt. Als er zum ersten Mal den Rasen bekrabbelte, weinte er und betrat ihn erst wieder als er gehen konnte. Frank wollte meine Brust nicht mit einem Flaeschchen tauschen. Er schrie, sobald etwas anderes seinen Mund beruehrte. Er nahm auch keinen Schnuller. Erst als er ein Jahr alt war, begann er es zuzulassen, dass ich ihn mit einem kleinen Loeffel fuetterte. Er lernte aus einer Tasse zu trinken, die keinen Schnabel hatte. Er knabberte weder Zwieback, noch Karotten noch Aepfel. Er ass nur Pueriertes. Er hat sich nie Sand in den Mund gestopft. Er sass nie mit nackten Beinen in der Sandkiste. Er benutzte stets eine Schaufel oder eine Form, um zu graben. Er beschaeftigte sich auf dem Bauch liegend oft damit, dass er kleine Fussel aus dem Teppich sammelte und sie genau betrachtete. Er plapperte dabei nicht vor sich hin. Er produzierte keine Laute, waehrend man mit ihm sprach. Er schrie zornig auf, wenn ihm etwas nicht gelang und wehrte ab, wenn man ihm helfen wollte.


Ein kontaktfreudiges Kind

Mir wurde klar: Dieses Kind verhielt sich sehr anders als sein grosser Bruder. Er war aber gern mit anderen Kindern zusammen. Er tobte mit seinem grossen Bruder und dessen Freunden. Er liess sich von anderen in ihr Spiel verwickeln oder brachte sich behutsam in ihr Spiel ein. Er sprach seine eigene Sprache. Er plapperte und gestikulierte. Er zog sich enttaeuscht und wuetend zurueck, wenn die Kommunikation nicht klappte. Er lachte gern und zeigte sich sonst ausgeglichen. Seine Einschlafprobleme verschwanden. Er schlief gut durch und war tagsueber rege und freundlich.


Weitere Folgen

Seine Zahnentwicklung vollzog sich innerhalb des ueblichen Zeitrahmens. Er biss andere voellig ueberraschend und freute sich ueber die Reaktionen. Besucher, die ihn nicht kannten, wiesen wir auf seine Neigung hin. Er liess es nicht zu, dass man ihn behutsam streichelte. Schon als Saeugling hatte er dabei geweint. Er akzeptierte es, wenn man ihn fest anpackte. Im ersten Lebensjahr entwickelte er eine starke Abneigung gegen den Laerm grosser Fahrzeuge. Eines Tages schrie und weinte er, nachdem wir an einem Muellwagen vorbeigegangen waren, der unter laufendem Motor Container mit Flaschen entlud. Von da an schrie er, wenn er von Ferne ein grosses Fahrzeug entdeckte. Wir wichen ihnen aus. Wir gingen zu Fuss, anstatt den Bus zu nehmen. Noch mit zehn Jahren ging er lieber zu Fuss, als Bus zu fahren. Auch bei  Blechintrumenten,  bei Jahrmarktsmusik und -geraeuschen, schreienden Menschen … usw.  zeigte er im zweiten Lebensjahr aehnliche Reaktionen.


Schuldgefuehle und hilflose Fachleute

Sein anderes Verhalten fiel auch anderen auf. Ich erhielt immer wieder Hinweise auf seine Defizite und Kritik. Man belehrte mich darueber, welches Verhalten fuer Kinder seines Alters normal sei. Das Winken mit der Norm sorgte bei mir fuer Schuldgefuehle. Niemand fragte spontan, was ich bisher unternommen hatte, um Verhaltensaenderungen anzuregen. Ich entwickelte die Gewohnheit anlaesslich solcher Reaktionen anderer mein zurueckliegendes Erziehungsverhalten genauestens zu reflektieren. Ich suchte Fachleute auf. Meine Kinderaerztin beschwichtigte mich mit dem Kommentar: „Das waechst sich aus!“ Eine Kinderpsychologin meinte: „Sie muessen ihn staerker fordern und konsequenter sein.“ Konkret hiess das, ich solle ihn unter Druck setzen. Dies hatte ich oft genug bereits getan und damit nur heftige Abwehr und Rueckzugsverhalten bei Frank ausgeloest. „Da muss er durch!“, meinte sie.


