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Verschiedenheit (Diversitaet) statt Normalitaet …

…ist auf diesen Seiten immer wieder mein Thema. Es ist ueblich, dass unsere Kultur die anerkennt, die normal sind. D. h. fuer Menschen, die abweichen, dass sie nicht vollstaendig dazu gehoeren. Unter dem Stichwort ‚Inklusion‘ haben die WHO und die UNO darauf hingewiesen, dass Inklusion ein Menschenrecht ist.

Menschen sind verschieden.

Nicht bedacht wurde dabei, dass Menschen weltweit in Kategorien denken und fuehlen, die sich am Normalen orientieren. Dass heute die VERSCHIEDENHEIT von Menschen thematisiert wird, ist ein Hinweis darauf, dass es Menschen nicht selbstverstaendlich ist, dass Menschen prinzipiell verschieden sind. Jeder stimmt zu, wenn man sagt, dass Menschen verschieden sind, aber jeder tut so, als gaebe es so was wie normal, indem er z. B. normales Verhalten fordert.

Menschen haben verschiedene Bedürfnisse

In der Sache bezeichnen wir mit Normalitaet inzwischen das, was mehrheitlich so bezeichnet wird. Normal sein, heiszt sich so verhalten, so zu denken wie die Mehrheit denkt. Wuenschen sich Menschen das heute wirklich noch? Wollen wir nicht alle lieber unseren eigenen Beduerfnissen folgen? Was unterscheidet so genannte Normale von so genannten Nicht-Normalen auszer ihren Beduerfnissen?

„Normal“ ist ein quantitatives Kriterium

Ueber den Umweg von Stoerungen des Normalen – wie Hochsensitive dies bei sich beobachten und wie andere es an ihnen feststellen – wird Normales immer oefter in Frage gestellt. Vor allem auch deshalb, weil so genannte nicht Normale, wie Hochsensitive u. a., nicht auf Therapien reagieren, die sie ’normal‘ machen sollen. ‚Normal‘ ist kein erreichbarer Zustand, sondern etwas, das die Summe aller Verhaltensmerkmale einer Mehrheit ausmacht. Es ist also ein quantitatives Kriterium. Auch normale Menschen merken immer oefter, wodurch sie sich von anderen Normalen unterscheiden.

Verschieden und Okay

Merkwuerdigerweise halten sie diese Unterschiede fuer normal, fuer ‚voll normal‘ wie manche sagen. Dabei handelt es sich um Vorlieben unterschiedlichster Arten wie Lebensweisen, Essgewohnheiten, Freizeitbeschaeftigungen, Freundeskreis, Berufswahl, Empfindungen … etc. Die Öffnung fuer Verschiedenheiten ist auch eine grosze Chance fuer alle Hochsensitiven. Ihre Verschiedenheiten brauchen dann nicht mehr als Stoerungen des Normalen angesehen werden, sondern als Merkmale eines ganz bestimmten Menschen. Und im übrigen gilt, um es mit einer alten Psychologenweisheit zu sagen: „Du bist ok, ich bin ok, wir sind ok.“

Hochsensitive haben mehr Probleme zu lösen als andere.

In seinem Buch „Der sensible Mensch“ von Eduard Schweingruber aus dem Jahre 1934 fand ich Beschreibungen von Verhaltensmerkmalen, an Hand derer Menschen für sich herausfinden können, inwiefern sie sich dem Spektrum Hochsensitiver zuordnen können – vergleichbar Elaine Aaron. Als „sensibel“ bezeichnete Schweingruber vor achtzig Jahren Menschen, die über das Normalmaß hinaus empfinden. Er beschrieb Probleme ihrer Lebensführung und gab Tipps, wie sie sich verhalten können, damit sie besser mit ihrem Leben klarkommen. Die aufgezählten Merkmale verstand er als Anlässe, an denen Hypersensible – zu seiner Zeit die übliche medizinische Bezeichnung für Hochsensitive – anfangen, über sich selber nachzudenken. Das Leben – so fasste Schweingruber zusammen – gibt Hypersensiblen mehr zu tun als der Mehrzahl der Menschen ihrer Umgebung.

