Posts tagged ‘Sichtweisen’

Spezialist in eigener Sache.

Ich möchte alle Hochsensitiven, Autisten und Aspis anregen, sich zum Spezialisten bzw. zur Spezialistin in eigener Sache zu machen.
Spezialisten sind Leute, die sich mit einer Sache, einem Thema besonders gut auskennen. Diese Kenntnisse erlangt man in der Regel durch eine Ausbildung, bzw. Studium.
Daneben gibt es auch die Autodidakten, d. h. diejenigen die sich ihre Kenntnisse eigenständig erarbeiten. Ich nenne diese ‚Selberlerner‘, weil sie alle ihnen zugänglichen Medien und die Sache selbst dazu benutzen, um Kenntnisse zu bekommen. Autodidakten werden oft etwas geringschätzig betrachtet. Ihnen fehlt ja die entsprechende amtliche Qualifikation in Form eines anerkannten Abschlusszeugnisses.
Unsere Welt ist voller solcher Spezialisten. Wir brauchen sie. Nun erleben aber Hochsensitive oft und wiederholt, dass ihnen ausgerechnet von diesen Spezialisten eine amtliche Diagnose verweigert wird, die sie z. B. brauchen um auf dem Arbeitsmarkt als Behinderte vermittelbar zu sein.
Besonders für junge Arbeitssuchende ist dies wichtig, die nach einer Ausbildung im so genannten ‚ersten Arbeitsmarkt‘ unterkommen möchten.
Seit einigen Jahren etablieren sich auf dem privaten Arbeitsvermittlungsmarkt zunehmend Unternehmen, die hier den Betroffenen für bestimmte Berufsbereiche (v. a. IT-Branche) Vermittlungsangebote machen und Eingliederungshilfen ins Berufsleben anbieten.
Das ist auch gut und schön.
Es zeigt aber auch, dass Hochsensitiven, Autisten und Aspis nachdem sie schon während der Schule und Ausbildung mit ihrem Handicap eine Reihe von Nachteilen in Kauf nehmen und selber ausräumen mussten, nun auch noch beim Eintritt ins Berufsleben vor Schwierigkeiten stehen, die andere nicht haben. Dazu gehört u. a. die Anerkennung als Behinderter. Nur wenn diese Anerkennung amtlich beglaubigt vorliegt, kann das Arbeitsamt im Sinne des Betroffenen tätig werden.
Um die Reise von Spezialist zu Spezialist bestehen zu können, ist es für die Betroffenen wichtig, Kenntnisse über die eigenen Beeinträchtigungen zu erwerben und sie in Vergleich mit den amtlichen Kriterien setzen zu können. Dies gelingt am ehesten, wenn man durch ‚hinsehen‘ auf die eigenen Verhaltensweisen und Reaktionen in alltäglichen Situationen sich über sich selber schlau macht. Dies wäre als Forschung in eigener Sache zu bezeichnen. Man kann dies auch schriftlich festhalten.
Mit den selbst erhobenen Kenntnissen wird ein Betroffener zum Partner der Spezialisten. Er kann diese über seine individuellen Beeinträchtigungen fundiert informieren. Die Chance, Leistungen zu erhalten, die in unserer Gesellschaft Menschen mit Behinderungen gewährt werden, verbessert sich.
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Hochsensitive haben mehr Probleme zu lösen als andere.

In seinem Buch „Der sensible Mensch“ von Eduard Schweingruber aus dem Jahre 1934 fand ich Beschreibungen von Verhaltensmerkmalen, an Hand derer Menschen für sich herausfinden können, inwiefern sie sich dem Spektrum Hochsensitiver zuordnen können – vergleichbar Elaine Aaron. Als „sensibel“ bezeichnete Schweingruber vor achtzig Jahren Menschen, die über das Normalmaß hinaus empfinden. Er beschrieb Probleme ihrer Lebensführung und gab Tipps, wie sie sich verhalten können, damit sie besser mit ihrem Leben klarkommen. Die aufgezählten Merkmale verstand er als Anlässe, an denen Hypersensible – zu seiner Zeit die übliche medizinische Bezeichnung für Hochsensitive – anfangen, über sich selber nachzudenken. Das Leben – so fasste Schweingruber zusammen – gibt Hypersensiblen mehr zu tun als der Mehrzahl der Menschen ihrer Umgebung.