Gemeinsam foerderliche Moeglichkeiten finden

Eine anthroposophische Heilpädagogin gab mir die ersten wirklich hilfreichen Tipps. Sie entlastete mich von Schuldgefuehlen, indem sie einerseits aus einem Sceno-Test schloss, dass Frank sich in unserer Familie wohl fuehle, andererseits hielt sie seine Reaktionen auf Beruehrungen und Geraeusche, sein Sprach- und Essverhalten fuer Hinweise auf sensorische Probleme anstatt als Hinweise auf  Erziehungsprobleme. Sie hatte ferner bemerkt, dass er auf leichte Beruehrungen abwehrend reagierte. Als ich ihr auch von Gleichgewichtsproblemen berichtete, vermutete sie Defizite der Tiefenwahrnehmung. Sie empfahl mir, ihm leichte Beruehrungen durch spielerische Aktivitaeten anfangs z.B. mit Rasierschaum, Creme angenehm zu machen, um dann zu anderem weiterzugehen. „Probieren sie alles, was er zulaesst und bleiben Sie solang dabei, bis er neue Reize akzeptiert.“ Ich sollte ihm eine Rutschgelegenheit verschaffen und mit ihm das Sandwichspiel spielen. Letzteres sollte vor allem die Tiefenwahrnehmung foerdern. Beim Sandwichspiel legt man das Kind zwischen zwei Matten und ein anderer legt sich oben drauf, bis das Kind nicht mehr moechte. Frank genoss dieses Spiel bis weit in die Grundschulzeit hinein. Er quietschte vor Vergnuegen, wenn man sich darauf warf. Sie empfahl mir lustvolle Beruehrungen seines Mundinneren zu initiieren. Ich wuerzte sein Essen mit Pfeffer und Tabasco. Es schmeckte ihm sehr gut. Wir kochten gemeinsam scharfe Tomatensossen, Suppen oder jeder fuer den anderen. Ich zog seinen Bruder mit ein – vor allem fuer das Sandwichspiel und andere koerperbetonte Spiele, die Jungens ohnehin gern spielen. Sie empfahl mir ferner eine physiotherpeutische Gymnastik fuer Frank.


Eine hilfreiche Vorstellung

Neben diesen konkreten Tipps gab mir die anthroposophische Therapeutin eine hilfreiche Vorstellung mit. Frank habe noch nicht gelernt, unterschiedliche Reize klar auseinander zu halten. Er erlebe vermutlich viele Reize genauso unspezifisch wie wir die Beruehrungen an einem eingeschlafenen Bein oder Arm. Unspezifische Beruehrungen seien unangenehm. Kinder reagierten darauf verstaendlicherweise mit Rueckzug und Abwehr. Um das notwenige Lernen dennoch zu ermoeglichen, sei es wichtig, Beruehrungen in angenehmem Kontext zu vermitteln. Es kaeme darauf an, im Spiel mit ihm Variationen der Beruehrungen zu finden. „Verwickeln Sie ihn in alles, was Ihnen einfaellt und bauen Sie es aus, soweit er es zulaesst.“


Erste merkbare Aenderung

Nach diesem Motto arbeitete auch die Physiotherapeutin mit Frank. Sie regte ihn spielerisch zu vielen Aufgaben an und sie akzeptierte es, wenn er Aufgaben verweigerte. Im Laufe der Arbeit bei ihr und zu Hause hat er sich nach und nach immer weitergehenderen Aufgaben gestellt. Nach zwei Monaten Physiotherapie und haeuslicher Spieltherapie sprach Frank mit kapp drei Jahren sein erstes Wort.

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Schuechtern


Seit ich mich selber unter der Fragestellung ‚Bin ich hochsensitiv?‘ betrachte, sehe ich Menschen, solche mit denen ich es persoenlich zu tun habe und solche, deren Aeusserungen und Biographien ich gelesen habe, auch unter dieser Fragestellung an.

Schuechterne Philosophen

Bei dem Woertchen „schuechtern“, das jemand fuer sich gebraucht oder mit dem andere einen Menschen bezeichnen, werde ich hellwach. Dies war auch der Anlass, dass ich einen Link zu einem kurzen Video mit dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty setzte. Mit seinen Anregungen zum ‚philosophieren‘ und seiner Biographie beschaeftige ich mich seit einiger Zeit.
Er bezeichnete sich selber als ‚bookish‘, was man moeglicherweise mit ‚buechernaerrisch‘ oder gar ‚buechersuechtig‘ uebersetzen koennte. Ausser Buechern haben ihn zeitlebens nur noch Naturbeobachtungen in aehnlicher Weise fasziniert, erzaehlte er in dieser Videodokumentation.
Dass ihm ausserdem, das Glueck seiner 25jaehrigen Ehe wichtig war, das seiner Kinder und sein beruflicher Erfolg, nehme ich auf Grund anderer Dokumente an und erwaehne dies hier, um diesem Bild noch weitere Facetten hinzuzufuegen. Faszination koennte aber moeglicherweise etwas anderes sein, als das, was Menschen empfinden, wenn sie Beziehungen mit anderen Menschen erleben.

