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Verschiedenheit (Diversitaet) statt Normalitaet …

…ist auf diesen Seiten immer wieder mein Thema. Es ist ueblich, dass unsere Kultur die anerkennt, die normal sind. D. h. fuer Menschen, die abweichen, dass sie nicht vollstaendig dazu gehoeren. Unter dem Stichwort ‚Inklusion‘ haben die WHO und die UNO darauf hingewiesen, dass Inklusion ein Menschenrecht ist.

Menschen sind verschieden.

Nicht bedacht wurde dabei, dass Menschen weltweit in Kategorien denken und fuehlen, die sich am Normalen orientieren. Dass heute die VERSCHIEDENHEIT von Menschen thematisiert wird, ist ein Hinweis darauf, dass es Menschen nicht selbstverstaendlich ist, dass Menschen prinzipiell verschieden sind. Jeder stimmt zu, wenn man sagt, dass Menschen verschieden sind, aber jeder tut so, als gaebe es so was wie normal, indem er z. B. normales Verhalten fordert.

Menschen haben verschiedene Bedürfnisse

In der Sache bezeichnen wir mit Normalitaet inzwischen das, was mehrheitlich so bezeichnet wird. Normal sein, heiszt sich so verhalten, so zu denken wie die Mehrheit denkt. Wuenschen sich Menschen das heute wirklich noch? Wollen wir nicht alle lieber unseren eigenen Beduerfnissen folgen? Was unterscheidet so genannte Normale von so genannten Nicht-Normalen auszer ihren Beduerfnissen?

„Normal“ ist ein quantitatives Kriterium

Ueber den Umweg von Stoerungen des Normalen – wie Hochsensitive dies bei sich beobachten und wie andere es an ihnen feststellen – wird Normales immer oefter in Frage gestellt. Vor allem auch deshalb, weil so genannte nicht Normale, wie Hochsensitive u. a., nicht auf Therapien reagieren, die sie ’normal‘ machen sollen. ‚Normal‘ ist kein erreichbarer Zustand, sondern etwas, das die Summe aller Verhaltensmerkmale einer Mehrheit ausmacht. Es ist also ein quantitatives Kriterium. Auch normale Menschen merken immer oefter, wodurch sie sich von anderen Normalen unterscheiden.

Verschieden und Okay

Merkwuerdigerweise halten sie diese Unterschiede fuer normal, fuer ‚voll normal‘ wie manche sagen. Dabei handelt es sich um Vorlieben unterschiedlichster Arten wie Lebensweisen, Essgewohnheiten, Freizeitbeschaeftigungen, Freundeskreis, Berufswahl, Empfindungen … etc. Die Öffnung fuer Verschiedenheiten ist auch eine grosze Chance fuer alle Hochsensitiven. Ihre Verschiedenheiten brauchen dann nicht mehr als Stoerungen des Normalen angesehen werden, sondern als Merkmale eines ganz bestimmten Menschen. Und im übrigen gilt, um es mit einer alten Psychologenweisheit zu sagen: „Du bist ok, ich bin ok, wir sind ok.“

Wer ist ein Autist bzw. ein Aspi?

Die Antwort wird medizinisch mit Hilfe entsprechender Diagnose-Kriterien gegeben. Es gibt diagnostizierte ASPIs, die dann sagen „Ich habe Asperger.“ Oder „Ich habe Autismus.“ So als haetten sie einen Virus eingefangen. Wenigstens wirkt dies auf mich manchmal so. Aus Berichten von Leuten, die eine Diagnose brauchen, um als behindert anerkannt zu werden, ergibt sich immer wieder fuer mich der Schluss, dass diese Kriterien Medizinern keine Orientierung geben, vor allem dann, wenn sie wenig Kenntnisse ueber autistisches bzw. aspisches Verhalten haben.

Können Betroffene berufstätig sein?

Vor allem aeltere Betroffene aus dem ASP-Spektrum, die jahrelang die verschiedensten Beeintraechtigungen und Probleme erlebten, haben Schwierigkeiten eine zutreffende Diagnose zu bekommen. Manche werden abgewiesen, weil sie berufstaetig sind oder waren und deshalb nicht zum ASP-Spektrum gezaehlt werden.

Helfen traditionelle psychiatrische Therapien?