 

Hier nun Schweingrubers Beschreibungen:

  • Manche Hypersensible leiden nach ihrer täglichen Arbeitszeit und trotz ausgiebiger Erholung unter einer Dauermüdigkeit.
  • Andere Hypersensible ermüden manchmal schnell bei geringster körperlicher oder intellektueller Tätigkeit. Sie verhalten sich dann reizbar und schlaff.
  • Manche Hypersensiblen stellen fest, dass sie die alltäglichen Pflichten unterschiedlich konsequent erledigen. Ihre eigene Gefühls- und Gedankenwelt beeinträchtigt Beziehungen zu anderen.
  • Hypersensible sind oft derart fasziniert von ihren Interessen und Erlebnissen, sodass sie sich nur unter Schwierigkeiten anderem zuwenden können.
  • Hypersensible fühlen sich immer wieder völlig erschöpft und leer.
  • Hypersensible leiden wiederholt an Panikattacken, Magen-, Herzproblemen und Kopfschmerzen.
  • Hypersensible fühlen sich manchmal starr und unempfindlich.
  • Hypersensible denken lange über ein und dieselbe Sache nach, ohne weiter zu kommen. Die Umwelt sagt ihnen, man könne nicht mit ihnen reden.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie morgens mit einem Durcheinander von Wünschen und Affekten aus dem Schlaf kommen. Normale Menschen dagegen erwachen nach ihrer Beobachtung mit einer dem Alltag zugewandten Stimmung.
  • Hypersensible stellen oft fest, dass sie lange brauchen und vieles bedenken müssen, um sich zu entscheiden. Andere Menschen entscheiden sich schneller und nach klaren Kriterien.
  • Hypersensible fühlen sich oft gefangen zwischen zwei sie bedrängenden Wünschen. Sie können dann kaum klare Gedanken dazu fassen.
  • Hypersensible stellen für sich immer wieder fest, dass sie komplizierter, schwerfälliger oder haltloser, müder oder unfähiger reagieren. Sie empfinden sich empfindsamer, blockiert und übermäßig reizbar im Vergleich mit den stärkeren Naturen um sie herum.
  • Hypersensible haben vermehrt Eheprobleme. Sie bleiben an Kleinigkeiten des Zusammenlebens hängen, obwohl sie großzügig sein möchten.
  • Manchmal geraten Hypersensible in Übermutsstimmungen, auf die sie keinen Einfluss haben.
  • Therapien für neurotische Erkrankungen bleiben wirkungslos. Hypersensible empfinden ihr Leben nach Neurosetherapien problematischer als vorher. Sie fühlen sich schutzlos.
  • Hypersensible neigen zur Ungeduld. Manchmal scheint es ihnen so, dass sie ihre Ungeduld bei kleinen Anlässen beherrschen. Sie zeigt sich jedoch noch am nächsten Tag in Form einer unterirdischen Spannung als vorhanden.
  • Hypersensible verschweigen anderen aus sachlichen Gründen vieles. Dies ist ihnen unangenehm und führt, ohne dass sie es wollen, zur Abwehr gegen andere. Sie resümieren: Ich kann meine Gefühle nicht beherrschen.
  • Einem Hypersensiblen fällt auf, wie schwer es ihm fällt, wie viel es für ihn zu tun gibt, bis er seine fünf Sinne beisammen hat und er ruhig einer neuen Situation (Besuch, neue Geschäftsbeziehung, Umgebungsänderung … etc. ) entgegensehen kann.
  • Alle neuen Erlebnisse bewegen Hypersensible sehr stark und dieses ‚bewegt werden‘ ebbt erst allmählich ab.
  • Arbeiten und Leben im Augenblick werden bei Hypersensiblen durch Intentionalität beeinträchtigt. Alles momentane Handeln wird akribisch am Ziel bemessen. So sind sie gefühlsmäßig immer zwischen Tun und Ziel hin- und her gerissen.
  • Hypersensible stellen of fest, dass sie sich ständig verkrampfen.
  • Hypersensible fühlen sich hilflos mitgerissen von allem Interessanten.
  • Ein produktiv Arbeitender erlebt, wenn der produktive Strom fließt, und er sich ihm mit Fleiß und Ernst hingeben will -, wie dieser dann stockt und versiegt.
  • Hypersensible erleben manchmal, dass auf eine lange Zeit der Arbeitsfreude eine starke, beeinträchtigende Müdigkeit folgt.
  • Ein Hypersensibler kann regelmäßig – alle paar Wochen – erleben, dass seine positive Arbeitsstimmung verschwindet und er nur mühsam etwas tun kann.
  • Hypersensible stellen fest, dass sie ohne Einfluss darauf sind, ob sie unbändig gesprächig oder starr, mitgerissen oder befangen sind.
  • Hypersensible neigen zu ausgeprägtem Schmerzempfinden.
  • Wenn ein Hypersensibler rückhaltlos von seinem Tun fasziniert ist, kann er dieses auch leisten. Sind aber auch nur kleinste Widerhaken fühlbar, so ist die ganze Kraft gehemmt.
  • Ein Hypersensibler ist dauernd damit beschäftigt, seine Affekte zu hüten und zu leiten wie eine Schafherde.
  • Ein Hypersensibler ist oft selber überrascht, wie stark und übermäßig er reagiert.
  • Hypersensible sind lärmempfindlich.
  • Hypersensible reflektieren in hohem Maße über sich selber.
  • Hypersensible brauchen mehr und längere Pausen als andere.