Schuechterne Kinder

Ich bin im Laufe meiner Berufstaetigkeit immer wieder Kindern begegnet, die als ’schuechtern‘ bezeichnet wurden. Meistens werden mit ’schuechtern‘ Mitbedeutungen wie ‚zurueckhaltend‘, ‚gehemmt‘, ‚aengstlich‘ und ‚unsicher‘ verbunden. Im Hinblick auf Kriterien fuer ein Verhalten, das sich Eltern u.a. Erwachsene im Hinblick auf soziale Anerkennung fuer ein Kind wuenschen, handelt es sich hier um besorgniserregende Zuschreibungen und Mitbedeutungen.

einschuechtern

Ich denke, dass Verhalten, das als ’schuechtern‘ bezeichnet wird, eine Reaktion auf etwas ist, die Kinder veranlasst, darauf zu verzichten, ihren spontanen Impulsen zu folgen. Man kann als Erwachsener auch sehr lebhafte junge Kinder durch entsprechendes Verhalten einschuechtern. Ganz junge Saeuglinge kann man dadurch in ihren spontanen Beduerfnisaeusserungen einschraenken, dass man es unterlaesst darauf einzugehen. So war es z.B. im letzten Jahrhundert bis in die 70iger Jahre hinein ueblich, jungen Muettern zu raten, ihr Neugeborenes an feste Stillzeiten zu gewoehnen, damit es lernt, dass es in dieser Welt nicht nach seinem Kopf geht. „Lassen Sie es ruhig schreien, das ist gut fuer die Lungen!“ Muetter, die es schmerzte, dass sie den Beduerfnissen ihres Saeuglings nicht entsprechen sollten, unterliessen es, spontan ihrem Empfinden zu folgen, um nicht als schlechte Muetter zu gelten.

Scheu vor Unbekanntem

’schuechtern‘ kann auch ein voruebergehendes Verhalten bezeichnen, das Kinder in Situationen und Umgebungen sehen lassen, die ihnen unbekannt sind. Saeuglinge ziehen sich in einem bestimmten Alter von Personen zurueck, die sie nicht kennen. Kinder eines bestimmten Alters, die zum ersten Mal allein in einer fremden Gemeinschaft zurueckgelassen werden, koennen altersgemaess entsprechendes Verhalten sehen lassen. Dies wiederholt sich in der Regel bei weiteren Gemeinschaftswechseln – dann meist in abgeschwaechter Form. Wie man sich mit Unbekanntem bekannt machen kann, scheint das Ergebnis von Erlebnissen zu sein. Gelingt es Kindern hier zu angenehmen Erfahrungen zu finden, koennen sie sich – vermutlich im Kontext von Erinnerungen an fruehere Erlebnisse – auf Unbekanntes offen einstellen.

Unbekanntes schuechtert ein

In unbekanntem Terrain duerften sich auch unsere ursteinzeitlichen Vorfahren sehr vorsichtig und zurueckhaltend bewegt haben. Wenn es – wie die Neurowissenschaftler sagen – zutrifft, dass unser Nervensystem auch evolutionaer erworbenen Prinzipien folgt, duerfte Unbekanntes regelmaessig wenig angenehme Empfindungen hervorrufen. Unbekanntem positiv gestimmt entgegen zu sehen, duerfte moeglicherweise durch entsprechende Lernerfolge so kompensiert werden koennen, dass wir Neuem vielleicht nur noch mit gemischten oder sogar mit frohen Gefuehlen begegnen.

