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Hochsensitive haben mehr Probleme zu lösen als andere.

In seinem Buch „Der sensible Mensch“ von Eduard Schweingruber aus dem Jahre 1934 fand ich Beschreibungen von Verhaltensmerkmalen, an Hand derer Menschen für sich herausfinden können, inwiefern sie sich dem Spektrum Hochsensitiver zuordnen können – vergleichbar Elaine Aaron. Als „sensibel“ bezeichnete Schweingruber vor achtzig Jahren Menschen, die über das Normalmaß hinaus empfinden. Er beschrieb Probleme ihrer Lebensführung und gab Tipps, wie sie sich verhalten können, damit sie besser mit ihrem Leben klarkommen. Die aufgezählten Merkmale verstand er als Anlässe, an denen Hypersensible – zu seiner Zeit die übliche medizinische Bezeichnung für Hochsensitive – anfangen, über sich selber nachzudenken. Das Leben – so fasste Schweingruber zusammen – gibt Hypersensiblen mehr zu tun als der Mehrzahl der Menschen ihrer Umgebung.

 

Hier nun Schweingrubers Beschreibungen:

  • Manche Hypersensible leiden nach ihrer täglichen Arbeitszeit und trotz ausgiebiger Erholung unter einer Dauermüdigkeit.
  • Andere Hypersensible ermüden manchmal schnell bei geringster körperlicher oder intellektueller Tätigkeit. Sie verhalten sich dann reizbar und schlaff.
  • Manche Hypersensiblen stellen fest, dass sie die alltäglichen Pflichten unterschiedlich konsequent erledigen. Ihre eigene Gefühls- und Gedankenwelt beeinträchtigt Beziehungen zu anderen.
  • Hypersensible sind oft derart fasziniert von ihren Interessen und Erlebnissen, sodass sie sich nur unter Schwierigkeiten anderem zuwenden können.
  • Hypersensible fühlen sich immer wieder völlig erschöpft und leer.
  • Hypersensible leiden wiederholt an Panikattacken, Magen-, Herzproblemen und Kopfschmerzen.
  • Hypersensible fühlen sich manchmal starr und unempfindlich.
  • Hypersensible denken lange über ein und dieselbe Sache nach, ohne weiter zu kommen. Die Umwelt sagt ihnen, man könne nicht mit ihnen reden.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie morgens mit einem Durcheinander von Wünschen und Affekten aus dem Schlaf kommen. Normale Menschen dagegen erwachen nach ihrer Beobachtung mit einer dem Alltag zugewandten Stimmung.
  • Hypersensible stellen oft fest, dass sie lange brauchen und vieles bedenken müssen, um sich zu entscheiden. Andere Menschen entscheiden sich schneller und nach klaren Kriterien.
  • Hypersensible fühlen sich oft gefangen zwischen zwei sie bedrängenden Wünschen. Sie können dann kaum klare Gedanken dazu fassen.
  • Hypersensible stellen für sich immer wieder fest, dass sie komplizierter, schwerfälliger oder haltloser, müder oder unfähiger reagieren. Sie empfinden sich empfindsamer, blockiert und übermäßig reizbar im Vergleich mit den stärkeren Naturen um sie herum.
  • Hypersensible haben vermehrt Eheprobleme. Sie bleiben an Kleinigkeiten des Zusammenlebens hängen, obwohl sie großzügig sein möchten.
  • Manchmal geraten Hypersensible in Übermutsstimmungen, auf die sie keinen Einfluss haben.
  • Therapien für neurotische Erkrankungen bleiben wirkungslos. Hypersensible empfinden ihr Leben nach Neurosetherapien problematischer als vorher. Sie fühlen sich schutzlos.
  • Hypersensible neigen zur Ungeduld. Manchmal scheint es ihnen so, dass sie ihre Ungeduld bei kleinen Anlässen beherrschen. Sie zeigt sich jedoch noch am nächsten Tag in Form einer unterirdischen Spannung als vorhanden.
  • Hypersensible verschweigen anderen aus sachlichen Gründen vieles. Dies ist ihnen unangenehm und führt, ohne dass sie es wollen, zur Abwehr gegen andere. Sie resümieren: Ich kann meine Gefühle nicht beherrschen.
  • Einem Hypersensiblen fällt auf, wie schwer es ihm fällt, wie viel es für ihn zu tun gibt, bis er seine fünf Sinne beisammen hat und er ruhig einer neuen Situation (Besuch, neue Geschäftsbeziehung, Umgebungsänderung … etc. ) entgegensehen kann.
  • Alle neuen Erlebnisse bewegen Hypersensible sehr stark und dieses ‚bewegt werden‘ ebbt erst allmählich ab.
  • Arbeiten und Leben im Augenblick werden bei Hypersensiblen durch Intentionalität beeinträchtigt. Alles momentane Handeln wird akribisch am Ziel bemessen. So sind sie gefühlsmäßig immer zwischen Tun und Ziel hin- und her gerissen.
  • Hypersensible stellen of fest, dass sie sich ständig verkrampfen.
  • Hypersensible fühlen sich hilflos mitgerissen von allem Interessanten.
  • Ein produktiv Arbeitender erlebt, wenn der produktive Strom fließt, und er sich ihm mit Fleiß und Ernst hingeben will -, wie dieser dann stockt und versiegt.
  • Hypersensible erleben manchmal, dass auf eine lange Zeit der Arbeitsfreude eine starke, beeinträchtigende Müdigkeit folgt.
  • Ein Hypersensibler kann regelmäßig – alle paar Wochen – erleben, dass seine positive Arbeitsstimmung verschwindet und er nur mühsam etwas tun kann.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie ohne Einfluss darauf sind, ob sie unbändig gesprächig oder starr, mitgerissen oder befangen sind.
  • Hypersensible neigen zu ausgeprägtem Schmerzempfinden.
  • Wenn ein Hypersensibler rückhaltlos von seinem Tun fasziniert ist, kann er dieses auch leisten. Sind aber auch nur kleinste Widerhaken fühlbar, so ist die ganze Kraft gehemmt.
  • Ein Hypersensibler ist dauernd damit beschäftigt, seine Affekte zu hüten und zu leiten wie eine Schafherde.
  • Ein Hypersensibler ist oft selber überrascht, wie stark und übermäßig er reagiert.
  • Hypersensible sind lärmempfindlich.
  • Hypersensible reflektieren in hohem Maße über sich selber.
  • Hypersensible brauchen mehr und längere Pausen als andere.