Junge Betroffene werden im Anschluss an eine Diagnose in der Regel mit traditionellen psychiatrischen Methoden behandelt und mit Therapien und Medikamenten versorgt. Dabei wird sowohl in der Fachliteratur als auch von Betroffenen berichtet, dass derartige Therapien nichts nuetzen. Verhaltenstherapeutische Trainings schon eher, wenn die Unterstützer reflektieren können, was sie tun. U. a. berichtet Theunissen in „Menschen im Autismusspektrum“ (S. 168-172) ueber die problematischen Folgen traditioneller psychiatrischer Therapien. Verhaltenstherapie kann in Verbindung mit einem unterstuetzenden Beratungskonzept fuer alle Hochsensitiven (ASPIs, Autisten, ADHSler, ADSler) dem Betroffenen Fortschritte ermoeglichen, mit Menschen und in sozialen Bezuegen (u. a. Arbeitswelt) besser klar zu kommen. Informationen dazu gibt es u. a. auf der Webseite des Hamburger Autismus-Institutes oder auf der Seite des Koelner Autismus Therapie Zentrums .

Sind Aspis und Kanners geisteskrank?

Wenn Mediziner auf die Idee kommen, einem Betroffenen Medikamente zu geben, wird deutlich, dass in Deutschland hochsensitive Menschen als Kranke betrachtet werden, die geheilt werden muessen. Inzwischen spricht aber immer mehr dafuer, dass die Sensoren von Hochsensitiven anders funktionieren. Es ist also die neurophysiologische Ausstattung, die den Unterschied eines Hochsensitiven (ASP-Spektrum: ASPI, Autismus, Kannersyndrom…) zu normalen Menschen ausmacht. Niemand kaeme auf die Idee blind- oder taubgeborene Menschen mit Medikamenten zu behandeln, damit sie sich in der Welt der Sehenden und Hoerenden besser zurechtfinden. Solche Menschen muessen einfach viel lernen, um mit ihrer Behinderung ein moeglichst optimales Leben fuehren zu koennen.

Sind Betroffene lernfähig?

Von Betroffenen aus dem ASP-Spektrum wird regelhaft durch Fachleute und entsprechend von den Angehoerigen Anpassung gefordert. Auch dies spricht gegen die Qualitaet der Diagnosekriterien. Erfreulicherweise gibt es auch Angehoerige, die darueber anders denken und anders mit ihren Kindern umgehen. Neben Temple Grandin, die ohne ihre Mutter heute in einem Heim dahindaemmern wuerde, gibt es u. a. das ‚Son-Rise-Programm‘ der Kaufmanns, das auch inzwischen betroffene Familien in Deutschland erfolgreich umsetzen und z. B. das Verhaltenstraining nach ABA. D. h. es gibt Ideen
wie Menschen erfolgreich lernen – deren Sensoren etwas anders als ueblich funktionieren -, ja sogar erprobte Lernkonzepte, die Betroffene unterstuetzen und so ihr eigenstaendiges Leben foerdern. Solange aber Fachleute und Angehoerige davon ausgehen, dass Hochsensitive krank sind, ja sie sogar als geisteskrank bezeichnet werden, verpassen Menschen aus dem hochsensitiven Spektrum die Chance, durch Lernen fuer sich Verbesserungen zu erreichen. Betroffenen bleibt angesichts solcher Behauptungen in der Regel nur die Entscheidung, sich selber fuer irreparabel behindert bzw. gestoert zu betrachten. Dabei ist bekannt, dass sie oft nicht nur einzigartige Faehigkeiten und spezielle Interesse haben, sondern auf ihre ganz eigene Weise lernen, die schulische Lerntheorien und damit Unterrichtsmethoden radikal in Frage stellen.