(Vgl. Eduard Schweingruber: Der sensible Mensch. 2. Auflage. München (Kindler) 1944, S.11-17.)

Das Buch ist nicht mehr im Handel zu haben. Auch gebrauchte Exemplare sind rar. Hier ein Link zu Wikipedia über Schweingruber.

Das muss man nicht so kompliziert machen …

… kommentierte kuerzlich jemand meinen Beitrag als es um moegliche Loesungen eines Problems ging. Normal-sensitive Menschen gehen unreflektiert davon aus, dass ihre Sichtweise ausreichend fuer jede Art von Problemloesung sei. Dies entspricht offensichtlich auch ihrer biologischen Ausstattung: Ihre Sensoren leiten weniger Impulse ins Gehirn weiter als die Hochsensitiver. Hochsensitive sehen und fuehlen mehr und setzen mehr Unterschiede zwischen Dingen, Menschen und Situationen. Fuer sie sind daher die Dinge komplexer. Komplexitaet darf ein bestimmtes Masz nicht ueberschreiten, sonst geht die Orientierung verloren. Jeder Mensch muss sich orientieren koennen und er grenzt daher vieles aus, was ihm irrelevant zu sein scheint. Dies gilt auch fuer Hochsensitive. Doch ihnen ist bei diesem Ausgrenzen unwohl. Sie haben Schwierigkeiten, sich fuer eine bestimmte Moeglichkeit zu entscheiden. Sie muessen allen Moeglichkeiten nachgehen, die sie wahrnehmen. Sie brauchen mehr Zeit fuer Entscheidungen, wirken solange leicht irritiert und irritieren damit Normalsensitive. Hochsensitive leben damit und mit den Folgen. U. a. damit, dass ihre komplexeren Sichten Unmut hervorrufen. Sie werden mit wenig achtsamen Kommentaren ‚abgepatscht‘. Aehnlich wie laestige Fliegen mit einer Fliegenpatsche abgewehrt werden. Dies tut weh. Es hilft zum Abbau des Schmerzes, „in der Sache zu bleiben“ und sich auf die moeglichen Bedingungen zu besinnen, die das Verhalten von Normalsensitiven hervorrufen.
Der Wunsch sich orientieren zu koennen, hat in unserer Kultur eine Tradition entstehen lassen, die alles ausgrenzt, was fuer die Mehrheit nicht relevant ist. Sie orientiert sich innerhalb von festgezurrten, d. h. fixen Weltsichten. Dort sind solche Kommentare, wie „Das muss man nicht so kompliziert machen …“ verankert. Diese signalisieren, dass da etwas nicht in die eigene Sicht passt. Wie ein Puzzleteil, das nicht passt und deshalb nicht verwendet werden kann. Es dauert in der Regel lange, bis das in mehrheitlich vertretene Sichten aufgenommen wird, was einmal ausgegrenzt wurde.