(Vgl. Eduard Schweingruber: Der sensible Mensch. 2. Auflage. München (Kindler) 1944, S.11-17.)

Das Buch ist nicht mehr im Handel zu haben. Auch gebrauchte Exemplare sind rar. Hier ein Link zu Wikipedia über Schweingruber.

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Schuechtern


Seit ich mich selber unter der Fragestellung ‚Bin ich hochsensitiv?‘ betrachte, sehe ich Menschen, solche mit denen ich es persoenlich zu tun habe und solche, deren Aeusserungen und Biographien ich gelesen habe, auch unter dieser Fragestellung an.

Schuechterne Philosophen

Bei dem Woertchen „schuechtern“, das jemand fuer sich gebraucht oder mit dem andere einen Menschen bezeichnen, werde ich hellwach. Dies war auch der Anlass, dass ich einen Link zu einem kurzen Video mit dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty setzte. Mit seinen Anregungen zum ‚philosophieren‘ und seiner Biographie beschaeftige ich mich seit einiger Zeit.
Er bezeichnete sich selber als ‚bookish‘, was man moeglicherweise mit ‚buechernaerrisch‘ oder gar ‚buechersuechtig‘ uebersetzen koennte. Ausser Buechern haben ihn zeitlebens nur noch Naturbeobachtungen in aehnlicher Weise fasziniert, erzaehlte er in dieser Videodokumentation.
Dass ihm ausserdem, das Glueck seiner 25jaehrigen Ehe wichtig war, das seiner Kinder und sein beruflicher Erfolg, nehme ich auf Grund anderer Dokumente an und erwaehne dies hier, um diesem Bild noch weitere Facetten hinzuzufuegen. Faszination koennte aber moeglicherweise etwas anderes sein, als das, was Menschen empfinden, wenn sie Beziehungen mit anderen Menschen erleben.