Das muss man nicht so kompliziert machen …

… kommentierte kuerzlich jemand meinen Beitrag als es um moegliche Loesungen eines Problems ging. Normal-sensitive Menschen gehen unreflektiert davon aus, dass ihre Sichtweise ausreichend fuer jede Art von Problemloesung sei. Dies entspricht offensichtlich auch ihrer biologischen Ausstattung: Ihre Sensoren leiten weniger Impulse ins Gehirn weiter als die Hochsensitiver. Hochsensitive sehen und fuehlen mehr und setzen mehr Unterschiede zwischen Dingen, Menschen und Situationen. Fuer sie sind daher die Dinge komplexer. Komplexitaet darf ein bestimmtes Masz nicht ueberschreiten, sonst geht die Orientierung verloren. Jeder Mensch muss sich orientieren koennen und er grenzt daher vieles aus, was ihm irrelevant zu sein scheint. Dies gilt auch fuer Hochsensitive. Doch ihnen ist bei diesem Ausgrenzen unwohl. Sie haben Schwierigkeiten, sich fuer eine bestimmte Moeglichkeit zu entscheiden. Sie muessen allen Moeglichkeiten nachgehen, die sie wahrnehmen. Sie brauchen mehr Zeit fuer Entscheidungen, wirken solange leicht irritiert und irritieren damit Normalsensitive. Hochsensitive leben damit und mit den Folgen. U. a. damit, dass ihre komplexeren Sichten Unmut hervorrufen. Sie werden mit wenig achtsamen Kommentaren ‚abgepatscht‘. Aehnlich wie laestige Fliegen mit einer Fliegenpatsche abgewehrt werden. Dies tut weh. Es hilft zum Abbau des Schmerzes, „in der Sache zu bleiben“ und sich auf die moeglichen Bedingungen zu besinnen, die das Verhalten von Normalsensitiven hervorrufen.
Der Wunsch sich orientieren zu koennen, hat in unserer Kultur eine Tradition entstehen lassen, die alles ausgrenzt, was fuer die Mehrheit nicht relevant ist. Sie orientiert sich innerhalb von festgezurrten, d. h. fixen Weltsichten. Dort sind solche Kommentare, wie „Das muss man nicht so kompliziert machen …“ verankert. Diese signalisieren, dass da etwas nicht in die eigene Sicht passt. Wie ein Puzzleteil, das nicht passt und deshalb nicht verwendet werden kann. Es dauert in der Regel lange, bis das in mehrheitlich vertretene Sichten aufgenommen wird, was einmal ausgegrenzt wurde.
Menschen gehen z. B. ’selbstverstaendlich‘ davon aus, dass Kinder Druck brauchen, um zu lernen. Die neurobiologischen Forschungsergebnisse haben inzwischen in allen Wissenschaften, die den Menschen direkt betreffen, die Idee verbreitet, dass Druck Angst erzeugt und den ‚zweckdienlichen Gebrauch unserer biologischen Grundausstattung‘ – Nervensystem – verhindern (Heinrich Jakobi). Diesem Sachverhalt, der bereits vor ca. 100 Jahren von Jakobi so formuliert wurde, kann in der Sache kaum widersprochen werden. Normalsensitive lassen sich aber auf die Sache ’neurobiologische Grundausstattung‘ nicht ein. Sie verweisen in einmuetiger Uebereinstimmung mit Gleichgesinnten auf die positiven Wirkungen von ‚Druck‘ in ihrer eigenen Lernbiographie. Diese genauer zu betrachten, verweigern sie genauso. Kurz gefasst: Normalsensitive sind nicht in der Sache. Sie urteilen nach gemeinsam teilbaren Erfahrungserwerten – Druck hat mir nicht geschadet (was bisher noch keine Studie ergeben hat) – und denen anderer. Diese Uebereinstimmung mit anderen ist Basis ihres ‚handeln‘.  
Fuer Hochsensitive ist Uebereinstimmung mit anderen kein Kriterium dafuer, dass eine bestimmte Sicht funktionierendes ‚handeln‘ hervorbringt. Sie stellen fest, dass die meisten der Sichten, die ihnen ihre Umgebung anbietet, defizitaer wirken und neue Probleme aufwerfen. Vor allem letztere werden mehrheitlich ignoriert. Es wird behauptet, es gaebe da keine Probleme, wenn man eine bestimmte Sichtweise (Methode, Theorie) nur „richtig“ umsetze. Das als moegliches Korrektiv wirkende hochsensitive ‚hinsehen‘ auf das, was wirklich passiert, wird so zum Aergernis.        

‚hochsensitiv‘-neurobiologisch


Reizschwellen

hochsensitiv‘ charakterisiert ein bestimmtes Verhalten. ‚hochsensitiv‘ könnte auch eine funktionale Eigenschaft von Nervenzellen (Sensoren und Neuronen)sein. ‚hochsensitiv‘ reagieren Nervenzellen eines Menschen dann, wenn die absolute Reizschwelle von Nervenzellen niedriger als die durchschnittliche anderer Menschen ist. Als ‚absolut‘ bezeichnet man den Wert der Reizschwelle einer Nervenzelle, den Reize bzw. Impulse erreichen muessen, um Aktionspotentiale einer Nervenzelle auszuloesen.