 

Hier nun Schweingrubers Beschreibungen:

  • Manche Hypersensible leiden nach ihrer täglichen Arbeitszeit und trotz ausgiebiger Erholung unter einer Dauermüdigkeit.
  • Andere Hypersensible ermüden manchmal schnell bei geringster körperlicher oder intellektueller Tätigkeit. Sie verhalten sich dann reizbar und schlaff.
  • Manche Hypersensiblen stellen fest, dass sie die alltäglichen Pflichten unterschiedlich konsequent erledigen. Ihre eigene Gefühls- und Gedankenwelt beeinträchtigt Beziehungen zu anderen.
  • Hypersensible sind oft derart fasziniert von ihren Interessen und Erlebnissen, sodass sie sich nur unter Schwierigkeiten anderem zuwenden können.
  • Hypersensible fühlen sich immer wieder völlig erschöpft und leer.
  • Hypersensible leiden wiederholt an Panikattacken, Magen-, Herzproblemen und Kopfschmerzen.
  • Hypersensible fühlen sich manchmal starr und unempfindlich.
  • Hypersensible denken lange über ein und dieselbe Sache nach, ohne weiter zu kommen. Die Umwelt sagt ihnen, man könne nicht mit ihnen reden.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie morgens mit einem Durcheinander von Wünschen und Affekten aus dem Schlaf kommen. Normale Menschen dagegen erwachen nach ihrer Beobachtung mit einer dem Alltag zugewandten Stimmung.
  • Hypersensible stellen oft fest, dass sie lange brauchen und vieles bedenken müssen, um sich zu entscheiden. Andere Menschen entscheiden sich schneller und nach klaren Kriterien.
  • Hypersensible fühlen sich oft gefangen zwischen zwei sie bedrängenden Wünschen. Sie können dann kaum klare Gedanken dazu fassen.
  • Hypersensible stellen für sich immer wieder fest, dass sie komplizierter, schwerfälliger oder haltloser, müder oder unfähiger reagieren. Sie empfinden sich empfindsamer, blockiert und übermäßig reizbar im Vergleich mit den stärkeren Naturen um sie herum.
  • Hypersensible haben vermehrt Eheprobleme. Sie bleiben an Kleinigkeiten des Zusammenlebens hängen, obwohl sie großzügig sein möchten.
  • Manchmal geraten Hypersensible in Übermutsstimmungen, auf die sie keinen Einfluss haben.
  • Therapien für neurotische Erkrankungen bleiben wirkungslos. Hypersensible empfinden ihr Leben nach Neurosetherapien problematischer als vorher. Sie fühlen sich schutzlos.
  • Hypersensible neigen zur Ungeduld. Manchmal scheint es ihnen so, dass sie ihre Ungeduld bei kleinen Anlässen beherrschen. Sie zeigt sich jedoch noch am nächsten Tag in Form einer unterirdischen Spannung als vorhanden.
  • Hypersensible verschweigen anderen aus sachlichen Gründen vieles. Dies ist ihnen unangenehm und führt, ohne dass sie es wollen, zur Abwehr gegen andere. Sie resümieren: Ich kann meine Gefühle nicht beherrschen.
  • Einem Hypersensiblen fällt auf, wie schwer es ihm fällt, wie viel es für ihn zu tun gibt, bis er seine fünf Sinne beisammen hat und er ruhig einer neuen Situation (Besuch, neue Geschäftsbeziehung, Umgebungsänderung … etc. ) entgegensehen kann.
  • Alle neuen Erlebnisse bewegen Hypersensible sehr stark und dieses ‚bewegt werden‘ ebbt erst allmählich ab.
  • Arbeiten und Leben im Augenblick werden bei Hypersensiblen durch Intentionalität beeinträchtigt. Alles momentane Handeln wird akribisch am Ziel bemessen. So sind sie gefühlsmäßig immer zwischen Tun und Ziel hin- und her gerissen.
  • Hypersensible stellen of fest, dass sie sich ständig verkrampfen.
  • Hypersensible fühlen sich hilflos mitgerissen von allem Interessanten.
  • Ein produktiv Arbeitender erlebt, wenn der produktive Strom fließt, und er sich ihm mit Fleiß und Ernst hingeben will -, wie dieser dann stockt und versiegt.
  • Hypersensible erleben manchmal, dass auf eine lange Zeit der Arbeitsfreude eine starke, beeinträchtigende Müdigkeit folgt.
  • Ein Hypersensibler kann regelmäßig – alle paar Wochen – erleben, dass seine positive Arbeitsstimmung verschwindet und er nur mühsam etwas tun kann.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie ohne Einfluss darauf sind, ob sie unbändig gesprächig oder starr, mitgerissen oder befangen sind.
  • Hypersensible neigen zu ausgeprägtem Schmerzempfinden.
  • Wenn ein Hypersensibler rückhaltlos von seinem Tun fasziniert ist, kann er dieses auch leisten. Sind aber auch nur kleinste Widerhaken fühlbar, so ist die ganze Kraft gehemmt.
  • Ein Hypersensibler ist dauernd damit beschäftigt, seine Affekte zu hüten und zu leiten wie eine Schafherde.
  • Ein Hypersensibler ist oft selber überrascht, wie stark und übermäßig er reagiert.
  • Hypersensible sind lärmempfindlich.
  • Hypersensible reflektieren in hohem Maße über sich selber.
  • Hypersensible brauchen mehr und längere Pausen als andere.