Schuechterne Kinder

Ich bin im Laufe meiner Berufstaetigkeit immer wieder Kindern begegnet, die als ’schuechtern‘ bezeichnet wurden. Meistens werden mit ’schuechtern‘ Mitbedeutungen wie ‚zurueckhaltend‘, ‚gehemmt‘, ‚aengstlich‘ und ‚unsicher‘ verbunden. Im Hinblick auf Kriterien fuer ein Verhalten, das sich Eltern u.a. Erwachsene im Hinblick auf soziale Anerkennung fuer ein Kind wuenschen, handelt es sich hier um besorgniserregende Zuschreibungen und Mitbedeutungen.

einschuechtern

Ich denke, dass Verhalten, das als ’schuechtern‘ bezeichnet wird, eine Reaktion auf etwas ist, die Kinder veranlasst, darauf zu verzichten, ihren spontanen Impulsen zu folgen. Man kann als Erwachsener auch sehr lebhafte junge Kinder durch entsprechendes Verhalten einschuechtern. Ganz junge Saeuglinge kann man dadurch in ihren spontanen Beduerfnisaeusserungen einschraenken, dass man es unterlaesst darauf einzugehen. So war es z.B. im letzten Jahrhundert bis in die 70iger Jahre hinein ueblich, jungen Muettern zu raten, ihr Neugeborenes an feste Stillzeiten zu gewoehnen, damit es lernt, dass es in dieser Welt nicht nach seinem Kopf geht. „Lassen Sie es ruhig schreien, das ist gut fuer die Lungen!“ Muetter, die es schmerzte, dass sie den Beduerfnissen ihres Saeuglings nicht entsprechen sollten, unterliessen es, spontan ihrem Empfinden zu folgen, um nicht als schlechte Muetter zu gelten.

Scheu vor Unbekanntem

’schuechtern‘ kann auch ein voruebergehendes Verhalten bezeichnen, das Kinder in Situationen und Umgebungen sehen lassen, die ihnen unbekannt sind. Saeuglinge ziehen sich in einem bestimmten Alter von Personen zurueck, die sie nicht kennen. Kinder eines bestimmten Alters, die zum ersten Mal allein in einer fremden Gemeinschaft zurueckgelassen werden, koennen altersgemaess entsprechendes Verhalten sehen lassen. Dies wiederholt sich in der Regel bei weiteren Gemeinschaftswechseln – dann meist in abgeschwaechter Form. Wie man sich mit Unbekanntem bekannt machen kann, scheint das Ergebnis von Erlebnissen zu sein. Gelingt es Kindern hier zu angenehmen Erfahrungen zu finden, koennen sie sich – vermutlich im Kontext von Erinnerungen an fruehere Erlebnisse – auf Unbekanntes offen einstellen.

Unbekanntes schuechtert ein

In unbekanntem Terrain duerften sich auch unsere ursteinzeitlichen Vorfahren sehr vorsichtig und zurueckhaltend bewegt haben. Wenn es – wie die Neurowissenschaftler sagen – zutrifft, dass unser Nervensystem auch evolutionaer erworbenen Prinzipien folgt, duerfte Unbekanntes regelmaessig wenig angenehme Empfindungen hervorrufen. Unbekanntem positiv gestimmt entgegen zu sehen, duerfte moeglicherweise durch entsprechende Lernerfolge so kompensiert werden koennen, dass wir Neuem vielleicht nur noch mit gemischten oder sogar mit frohen Gefuehlen begegnen.

’schuechtern‘ könnte das Merkmal eines reaktantes Verhalten bezeichnen

Ich gehe davon aus, dass Menschen sich auch dadurch voneinander unterscheiden, dass die Reizschwellen ihrer unzaehligen Sensoren – aus welchen Gruenden auch immer – im Durchschnitt deutlich niedriger sind als die vieler anderer und daher mehr Impulse sensorieren. Dies verstehe ich unter hochsensitiv. Es gibt dafuer einige Hinweise im Verhalten, in spontanen Reaktionen und in der Eigenbeschreibung, die zu neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen passen und so die Plausibilitaet dieser Annahme begruenden koennen.
Es ist daher vorstellbar, dass ein Verhalten, das wir gewoehnlich mit ’schuechtern‘ bezeichnen, auch eine Reaktion auf hochsensitives Funktionieren sein koennte. Das Fachwort wäre Reaktanz. Wobei ich betonen moechte, dass ich nicht glaube, dass man zu endgueltigen Aussagen wird kommen koennen. Es sind viel zu viele Variablen im Spiel, die wir kaum zusammenschauend im Blick haben koennen und zudem duerfte die Vielzahl einen trivialen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ausschliessen.
Mir kommt es nur darauf an, Moeglichkeiten zu finden und sie anderen anzubieten, wie man Kindern helfen kann, die ein Verhalten und Reaktionen sehen lassen, die Anlass fuer Fragen und Sorgen geben.