 

Modulation und sensorische Anpassung

Reizschwellen sind prinzipiell variabel, sie haengen mit komplexen Organlagen unseres Koerpers zusammen. Eine voruebergehende Modulation geschieht z.B. beim Schlafen. Menschen reagieren dann entweder gar nicht oder nur verzoegert auf Reize und Impulse. Reizschwellen von Nervenzellen koennen sich nachhaltig durch sensorische Anpassung im Zusammenhang mit ‚lernen‘ veraendern. Dies wird z.B. im Sport durch Training bestimmter Bewegungsablaeufe erreicht. Ebenso beim ‚lernen‘ sehr komplexer Bewegungen im Kleinkindalter, wie z.B. ‚laufen‘.

 

Schwellenwerte

Der momentane Status der sensorischen Anpassung loest in der Regel mehr oder weniger positive Empfindungen aus. Berichten Menschen nun, dass sie sich z.B. ueberreizt und daher gestresst fuehlen, wenn sie sich in bestimmten Situationen befinden, dann wird neurobiologisch unterstellt, dass dies mit den Schwellenwerten von Nervenzellen, insbesondere der Neuronen  zusammenhaengt und mit der Modulation von Impulsen im ZNS. Man kann diesen Zusammenhang experimentell mit Hilfe des fMRT erforschen und darstellen. ‚Schwellenwerte‘ sind seit Jahren eines der zentralen Forschungsgebiete in der Neurobiologie, weil man sich dadurch differenziertere Kenntnisse ueber zentralneurologische Aktivitaeten verspricht.

 

neuronale Aktivitaeten

Der bestaendige Fluss von neuronalen Aktivitaeten im Gehirn (‚Neuronenfeuer‘) wird hier gesteuert. Im Großhirn entstehen Netzwerke von Neuronengruppen, die sich wiederum zu Netzwerken verbinden.  Es bilden sich Netzwerke aus Netzwerken. Entsprechend der Vernetzung werden afferente Impulse zusammengefuehrt und je nach dem verstaerkt oder gehemmt. Daraus  entstehen regelhafte Steuerungsmuster fuer efferente Impulse. Die sehr komplex vernetzten neuronalen Aktivitaeten von ca. 100 Milliarden Neuronen duerften die Effizienz des ZNS ausmachen.

 

‚Responsivitaet‘ neuronaler Netzwerke

Diese Steuerung wird auch durch Verhalten und Handeln (z.B.’lernen‘) mitbeeinflusst. Bezieht man  diese Aspekte mit ein, kann das, was im Gehirn geschieht auch mit ‚Responsivitaet‘ bezeichnet werden. D.h. jedes Gehirn verarbeitet sensorische Impulse auf die ihm eigene Weise, indem es auf die aktuellen Impulse mit bereits funktionierenden neuronalen Netzwerkaktivitaeten reagiert. Wenn neuronale Aktivitaeten im Gehirn ueberhand nehmen, kann dies als hyper-responsiv bezeichnet werden, was moeglicherweise Unbehagen, Ueberlastung und Stress zur Folge hat. Die Bezeichnung ‚hyper-responsiv‘ entspraeche im Hinblick auf afferente Impulse hypersensitiven Nervenzellen bzw. Sinnessystemen.

 

Hyper-Responsivitaet und Eigenwirksamkeit

Die zentralen Netzwerke sind unter ganz bestimmten phylogenetischen und ontogenetischen Bedingungen entstanden und werden durch jeden sensorischen Impuls, jedes Erlebnis, das Verhalten und Handeln implizieren, weiter moduliert, was vice versa Verhalten und Handeln aendert. Unbehagen, Ueberlastung und Stress als Folge von Hyper-Responsivitaet neuronaler Aktivitaeten duerfte innerhalb unserer Kultur, die vom Einzelnen reibungsloses, normgerechtes Funktionieren verlangt, daher langfristig Verhalten und Handeln beeintraechtigen und die Eigenwirksamkeit in Frage stellen koennen.