(Vgl. Eduard Schweingruber: Der sensible Mensch. 2. Auflage. München (Kindler) 1944, S.11-17.)

Das Buch ist nicht mehr im Handel zu haben. Auch gebrauchte Exemplare sind rar. Hier ein Link zu Wikipedia über Schweingruber.

Das muss man nicht so kompliziert machen …

… kommentierte kuerzlich jemand meinen Beitrag als es um moegliche Loesungen eines Problems ging. Normal-sensitive Menschen gehen unreflektiert davon aus, dass ihre Sichtweise ausreichend fuer jede Art von Problemloesung sei. Dies entspricht offensichtlich auch ihrer biologischen Ausstattung: Ihre Sensoren leiten weniger Impulse ins Gehirn weiter als die Hochsensitiver. Hochsensitive sehen und fuehlen mehr und setzen mehr Unterschiede zwischen Dingen, Menschen und Situationen. Fuer sie sind daher die Dinge komplexer. Komplexitaet darf ein bestimmtes Masz nicht ueberschreiten, sonst geht die Orientierung verloren. Jeder Mensch muss sich orientieren koennen und er grenzt daher vieles aus, was ihm irrelevant zu sein scheint. Dies gilt auch fuer Hochsensitive. Doch ihnen ist bei diesem Ausgrenzen unwohl. Sie haben Schwierigkeiten, sich fuer eine bestimmte Moeglichkeit zu entscheiden. Sie muessen allen Moeglichkeiten nachgehen, die sie wahrnehmen. Sie brauchen mehr Zeit fuer Entscheidungen, wirken solange leicht irritiert und irritieren damit Normalsensitive. Hochsensitive leben damit und mit den Folgen. U. a. damit, dass ihre komplexeren Sichten Unmut hervorrufen. Sie werden mit wenig achtsamen Kommentaren ‚abgepatscht‘. Aehnlich wie laestige Fliegen mit einer Fliegenpatsche abgewehrt werden. Dies tut weh. Es hilft zum Abbau des Schmerzes, „in der Sache zu bleiben“ und sich auf die moeglichen Bedingungen zu besinnen, die das Verhalten von Normalsensitiven hervorrufen.
Der Wunsch sich orientieren zu koennen, hat in unserer Kultur eine Tradition entstehen lassen, die alles ausgrenzt, was fuer die Mehrheit nicht relevant ist. Sie orientiert sich innerhalb von festgezurrten, d. h. fixen Weltsichten. Dort sind solche Kommentare, wie „Das muss man nicht so kompliziert machen …“ verankert. Diese signalisieren, dass da etwas nicht in die eigene Sicht passt. Wie ein Puzzleteil, das nicht passt und deshalb nicht verwendet werden kann. Es dauert in der Regel lange, bis das in mehrheitlich vertretene Sichten aufgenommen wird, was einmal ausgegrenzt wurde.
Menschen gehen z. B. ’selbstverstaendlich‘ davon aus, dass Kinder Druck brauchen, um zu lernen. Die neurobiologischen Forschungsergebnisse haben inzwischen in allen Wissenschaften, die den Menschen direkt betreffen, die Idee verbreitet, dass Druck Angst erzeugt und den ‚zweckdienlichen Gebrauch unserer biologischen Grundausstattung‘ – Nervensystem – verhindern (Heinrich Jakobi). Diesem Sachverhalt, der bereits vor ca. 100 Jahren von Jakobi so formuliert wurde, kann in der Sache kaum widersprochen werden. Normalsensitive lassen sich aber auf die Sache ’neurobiologische Grundausstattung‘ nicht ein. Sie verweisen in einmuetiger Uebereinstimmung mit Gleichgesinnten auf die positiven Wirkungen von ‚Druck‘ in ihrer eigenen Lernbiographie. Diese genauer zu betrachten, verweigern sie genauso. Kurz gefasst: Normalsensitive sind nicht in der Sache. Sie urteilen nach gemeinsam teilbaren Erfahrungserwerten – Druck hat mir nicht geschadet (was bisher noch keine Studie ergeben hat) – und denen anderer. Diese Uebereinstimmung mit anderen ist Basis ihres ‚handeln‘.  
Fuer Hochsensitive ist Uebereinstimmung mit anderen kein Kriterium dafuer, dass eine bestimmte Sicht funktionierendes ‚handeln‘ hervorbringt. Sie stellen fest, dass die meisten der Sichten, die ihnen ihre Umgebung anbietet, defizitaer wirken und neue Probleme aufwerfen. Vor allem letztere werden mehrheitlich ignoriert. Es wird behauptet, es gaebe da keine Probleme, wenn man eine bestimmte Sichtweise (Methode, Theorie) nur „richtig“ umsetze. Das als moegliches Korrektiv wirkende hochsensitive ‚hinsehen‘ auf das, was wirklich passiert, wird so zum Aergernis.        