Menschen gehen z. B. ’selbstverstaendlich‘ davon aus, dass Kinder Druck brauchen, um zu lernen. Die neurobiologischen Forschungsergebnisse haben inzwischen in allen Wissenschaften, die den Menschen direkt betreffen, die Idee verbreitet, dass Druck Angst erzeugt und den ‚zweckdienlichen Gebrauch unserer biologischen Grundausstattung‘ – Nervensystem – verhindern (Heinrich Jakobi). Diesem Sachverhalt, der bereits vor ca. 100 Jahren von Jakobi so formuliert wurde, kann in der Sache kaum widersprochen werden. Normalsensitive lassen sich aber auf die Sache ’neurobiologische Grundausstattung‘ nicht ein. Sie verweisen in einmuetiger Uebereinstimmung mit Gleichgesinnten auf die positiven Wirkungen von ‚Druck‘ in ihrer eigenen Lernbiographie. Diese genauer zu betrachten, verweigern sie genauso. Kurz gefasst: Normalsensitive sind nicht in der Sache. Sie urteilen nach gemeinsam teilbaren Erfahrungserwerten – Druck hat mir nicht geschadet (was bisher noch keine Studie ergeben hat) – und denen anderer. Diese Uebereinstimmung mit anderen ist Basis ihres ‚handeln‘.  
Fuer Hochsensitive ist Uebereinstimmung mit anderen kein Kriterium dafuer, dass eine bestimmte Sicht funktionierendes ‚handeln‘ hervorbringt. Sie stellen fest, dass die meisten der Sichten, die ihnen ihre Umgebung anbietet, defizitaer wirken und neue Probleme aufwerfen. Vor allem letztere werden mehrheitlich ignoriert. Es wird behauptet, es gaebe da keine Probleme, wenn man eine bestimmte Sichtweise (Methode, Theorie) nur „richtig“ umsetze. Das als moegliches Korrektiv wirkende hochsensitive ‚hinsehen‘ auf das, was wirklich passiert, wird so zum Aergernis.        

„Kommunikative Kompetenz“

„Ein typisches Problem scheint fuer viele Aspies in der Interaktion mit anderen Menschen zu liegen.“ schreibt Rolf Reinhold auf seiner Aspie-Seite „Kommunikative Kompetenz“. ASP steht bei ihm fuer „Autonomistic Spectrum Person“. Damit sind alle Menschen gemeint, die sich durch eine ausgepraegte Eigenwilligkeit auszeichnen. Sie duerften alle hochsensitiv sein.  Von diesen moeglichen Zusammenhaengen war bisher auf diesen Seiten noch wenig die Rede. Im Blick auf mich stimme ich zu. Ich werde mich in spaeteren Artikeln damit eingehender beschaeftigen, indem ich Bezuege zu meinem eigenen Leben herstelle.
In diesem Artikel soll es um die im letzten angekuendigte Antwort auf die Frage gehen:
Wie koennen Hochsensitive mit anderen klar kommen und im Kontakt sein?
Rolf Reinhold meint, dass Hochsensitive bzw. Aspies ein Kapital mitbringen, das sie zum ‚klarkommen‘ und ‚im Kontakt sein‘ befaehigt  :
Aspies sind naemlich aus seiner Sicht
„sachorientiert,“
„funktionsorientiert,“
„situationsorientiert,“
„momentorientiert“ und daher
„situationsflexibel,“
„szenenhaft erinnernd“ und
„bildhaft denkend“ („Ich stell mir grad vor, wie …“)

„sachorientiert“?