’schuechtern‘ könnte das Merkmal eines reaktantes Verhalten bezeichnen

Ich gehe davon aus, dass Menschen sich auch dadurch voneinander unterscheiden, dass die Reizschwellen ihrer unzaehligen Sensoren – aus welchen Gruenden auch immer – im Durchschnitt deutlich niedriger sind als die vieler anderer und daher mehr Impulse sensorieren. Dies verstehe ich unter hochsensitiv. Es gibt dafuer einige Hinweise im Verhalten, in spontanen Reaktionen und in der Eigenbeschreibung, die zu neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen passen und so die Plausibilitaet dieser Annahme begruenden koennen.
Es ist daher vorstellbar, dass ein Verhalten, das wir gewoehnlich mit ’schuechtern‘ bezeichnen, auch eine Reaktion auf hochsensitives Funktionieren sein koennte. Das Fachwort wäre Reaktanz. Wobei ich betonen moechte, dass ich nicht glaube, dass man zu endgueltigen Aussagen wird kommen koennen. Es sind viel zu viele Variablen im Spiel, die wir kaum zusammenschauend im Blick haben koennen und zudem duerfte die Vielzahl einen trivialen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ausschliessen.
Mir kommt es nur darauf an, Moeglichkeiten zu finden und sie anderen anzubieten, wie man Kindern helfen kann, die ein Verhalten und Reaktionen sehen lassen, die Anlass fuer Fragen und Sorgen geben.

unterschiedliche reaktante Muster bei hochsensitiven Kindern

Wenn Kinder hochsensitiv funktionieren, heisst das, dass ihre Sensoren und damit die unzaehligen Aktivitaetsmuster ihres gesamten Nervensystems hochsensitiv funktionieren, d.h. es muss viel mehr verarbeitet werden als bei normalsensitiven Kindern. Diese Kinder sind also innerlich staerker beschaeftigt. Nach aussen wirken sie moeglicherweise ruhiger, duerften sich vermutlich aber nicht entspannt fuehlen, weshalb sie sehr heftig auf weitere Reize reagieren koennen und unvermittelt handeln. Kinder, die hochsensitiv funktionieren, verhalten sich aber auch sehr lebhaft, ja man hat den Eindruck, sie sind immer auf dem Sprung, weil sie auf jeden Reiz anspringen. Sie kriegen alles mit und sie sind ueberall dabei. Die ersteren werden gern ermahnt, doch etwas mehr aus sich herauszugehen, man ermuntert sie zu Aktivitaeten, die sie nur widerwillig mitmachen oder ablehnen, den anderen verlangt man Ruhe und Stillsitzen ab, was sie nur sehr eingeschraenkt in der Lage sind zu leisten.

der Rahmen Akzeptanz

Weder die ganz ruhigen, noch die ganz lebhaften, erfahren in der Regel die Akzeptanz, die sie als Rahmen brauchen, um zu lernen, wie sie mit ihrem Funktionieren bekannt werden koennen. Dies scheint mir, vor allem mit den Normen und Erwartungen zusammenzuhaengen, die unser eigenes Handeln bestimmen, weil sie unser Bekannt werden mit unserem Funktionieren bestimmt und gelenkt haben.
Als mein juengster Sohn im Alter von knapp zwei Jahren mit der ganzen Familie einen festlichen Gottesdienst besuchte, ertoente ein Posaunenchor. Der Junge fing an zu schreien und zu weinen und war nicht zu beruhigen. Die Reaktionen der Umgebung fielen wenig hilfreich aus. Als ich mit ihm nach draussen ging, beruhigte er sich. Es hat Monate gedauert, bis er sich wieder darauf einliess, eine Kirche zu besuchen und dann auch nur auf die Versicherung hin, dass diesmal kein Posaunenchor spielt.

’schuechtern‘ bezeichnet ein vermutlich unwirksames Verhaltensmuster

Es koennte sein, dass ein Verhalten, das wir mit ’schuechtern‘ bezeichnen, im Zusammenhang mit neuronalen Mustern steht, die anlaesslich von Erlebnissen entstanden sind, in der Reize auf unbekanntem Terrain Fluchtreaktionen ausgeloest haben. Wenn einem die konkrete Flucht verwehrt ist, koennte die Zurueckhaltung eigener Fluchtimpulse auf unangenehme Reize eine Haltung hervorbringen, die irrtuemlich Schutz signalisiert und jederzeit zusammenbrechen kann.

eigene Grenzen zu erleben, ermoeglicht weiterentwickeln

Ein sehr schuechterner Schueler hatte sich mit einem wesentlich temperamentvolleren Mitschueler angefreundet. Ich habe in der Anfangszeit dieser Freundschaft oefter Situationen zwischen den beiden beobachtet, in denen der letztere sehr uebergriffig war. Der erste hat freundlich zurueckhaltend still gehalten. Einmal brach er in heftige Traenen aus: „Das ist zu viel!“, rief er. Es stellte sich heraus, dass der temperamentvolle Freund innerhalb kurzer Zeit einen Wunsch nach dem anderen geaeussert hatte, dem er entsprochen hatte. „Und nun will er auch noch meinen goldenen Stift von mir. Das ist zu viel!“ Der andere war ganz verdutzt und entschuldigte sich spontan. Er mochte den Stillen. Von diesem Tag an gelang es dem schuechternen Jungen zunehmend haeufiger seinen Freund und andere auf seine eigenen Grenzen hinzuweisen.