Was mache ich hier eigentlich?

Fuer Hochsensitive stellt sich die Frage, in wie weit sie sich auf das einlassen koennen, was fuer andere selbstverstaendlich ist, in anderer Weise als fuer andere. Durch meinen  Beruf bin ich taeglich im Kontakt mit Menschen, fuer die sich diese Frage in der Regel gar nicht erst stellt. Im Gegenteil: Es ist fuer sie ueblich, sie zu ignorieren oder abzuwehren, wenn sie aus irgendeinem Anlass beruehrt wird oder gar auftaucht, weil jemand sie stellt. Lehrer sind in der Regel normenkonform, d. h. fuer sie hat ‚anpassen‘ einen hohen Wert. Ihnen scheint es in hoechstem Masze zu gelingen, mit anderen ueberein zustimmen. Sie nehmen es dabei nolens volens billigend in Kauf, andere auszugrenzen. Dies koennte – auszer mit einer haeufig vorkommenden neurobiologischen Ausstattung – mit einer Sozialisation bzw. Enkulturation zusammen haengen, die nur Fragen zulaesst, die sie auch beantworten kann. Andere Fragen werden missbilligt. Schon Kinder lernen, welche Fragen erlaubt sind.
Meine Frage: Was machen die hier oder was mache ich hier eigentlich? stiesz stets auf Unverstaendnis bei anderen, sie rief sogar Unmut hervor. Ich stellte sie schlieszlich nur noch mir, allerdings haben mich jeweils meine Antworten, immer auch selber vor den Kopf gestoszen. Diese Antworten waren an das Resuemee gekoppelt: Ich seh‘ das anders, was ‚uebereinstimmen‘ ausschloss und den Kontakt mit anderen immer wieder jaeh unterbrach. Menschen, die mich laenger kannten, erlebten mich so als anders und sie reduzierten ihren Kontakt mit mir, wie ich auch mit ihnen: Ich wollte andere nicht vor den Kopf stoszen; immer wieder zu erleben, mit anderen nicht uebereinstimmen zu koennen, war auszerdem schmerzhaft. So wird Einsamkeit zur bevorzugten Wahl. Ich vermute, dass diese Erfahrung letztlich auch die Trennung von meinem Exmann herbeifuehrte: Ich lebte mit einem Menschen zusammen, dem ich sehr zugeneigt war und noch bin, doch der Kontakt wurde immer eingeschraenkter.
Dabei habe ich ein ausgepraegtes Beduerfnis nach Kontakt mit anderen. Dies erlebe ich in meiner Selbsthilfegruppe. Es ist fuer mich sehr angenehm, mit anderen Hochsensitiven bzw. Menschen aus dem AutismusSpektrum zusammen zu sein. Doch wieder stellt sich die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Ich mag eigentlich keine Clubs, obwohl meine Selbsthilfegruppe fuer mich sehr nuetzlich ist. Ich moechte aber nicht als ‚Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen‘ mein Leben verbringen. Ich moechte mit Menschen, denen ich begegne, klar kommen und auch Kontakt haben. Im naechsten Artikel moechte ich zusammen mit Ideen von Rolf Reinhold eine Antwort geben.