Ich habe immer wieder erlebt, dass Kommunikation aus meiner Sicht an der Sache vorbeiging. Dies verwirrte mich oft.
Hier zwei Beispiele aus einer Fuelle von vielen:
Erstes Beispiel: Als junges Maedchen wurde ich von einem Bademeister in einer oeffentlichen Schwimmhalle dafuer getadelt, dass ich angeblich ohne Ruecksicht auf andere einen Kopfsprung ins Becken gemacht habe. Ich war mir sicher, dass dies nicht zutreffend war. Als ich widersprach, wiederholte er seine Behauptung. Ziemlich auszer mir, erzaehlte ich den Vorfall zu Hause und wurde wieder zurechtgewiesen. Ich solle mir das Verhalten des Bademeisters nicht so zu Herzen nehmen. Niemand zeigte Interesse an dem, was wirklich passiert war.  
Zweites Beispiel: Waehrend eines Abendessens mit Kindern und Erwachsenen bat eines der Kinder um ein zweites Wuerstchen. Seine Mutter verweigerte es ihm. Das sei nicht gesund, weil es mit dem anderen die ganze Nacht unverdaut im Magen liegen bliebe. Sichtlich beeindruckt von dieser Vorstellung wiederholte das Kind seinen Wunsch nicht mehr. Als ich spaeter darauf hinwies, dass dies m. E. nicht so sei, erhielt ich von der Mutter zur Antwort: „Du kannst auch nichts so stehen lassen!“
„sachorientiert“ waere im ersten Fall gewesen, den Hergang zu rekonstruieren und im zweiten Fall, meine Behauptung nachzupruefen. Ich denke, dass andere Hochsensitive hier viele aehnliche Erlebnisse berichten koennen. Diese Erlebnisse koennen auch Kommentare wie: „Du bist immer so nuechtern!“… einschlieszen. Menschen mit neurobiologischer Normalausstattung neigen dazu, statt die Sache zu beschreiben, ihre Interpretationen ins Gespraech zu bringen. Sie nennen dies „über die Sache sprechen“. Hochsensitive gehen von ihrem ‚hinsehen‘ aus, sie moechten schildern, was sie sehen und fuehlen und geben anderen Hinweise in der Sache. Dieses ‚in der Sache bleiben‘ – wie Rolf Reinhold es nennt – hat den Vorteil, dass man sich nicht ums Rechthaben streiten muss. Ich finde das ‚in der Sache bleiben‘ sehr angenehm. Ueber die Kurzsichtigkeit des anderen mich aufzuregen, verschiebe ich dann aufs  „stille Kaemmerlein“ zu Hause. Hochsensitive ziehen sich angesichts solcher Erlebnisse im Laufe ihres Lebens zurueck. Sie werden schweigsam und in sich gekehrt. Ich halte „sachorientierte“ Kommunikation fuer eine Staerke.

funktionsinteressiert?

Ja, bis andere mit der Behauptung verstoeren, dass Funktion der Form nachgeordnet sei. Ein hochsensitives Maedchen kaut im Unterricht gedankenverloren an ihrem Bleistift. „Warum arbeitest du denn nicht?“, fragt ihre Lehrerin. „Ich ueberlege, was schneller geht: ob ich die Aufgabe so oder so loese.“ Die Lehrerin: „Das ist doch egal! Hauptsache du findest das richtige Ergebnis!“ Da reden zwei aneinander vorbei. Die Lehrerin signalisiert: Es ist fragwürdig, wie du vorgehst. Du funktionierst nicht richtig. Hochsensitive sind aber gerade daran interessiert, dass etwa möglichst optimal funktioniert. Ausschließlich einen Weg zu kennen, der schnell Ergebnisse finden laesst, ist für sie uninteressant. Sie freuen sich „wie die Kinder“, wenn sie ihren eigenen Weg ‚herausfinden‘, mit dem etwas für sie optimal funktioniert. Das gilt für das ‚reparieren‘ von Espressomaschinen genauso wie für das ‚pflegen‘ einer Pflanze. Rolf Reinhold nennt dies ‚Funktionsfreude‘. Normenkonforme Menschen sind ausschließlich an Ergebnissen interessiert. Deshalb könnten sie es vorziehen, vorgegebenen Wegen zu folgen, anstatt die eigenen zu finden. Dies erzeugt langfristig Langeweile, der durch Freizeitvergnügen begegnet wird.