Nicht normal?

Normal ist das, was einer bestimmten Norm entspricht. Diese Norm korreliert mit dem in einer Kultur gesellschaftlich akzeptierten Denken, Handeln und Verhalten. Die Norm bleibt unkonkret, sie wird aber daran demonstriert, wie einzelne denken, handeln und sich verhalten. Diese Vorbilder werden der nachwachsenden Generation zur Uebernahme vorgelegt und ihr als zu lernendes, zunehmend erwachsenes, reifes Verhalten abverlangt.

 

’normal‘ segregiert

Wird ueber jemanden gesagt, er sei nicht normal, so wird damit auch gesagt, dass er graduell oder ganz aus der Gemeinschaft ausgeschlossen ist.
Wenn man Kindern beim Spielen zusieht, kann man erleben, welche Folgen es hat, wenn die Mehrheit eines von ihnen ausschließt. Jugendliche, die sich wohler in ihrer Altersgruppe fuehlen als unter anderen, scheinen – in einer Zeit der Distanz zu Normen der Aelteren – dem Wunsch folgen zu wollen, dazu zu gehoeren. Erwachsene, die von Kollegen und Freunden aus gegebenem Anlass – moeglicherweise weil sie irgendwie anders sind – geschnitten werden, bezeichnen wir als Mobbingopfer.

 

’normal‘ =Wert

Ich denke daher, es ist ein schwerwiegendes Urteil, wenn Menschen Einzelne als nicht normal bezeichnet. Schwer zu verkraften duerfte dies wahrscheinlich auch infolge von Mitbedeutungen fuer ’normal‘ sein. Letztere koennen fuer jeden Menschen auf das hinweisen, was Wert fuer ihn hat. Wert fuer die Bezeichnung ’normal‘ duerfte eventuell in unserer Kindheit bereits durch die Zuneigung entstehen, die wir gegenueber den Menschen empfinden, die von uns in bestimmten Situationen fordern, das zu denken, zu tun und uns so zu verhalten, wie sie glauben, dass es ’normal‘ sei.

 

‚wissen‘ bewertet

‚hochsensitive‘ gehoeren nach Aussage von Wissenschaftlern zu einer kleinen Gruppe von Individuen in jeder Gattung Lebewesen. 15-20% duerfte ihr Anteil betragen. Aus normaler Sicht koennte man sagen, Pech gehabt, Du bist eben mit einer nicht-normalen physischen Ausstattung geboren. ‚hochsensitive‘ Menschen verhalten sich dazu aehnlich wie uebrigens andere Menschen auch, die auf diese ‚wissenschaftlich‘ begruendete Weise ausgeschlossen werden (z.B. ‚hochbegabte‘). Sie reagieren auf den Ausschluss aus der Gemeinschaft und entwickeln reaktantes Denken, Handeln und Verhalten. Einen Hinweis auf Reaktanz gibt aus meiner Sicht die unter ‚hochsensitiven‘ verbreitete Auffassung, dass ‚hochsensitiv‘ mitmeine, solche Menschen seien per se intelligenter oder verstaendnisvoller, weil sie anders wahrnehmen.

 

 

‚lernen‘ ermöglicht ‚funktionieren‘

Konstitutionelle Gegebenheiten werden beim Menschen optimal durch die staendige Aktivitaet ‚Lernen‘ gebrauchsfaehig gemacht und auch so optimiert. Auf diesen Zusammenhang weisen auch die Forschungsergebnisse aller Wissenschaften hin. Ich gehe deshalb davon aus, dass erst ‚lernen‘ zum funktionieren bringen kann, was ‚hochsensitive‘ von anderen unterscheidet und es so ermoeglicht positive Anwendungen zu finden. ‚lernen‘ koennte den Raum oeffnen, die Dinge so zu sehen, wie ein ‚hochsensitiver‘ diese erlebt und bewertet, anstatt die Dinge so zu sehen, wie andere glauben, dass sie gesehen werden muessen. Daraus koennten innovative Impulse fuer alle entstehen.