Fortsetzung folgt.       

‚hochsensitive‘ und konformes Verhalten

Ich bin Lehrerin. Meine Kollegen sagen, ich sei schwierig. Wenn Lehrer über andere – Kollegen, Schüler, Vorgesetzte, Eltern … etc. – sagen, sie seien schwierig, hat das in der Regel Negatives  zu bedeuten. Schwierigkeiten signalisieren für Lehrer Nonkonformistisches. Das entspricht ungefähr dem Gegenteil von dem, was sie für sich selber als „richtig“ und wichtig in Anspruch nehmen. Sie sehen sich als normenkonform im Allgemeinen und sie unterrichten konform mit dem, was von ihnen erwartet wird. Normenkonform heißt u. a.: So funktioniert ‚mensch‘  korrekt und insofern ist es aus ihrer Sicht in Ordnung den Anspruch auf Konformität zu stellen und dessen Einlösung zu erwarten.  

‚konform‘ ist ‚unkapierbar‘

 ‚hochsensitiven‘ gelingt es m. E. kaum, sich spontan konform zu verhalten, es sei denn, das was sie tun sollen, ist unmittelbar kapierbar. Konformismus dürfte aus meiner Sicht für einen ‚hochsensitiven‘ in der Regel nicht unmittelbar kapierbar sein. Ich sitze z.B. in einer Runde mit Lehrern, die ich nicht kenne. Der Gesprächsleiter schlägt vor: „Zu Beginn sollten wir eine Vorstellungsrunde machen.“ Ich habe damit ein Problem. Erstens frage ich mich, wieso überhaupt eine Vorstellungsrunde. Was haben einander fremde Menschen davon, wenn sie ihren Namen und noch ein paar ergänzende Bemerkungen über sich machen? Handelt es sich hier möglicherweise um eine Art Zeremonie, etwas einfach dazugehört? So was wie Händeschütteln?  Zweitens vergesse ich Namen sofort. Ich kann mich z.B. nur an die erinnern, die einen für mich bemerkenswerten Gesprächsbeitrag leisteten. Drittens setzt es mich unter Druck zu entscheiden, was passend sein könnte.

’schwierig‘ = ’nonkonform‘

So kann es mir mit einfachen konformen Erwartungen gehen. Viel komplexer und differenzierter muss ich mich orientieren, wenn es sich z. B. um inhaltliche Fragen meines professionellen  Handelns dreht. Da konforme Menschen selten nachfragen, wieso ich so oder so handle, wird meinem Handeln alles Mögliche unterstellt. Dies spitzt sich dann in dem Urteil zu, dass ich schwierig sei. Und das empfinde ich als schmerzhaft.