unterschiedliche reaktante Muster bei hochsensitiven Kindern

Wenn Kinder hochsensitiv funktionieren, heisst das, dass ihre Sensoren und damit die unzaehligen Aktivitaetsmuster ihres gesamten Nervensystems hochsensitiv funktionieren, d.h. es muss viel mehr verarbeitet werden als bei normalsensitiven Kindern. Diese Kinder sind also innerlich staerker beschaeftigt. Nach aussen wirken sie moeglicherweise ruhiger, duerften sich vermutlich aber nicht entspannt fuehlen, weshalb sie sehr heftig auf weitere Reize reagieren koennen und unvermittelt handeln. Kinder, die hochsensitiv funktionieren, verhalten sich aber auch sehr lebhaft, ja man hat den Eindruck, sie sind immer auf dem Sprung, weil sie auf jeden Reiz anspringen. Sie kriegen alles mit und sie sind ueberall dabei. Die ersteren werden gern ermahnt, doch etwas mehr aus sich herauszugehen, man ermuntert sie zu Aktivitaeten, die sie nur widerwillig mitmachen oder ablehnen, den anderen verlangt man Ruhe und Stillsitzen ab, was sie nur sehr eingeschraenkt in der Lage sind zu leisten.

der Rahmen Akzeptanz

Weder die ganz ruhigen, noch die ganz lebhaften, erfahren in der Regel die Akzeptanz, die sie als Rahmen brauchen, um zu lernen, wie sie mit ihrem Funktionieren bekannt werden koennen. Dies scheint mir, vor allem mit den Normen und Erwartungen zusammenzuhaengen, die unser eigenes Handeln bestimmen, weil sie unser Bekannt werden mit unserem Funktionieren bestimmt und gelenkt haben.
Als mein juengster Sohn im Alter von knapp zwei Jahren mit der ganzen Familie einen festlichen Gottesdienst besuchte, ertoente ein Posaunenchor. Der Junge fing an zu schreien und zu weinen und war nicht zu beruhigen. Die Reaktionen der Umgebung fielen wenig hilfreich aus. Als ich mit ihm nach draussen ging, beruhigte er sich. Es hat Monate gedauert, bis er sich wieder darauf einliess, eine Kirche zu besuchen und dann auch nur auf die Versicherung hin, dass diesmal kein Posaunenchor spielt.

’schuechtern‘ bezeichnet ein vermutlich unwirksames Verhaltensmuster

Es koennte sein, dass ein Verhalten, das wir mit ’schuechtern‘ bezeichnen, im Zusammenhang mit neuronalen Mustern steht, die anlaesslich von Erlebnissen entstanden sind, in der Reize auf unbekanntem Terrain Fluchtreaktionen ausgeloest haben. Wenn einem die konkrete Flucht verwehrt ist, koennte die Zurueckhaltung eigener Fluchtimpulse auf unangenehme Reize eine Haltung hervorbringen, die irrtuemlich Schutz signalisiert und jederzeit zusammenbrechen kann.

eigene Grenzen zu erleben, ermoeglicht weiterentwickeln

Ein sehr schuechterner Schueler hatte sich mit einem wesentlich temperamentvolleren Mitschueler angefreundet. Ich habe in der Anfangszeit dieser Freundschaft oefter Situationen zwischen den beiden beobachtet, in denen der letztere sehr uebergriffig war. Der erste hat freundlich zurueckhaltend still gehalten. Einmal brach er in heftige Traenen aus: „Das ist zu viel!“, rief er. Es stellte sich heraus, dass der temperamentvolle Freund innerhalb kurzer Zeit einen Wunsch nach dem anderen geaeussert hatte, dem er entsprochen hatte. „Und nun will er auch noch meinen goldenen Stift von mir. Das ist zu viel!“ Der andere war ganz verdutzt und entschuldigte sich spontan. Er mochte den Stillen. Von diesem Tag an gelang es dem schuechternen Jungen zunehmend haeufiger seinen Freund und andere auf seine eigenen Grenzen hinzuweisen.

Herzlich willkommen!


DIES IST EIN PERSÖNLICHER BLOG UND DOCH AUCH NICHT.

PERSOENLICH … insofern, weil ich hier ueber mich schreibe.
… UND DOCH AUCH NICHT, weil ich – indem ich ueber mich schreibe – Aspekte beschreibe, die fuer hochsensitive Menschen allgemein zutreffend sein koennten.
Diese Vorgehensweise, etwas Allgemeines in den Blick zu bekommen, indem Individuelles naeher betrachtet wird, um dort Verallgemeinerbares zu finden, koennte eine Erfindung hochsensitiver Menschen sein. Es waren im weitesten Sinne nachdenkliche Sensualisten, die dies m.E. praktiziert und auch reflektiert haben.