situationsorientiert?

Infolge ihrer hochsensitiven, biologischen Ausstattung sensorieren Hochsensitive Situationen sehr detailliert. Dabei stellen sie immer wieder fest, dass keine Situation der anderen gleicht. „dasselbe“ ist fuer sie ein Wort ohne sensorischen Eindruck. David Hume – vermutlich ein hochsensitiver Philosoph – hielt „dasselbe“ bzw. „identisch“ fuer ein Konstrukt von Vorstellungen. Menschen verbinden assoziativ, das was ihnen aehnlich zu sein scheint. Sie sehen dabei gewohnheitsmaeszig von Unterschieden ab und behaupten in der Folge: Zwei bestimmte Situationen sind gleich. Das umfangreichere Spektrum von Eindruecken, das durch ihre niedrigschwelligen Sensoren entsteht, verwehrt Hochsensitiven vergleichbare Gewohnheiten und Selbstverstaendlichkeiten. Dies ist nicht nur im Zwischenmenschlichen, sondern auch fuer wissenschaftliche Experimente und Beobachtungen von Bedeutung. Fuer Hochsensitve koennten Tätigkeiten, die mit ‚beobachten‘ und ‚hinsehen‘ zu tun haben, attraktiv sein.

„momentorientiert“ und daher „situationsflexibel“?

Menschen mit einer neurobiologischen Normalausstattung uebersehen Unterschiede. Sie sind in der Regel auch nur daran interessiert, normenkonform zu handeln. Fuer sie ist Alltaegliches immer gleich. Hochsensitive erleben jeden Augenblick neu. Es gibt hier vermutlich je nach  sensorischer Lage Unterschiede. Ich fuehle mich sehr wohl dabei, wenn ich mich auf diese vielen Momente (z. B. mit meinen Schuelern) einlassen kann. Spaeter denke ich darueber nach und lerne daraus: Ich kann wieder neue Unterschiede setzen und mich darauf einstellen. Moeglicherweise kann diese unueberschaubare Vielzahl von Momenten, die ich in die unterschiedlichsten Zusammenhaenge setzen kann, Angst ausloesen. Ich habe oft den Eindruck, dass ich keinen Ueberblick habe. Dies hat den Vorteil, dass ich offen bleiben kann, bis ich „den Impuls zum ‚handeln‘ spuere“ (Rolf Reinhold). Mein ‚handeln‘ wird so optimiert, jedoch niemals festgeschrieben. Andere Menschen erzaehlen von sich, dass sie „immer in bestimmter Weise“ handeln, wenn „eine bestimmte Situation“ eintritt. Ich gehe nicht davon aus, dass sich etwas 1:1 wiederholt. Ich lasse mich daher von meinem ‚handeln‘ ueberraschen. Ich kann mir zwar moegliche Situationen vorstellen und dazu auch moegliches ‚handeln‘ imaginieren, doch wie ich dann wirklich handle, weisz ich vorher nicht.

„szenenhaft erinnernd“ und „bildhaft denkend“ ?