eine Pluralitaet von Sichtweisen wirkt gemeinschaftsstiftend

 Um meinen Schmerz zu verarbeiten, war es für mich wichtig herauszufinden, welchen Vorteil normenkonformes Verhalten haben könnte. Dem hochsensitiven Philosophen Rolf Reinhold verdanke ich die Idee, dass Menschen von anderen akzeptiert und d.h. auch von anderen miteinbezogen werden, in das was sie tun. Bei einigen Aboriginistämmen Australiens z.B. führt gemeinschaftsstörendes Verhalten zu einem rituellen Ausschluss und endet mit dem Tod des Betroffenen, ohne dass Hand an ihn gelegt wird (vgl. Irving King: Australian Morality. In: Popular Science, Febr. 1910 (Bonnier Corporation),  S. 147- 156 :  „If forbidden food were eaten, even by chance, the offender has been known to pine away and shortly die.“ S. 149) . Konformes Verhalten  ermöglicht es, Mitglied einer lebensnotwendigen Gemeinschaft bleiben zu können. Dieses berechtigte Interesse konformer Menschen ermöglicht mir, sie zu akzeptieren, auch wenn ihre Ablehnung schmerzt: auch ich möchte Teil ihrer Menschengemeinschaft sein. Ein weiterer Aspekt: Ich gehe davon aus, dass normalsensitive Menschen nicht merken, was ich merke. Es wäre hier also der biologisch-genetische Unterschied, der als vorhanden akzeptabel ist und mir ermöglicht, ihnen gegenüber weiterhin zugewandt zu handeln: Jeder merkt eben nur das, was er merkt und nur davon kann er ausgehen. Außerdem ist da noch die berufliche Sozialisation von Lehrern, die ‚merken‘ stark beeinträchtigt – unabhängig davon ob jemand biologisch-genetisch hochsensitiv bzw. normalsensitiv ausgestattet ist. ‚hochsensitive‘ Lehrer dürften vermutlich die besten Anlagen für diese Tätigkeit mitbringen. Die berufliche Sozialisation verlangt aber von Lehrern, dass sie Theorien über eine behauptete Wirksamkeit ivon Unterrichten übernehmen und folgen sollen – was hochsensitivem Empfinden entgegensteht -, anstatt zu lernen, sich an dem orientieren zu dürfen, was sie merken könnten. Die meisten Lehrer könnten eventuell unter einem mehr oder weniger starken Unbehagen leiden, u. a. weil sie ihren eigenen Augen und Empfindungen nicht trauen dürfen. Doch selbst dieses Unbehagen müssen sie in der Regel verbergen, weil sonst Gefahr für ihr erlerntes, konformes Verhalten besteht.

‚konform‘ und ‚hochsensitiv‘ scheinen sich auszuschlieszen

Derartige Überlegungen scheinen Folgen zu haben, die ‚miteinander-tun‘ für mich auch unter Schwierigkeiten möglich macht. Diese Folgen entsprechen meinem ureigensten Bedürfnis, mit anderen gemeinsam zu handeln. Ich denke, dass dieses Bedürfnis bei allen Menschen vorhanden ist. Eventuell ist es sogar bei ‚hochsensitiven‘ stärker als bei konformen Menschen ausgeprägt. Konforme Menschen stützen sich ja – mehr oder weniger erfolgreich – auf ihr „Richtig-Sein“. Dieser m. E. fragwürdige Strohhalm – wie ich gerade erläuterte – dürfte ‚hochsensitiven‘ nicht zur Verfügung zu stehen. Wenn sie sich daran festhalten möchten und Rituale entwickeln, die ihnen den Anschein von Konformität geben sollen, dürften ‚hochsensitive‘ keine Verbesserung ihres Lebensgefühls feststellen können.   

Umgang mit Reaktionen auf hochsensitiv gepraegtes Verhalten



Das deutliche andere Verhalten von Kindern aus dem hochsensitiven Spektrum ruft Reaktionen anderer hervor. Das Verhalten wird in der Regel beanstandet. Die Erziehungsfaehigkeit der Eltern wird bezweifelt. Es wird in der Regel nicht nachgefragt, wie es zu diesem Verhalten kommt oder was bisher unternommen wurde, um zu anderem Verhalten anzuleiten.

Schmerzliche Erfahrungen der Betroffenen

Damit sind fuer die Betroffenen schmerzliche Erlebnisse verbunden. Diese muenden haeufig in das Fazit ausgeschlossen und missverstanden zu werden. Menschen moechten verstanden und integriert werden. Betroffene sind so in mehrfacher Weise belastet: Zum einen durch Hochsensitivitaet und zum anderen durch Ablehnung und Unverstaendnis der Umgebung (Verwandte, Nachbarn, Freunde, Beratungsstellen, Aerzte, Kindergarten, Schule…).