HOCHSENSITIV

Die Bezeichnung ‚hochsensitiv‘ verwende ich in Abgrenzung zu Bezeichnungen wie ’sensibel‘ bzw. ‚hoch sensibel‘ oder ‚empfindlich‘ bzw. ‚empfindsam‘ oder gar ‚hypersensibel‘. Alle diese Woerter scheinen mir in Kontexte eingebunden zu sein, die Assoziationen wecken, die fuer ‚hochsensitiv‘ nicht zutreffend sein duerften oder zumindest Irrtuemer in der Sache foerdern helfen. Diese Assoziationen koennten z.B. kulturspezifische Implikationen mitmeinen, die sich in ganz bestimmten Sichten auf Inner- und Zwischenmenschliches manifestieren und so unmerklich Vorstellungen entstehen lassen, die den Blick auf Sachverhalte und Merkmale verstellen, mit denen hochsensitive Menschen von Geburt an zu tun haben. Dafuer legen Biographien hochsensitiver Menschen Zeugnis ab.

HIGHLY SENSITIVE PERSON

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat 1996 ein Buch zu diesem Thema veroeffentlicht. “ Highly Sensitive Person“ wurde ein amerikanisches Bestseller-Sachbuch und liegt inzwischen unter dem Titel „Sind Sie hochsensibel?“ in deutscher Uebersetzung vor. Ich folge meinem philosophischen Partner Rolf Reinhold, der vor einiger Zeit den Vorschlag machte, Menschen deren Sensoren offensichtlich eine etwas andere Reizschwelle als die der meisten anderen haben, mit ‚hochsensitiv‘ zu charakterisieren. Indem ich diesem Vorschlag folge, vermeide ich das oben angedeutete Dilemma und kann moeglicherweise eine Bresche schlagen, um die Sache dem Hinsehen zugaenglich machen.

SENSIBELCHEN ?

„Wie sehr der Umgang mit der „High Sensitivity“ im Sinne Arons kulturell bestimmt ist, zeigt sich schon bei dem Versuch, den Begriff ins Deutsche zu uebersetzen. Im Englischen ist er weder positiv noch negativ belegt, ein gaengiger Ausdruck auch in der Umgangssprache. Im Deutschen aber verbindet man mit „Hoher Sensibilitaet“ eher die Vorstellung, ein Mensch sei wenig lebenstuechtig, ein „Sensibelchen“ eben, seinen Gefuehlen ausgeliefert. ‚Seien Sie doch nicht so sensibel‘, muss hoeren, wer sich ueber einen rauen Umgangston beschwert. Daran aendert auch nichts, dass – nach einer Umfrage des Infra-Instituts – 44 Prozent der deutschen Frauen den ’sensiblen Typ‘ von Mann lieben, aber damit ist wohl doch etwas anderes gemeint. Eher positiv besetzt scheint der Begriff ‚Empfindsamkeit‘, doch klingt ein Hang zum Versagen mit. Die deutsche Sprache bietet der ‚Highly Sensitive Person‘ keine Heimat. Da kann ‚Hochsensibilitaet‘ oder ‚Empfindlichkeit‘ nur ein Notbehelf sein.“ Wolfgang Streitboerger: Die Supersensiblen – eine uebersehene Minderheit? Urspruenglich in „Psychologie Heute“ (7/2000) erschienen.

PHYSISTISCH

Ich mache also aus der Not eine Tugend und assimiliere das englische Wort ins Deutsche als ‚hochsensitiv‘, wo man es mit Bezug zu ’sensorieren‘ als Fremdwort beheimaten kann. Ein weiterer Anlass mich dafuer zu entscheiden, ist meine Sicht auf die Natur des Menschen. Fuer mich ist sie nicht zweigeteilt in Koerper und Geist bzw. Seele, sondern ich gehe nur vom Koerper, von der Physis aus, wenn ich mich mit Menschlichem befasse. Ich bestreite zwar keineswegs die Existenz von so etwas wie Geist oder Seele, aber da ich nicht weiß, was damit bezeichnet wird – außer dem was ich koerperlich empfinde, wenn ich meinen Gedanken nachhaenge oder mich von ihnen hierhin und dorthin tragen lasse – beschraenke ich mich auf Koerperliches, weil ich dieses – soweit es mir moeglich ist – kennen und mich mangels eigener Kenntnisse von anderen informieren lassen kann. Außerdem kann ich diese Kenntnisse mit anderen diskursiv abgleichen. Was die Kommunikation effizient und daher in hoechstem Maße erfreulich gestalten kann, wenn andere sich auf diese Art in der Sache einlassen moechten.