Ich habe in frueheren Zeiten vergeblich nach meinen Gedanken in mir Ausschau gehalten. Ich habe sie auf Notizzetteln, in Texten  und beim Reden gefunden. Alles, was ich sehe und fuehle, wenn ich meine Augen schliesze, sind mehr oder weniger starke Vorstellungen (Erinnerungen), die sich auf Erlebtes beziehen. Ich kann diese Vorstellungen neu kombinieren und Problemloesungen erschaffen. Ich kann fiktive Welten bauen, Geschichten und Gedichte dazu erfinden. Manche Philosophen gehen davon aus, dass Menschen in Sprache denken. Fuer mich gibt es Selbstgespraeche im Kontext meiner Vorstellungen. Sie sind eine „Art“ von Dialog, bei entsprechender Fantasie kann dies in einen Polylog muenden, den ich spaeter mit Worten auf den Punkt bringen kann. Ich gehe davon aus, dass mein ’sprechen‘ ein Endprodukt dessen ist, was und wie ich erlebt und verarbeitet habe.

Was mache ich hier eigentlich?

Fuer Hochsensitive stellt sich die Frage, in wie weit sie sich auf das einlassen koennen, was fuer andere selbstverstaendlich ist, in anderer Weise als fuer andere. Durch meinen  Beruf bin ich taeglich im Kontakt mit Menschen, fuer die sich diese Frage in der Regel gar nicht erst stellt. Im Gegenteil: Es ist fuer sie ueblich, sie zu ignorieren oder abzuwehren, wenn sie aus irgendeinem Anlass beruehrt wird oder gar auftaucht, weil jemand sie stellt. Lehrer sind in der Regel normenkonform, d. h. fuer sie hat ‚anpassen‘ einen hohen Wert. Ihnen scheint es in hoechstem Masze zu gelingen, mit anderen ueberein zustimmen. Sie nehmen es dabei nolens volens billigend in Kauf, andere auszugrenzen. Dies koennte – auszer mit einer haeufig vorkommenden neurobiologischen Ausstattung – mit einer Sozialisation bzw. Enkulturation zusammen haengen, die nur Fragen zulaesst, die sie auch beantworten kann. Andere Fragen werden missbilligt. Schon Kinder lernen, welche Fragen erlaubt sind.
Meine Frage: Was machen die hier oder was mache ich hier eigentlich? stiesz stets auf Unverstaendnis bei anderen, sie rief sogar Unmut hervor. Ich stellte sie schlieszlich nur noch mir, allerdings haben mich jeweils meine Antworten, immer auch selber vor den Kopf gestoszen. Diese Antworten waren an das Resuemee gekoppelt: Ich seh‘ das anders, was ‚uebereinstimmen‘ ausschloss und den Kontakt mit anderen immer wieder jaeh unterbrach. Menschen, die mich laenger kannten, erlebten mich so als anders und sie reduzierten ihren Kontakt mit mir, wie ich auch mit ihnen: Ich wollte andere nicht vor den Kopf stoszen; immer wieder zu erleben, mit anderen nicht uebereinstimmen zu koennen, war auszerdem schmerzhaft. So wird Einsamkeit zur bevorzugten Wahl. Ich vermute, dass diese Erfahrung letztlich auch die Trennung von meinem Exmann herbeifuehrte: Ich lebte mit einem Menschen zusammen, dem ich sehr zugeneigt war und noch bin, doch der Kontakt wurde immer eingeschraenkter.
Dabei habe ich ein ausgepraegtes Beduerfnis nach Kontakt mit anderen. Dies erlebe ich in meiner Selbsthilfegruppe. Es ist fuer mich sehr angenehm, mit anderen Hochsensitiven bzw. Menschen aus dem AutismusSpektrum zusammen zu sein. Doch wieder stellt sich die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Ich mag eigentlich keine Clubs, obwohl meine Selbsthilfegruppe fuer mich sehr nuetzlich ist. Ich moechte aber nicht als ‚Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen‘ mein Leben verbringen. Ich moechte mit Menschen, denen ich begegne, klar kommen und auch Kontakt haben. Im naechsten Artikel moechte ich zusammen mit Ideen von Rolf Reinhold eine Antwort geben.