Alltaegliche Situationen, die Betroffene im haeuslichen Umfeld bereits gemeinsam meistern, erregen in der Oeffentlichkeit Aufsehen und loesen peinliche Situationen aus. Waehrend eines Aufenthaltes in einer kleinen Familienpension wurde Frank eine Suppe serviert. Bei der Bestellung hatte ich darauf hingewiesen, dass diese Suppe keinerlei Einlagen enthalten duerfe, weil sie sonst nicht gegessen werde. Es schwamm Petersilie auf der Oberflaeche. Frank weigerte sich, die Suppe zu essen. Ich bat um ein Sieb, um die Teile herauszufischen. Danach loeffelte Frank seine Suppe aus. Jede unserer Aktivitaeten wurde im kleinen Gastraum bemerkt und kommentiert. Wortfetzen und Mienenspiel kamen bei uns an. ‚uns‘ schreibe ich mit Bedacht, da auch Frank die Reaktionen nicht entgangen sind. Es haette mich nicht gewundert, wenn er den Gastraum verlassen haette.

Andere Sichtweisen erleichtern das Leben

Ich moechte nicht auf die Irritationen eingehen, die sich infolge der Reaktionen fuer die Betroffenen ergeben, sondern auf die Irritationen der Umgebung. Denn es macht m.E. das Leben von Betroffenen leichter zu kapieren, wieso andere sich so verhalten, wie sie sich verhalten, anstatt unter Unverstaendnis und Ablehnung zu leiden. Die eigenen Sichtweisen zu veraendern, hat mir immer wieder geholfen, mein Handeln, Denken und Empfinden zu veraendern.

Normal ist das, was Menschen kennen

Es duerfte grundsaetzlich gelten: Menschen reagieren irritiert auf jedes Verhalten anderer, das einen ihnen bekannten Rahmen verlaesst. „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht!“ Das was fuer einen Menschen normal ist, duerfte sich aus Gewoehnung an Bestimmtes ergeben. Menschen brauchen Gewohnheiten. „Die Gewohnheit ist die grosze Fuehrerin durch unser Leben!“, meinte schon vor fast 300 Jahren David Hume. Hochsensitive stellen eine Minderheit dar – aber auch das koennte ein Irrtum sein – und verhalten sich anders. Menschen, die mit Hochsensitiven umgehen, verhalten sich ebenfalls anders als ueblich. Je nach Art der Menschen, die dies unvorbereitet erleben, fallen deren Reaktionen unterschiedlich aus. Es stellen sich ihnen jeweils unterschiedliche Fragen, die sich aus ihrer Sichtweise ergeben oder sie reagieren spontan. Das ist alles sehr menschlich.

Normen koennen als Satzungen von Clubs angesehen werden

Grundsaetzlich gilt auch: Innerhalb der Kultur, in der wir leben, wird deutlich anderes Verhalten prinzipiell als defizitaer aufgefasst. Laesst es sich nicht veraendern und ergibt sich schlieszlich ein ‚klinisches‘ Bild, gilt der Betroffene als krank. Dies duerfte prinzipiell fuer jede Kultur gelten. Kulturen sind m.E. so etwas wie Clubs: Permission for Members only. Und um Mitglied zu werden, muss jeder Einzelne bestimmte Bedingungen erfuellen. Erfuellt er diese nicht, kann er nicht Mitglied sein. Menschen, die sich deutlich anders verhalten, sind also per se immer in Gefahr nicht dazu zu gehoeren. Manche neigen vermutlich deshalb dazu eigene Clubs fuer Hochsensitive zu gruenden.
Erleben also kulturkonforme Menschen deutlich abweichendes Verhalten duerften sie irritiert sein und dies entsprechend zum Ausdruck bringen. Diese Sichtweise hat fuer mich den Vorteil Reaktionen der Umgebung in einen allgemeinen menschlichen Rahmen einzuordnen und in der Sache handeln zu koennen, anstatt zwischen eigenen und Irritationen anderer hin und her gerissen zu werden und mich dabei aufzureiben.

Eigenes Verhalten ändern

Das hier gemeinte Verhalten findet sich z.B. beim „Aikido“ wieder. Obwohl als Kampfsport bezeichnet, zeichnet diese Art sich gegen Angriffe andere zu verwahren dadurch aus, dass sie grundsaetzlich defensiv orientiert ist. Uebertragen auf das, was Betroffene mit Reaktionen ihrer Umgebung erleben, koennte das bedeuten: Verzicht auf gegnerschaftliches Verhalten. Statt dessen das eigene Verhalten ändern.

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