SENSITIV

’sensitiv‘ ist die Qualitaet von ‚wahrnehmen‘, das ich mit ’sensorieren‘ genauer charakterisiere. UEbrigens ein weiterer Vorschlag von Rolf Reinhold, dessen gruendlichen Recherchen ich es verdanke, hier so Stellung nehmen zu koennen, wie es mir angemessen zu sein scheint.
‚hochsensitiv‘ wuerde auf einer denkbaren Skala ’sensorieren‘ darauf hinweisen, dass ‚Sensoren‘, also Nervenzellen, auf hohem physikalisch messbarem und moeglicherweise biochemischem Level arbeiten. ’normalsensitiv‘ waere ein mittlerer Bereich, der bei 80-85% Menschen vorzuliegen scheint. Als ‚hochsensitiv‘ werden im Moment 15-20% der Menschen geschaetzt. Zu viel, um ‚hochsensitiv‘ als Marotte bzw. Krankheit abzutun, finde ich, aber zu wenig, um von der Mehrheit ernst genommen zu werden. Wenigstens war es bisher so.

EIN KÖRPERUMFASSENDES PHÄNOMEN

Es scheint bei Hochsensitiven nicht nur eine erhoehte neuronale Aktivitaet vorzuliegen, sondern es gibt inzwischen Untersuchungen dazu, die darauf hinweisen, dass es sich hier um ein ‚koerperumfassendes‘ Phaenomen handelt. ‚hochsensitiv‘ wird von mir darauf bezogen.
Hochsensitive Menschen koennen an ihrem Verhalten von anderen als solche eingeschaetzt werden; ebenso durch sich selber, wenn sie ihre eigenen Reaktionen auf ’sensorieren‘ – was dauernd geschieht – reflektieren koennen. Gleich, wie dieses Verhalten im Einzelnen aussehen mag – die mir bekannten Test thematisieren zwar aus meiner Sicht durchaus AEhnliches – eines steht fuer mich fest: Hochsensivitaet ist keine Krankheit, sondern eine koerperumfassende Eigenschaft die manche Menschen haben. Vergleichbar mit anderen Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden, wie Koerpergroeße, Hautfarbe, Geschlecht …die man bekommt oder hat, ohne sie vermeiden zu koennen.


AUTISMUS …

… Asperger- und Kannersyndrom sind fuer mich Bezeichnungen fuer allgemein anerkannte Verhaltensmerkmale, nach denen Menschen aus dem hochsensitiven Spektrum diagnostiziert werden. Alle drei Bezeichnungen entstammen der psychiatrischen Diagnostik und bezeichnen Krankheitsbilder. Ich halte hochsensitive Menschen aber nicht fuer krank. Sie koennen in einem klinischen Sinn erkranken, wenn man ihr anderes Wahrnehmen und Handeln wegtherapieren moechte. Sie koennen lebenslang leiden, wenn es ihnen nicht gelingt, ihr Anderes als ihr werthaltiges Eigenes zu sehen, das ihrer individuellen Lebensgestaltung einen ganz spezifischen physischen Rahmen gibt. Ich habe lange geglaubt, dass mein anderes Wahrnehmen und Handeln eine Persoenlichkeitsstoerung sei. Diesen Irrtum habe ich auf diesen Seiten beschrieben.
Menschen und Wissenschaften, die normgepraegt sind, gehen ganz selbstverstaendlich – d.h. ohne ihren eigenen Habitus und ihre Theorien in Frage zu stellen –  davon aus, dass jeder Mensch so handeln und wahrnehmen muesse, wie sie es tun bzw. es sich vorstellen. Sie fragen nicht, wieso andere Menschen anderes handeln und wahrnehmen. Aus ihrer Sicht sind anders handelnde und anders wahrnehmende Menschen nicht normal bzw. krank. Hochsensitive Menschen haben m.E. keine Veranlassung sich dieser Sichtweise anzuschliessen. ‚Hochsensitivität‘  bzw. ‚hochsensitiv‘ scheinen mir zur Zeit in der Sache angemessene und ausreichende Bezeichnungen für das, was uns allgemein charakterisiert.