Fortsetzung folgt.       

Umgang mit Reaktionen auf hochsensitiv gepraegtes Verhalten



Das deutliche andere Verhalten von Kindern aus dem hochsensitiven Spektrum ruft Reaktionen anderer hervor. Das Verhalten wird in der Regel beanstandet. Die Erziehungsfaehigkeit der Eltern wird bezweifelt. Es wird in der Regel nicht nachgefragt, wie es zu diesem Verhalten kommt oder was bisher unternommen wurde, um zu anderem Verhalten anzuleiten.

Schmerzliche Erfahrungen der Betroffenen

Damit sind fuer die Betroffenen schmerzliche Erlebnisse verbunden. Diese muenden haeufig in das Fazit ausgeschlossen und missverstanden zu werden. Menschen moechten verstanden und integriert werden. Betroffene sind so in mehrfacher Weise belastet: Zum einen durch Hochsensitivitaet und zum anderen durch Ablehnung und Unverstaendnis der Umgebung (Verwandte, Nachbarn, Freunde, Beratungsstellen, Aerzte, Kindergarten, Schule…).

Alltaegliche Situationen, die Betroffene im haeuslichen Umfeld bereits gemeinsam meistern, erregen in der Oeffentlichkeit Aufsehen und loesen peinliche Situationen aus. Waehrend eines Aufenthaltes in einer kleinen Familienpension wurde Frank eine Suppe serviert. Bei der Bestellung hatte ich darauf hingewiesen, dass diese Suppe keinerlei Einlagen enthalten duerfe, weil sie sonst nicht gegessen werde. Es schwamm Petersilie auf der Oberflaeche. Frank weigerte sich, die Suppe zu essen. Ich bat um ein Sieb, um die Teile herauszufischen. Danach loeffelte Frank seine Suppe aus. Jede unserer Aktivitaeten wurde im kleinen Gastraum bemerkt und kommentiert. Wortfetzen und Mienenspiel kamen bei uns an. ‚uns‘ schreibe ich mit Bedacht, da auch Frank die Reaktionen nicht entgangen sind. Es haette mich nicht gewundert, wenn er den Gastraum verlassen haette.

Andere Sichtweisen erleichtern das Leben

Ich moechte nicht auf die Irritationen eingehen, die sich infolge der Reaktionen fuer die Betroffenen ergeben, sondern auf die Irritationen der Umgebung. Denn es macht m.E. das Leben von Betroffenen leichter zu kapieren, wieso andere sich so verhalten, wie sie sich verhalten, anstatt unter Unverstaendnis und Ablehnung zu leiden. Die eigenen Sichtweisen zu veraendern, hat mir immer wieder geholfen, mein Handeln, Denken und Empfinden zu veraendern.

Normal ist das, was Menschen kennen

Es duerfte grundsaetzlich gelten: Menschen reagieren irritiert auf jedes Verhalten anderer, das einen ihnen bekannten Rahmen verlaesst. „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht!“ Das was fuer einen Menschen normal ist, duerfte sich aus Gewoehnung an Bestimmtes ergeben. Menschen brauchen Gewohnheiten. „Die Gewohnheit ist die grosze Fuehrerin durch unser Leben!“, meinte schon vor fast 300 Jahren David Hume. Hochsensitive stellen eine Minderheit dar – aber auch das koennte ein Irrtum sein – und verhalten sich anders. Menschen, die mit Hochsensitiven umgehen, verhalten sich ebenfalls anders als ueblich. Je nach Art der Menschen, die dies unvorbereitet erleben, fallen deren Reaktionen unterschiedlich aus. Es stellen sich ihnen jeweils unterschiedliche Fragen, die sich aus ihrer Sichtweise ergeben oder sie reagieren spontan. Das ist alles sehr menschlich.

Normen koennen als Satzungen von Clubs angesehen werden

Grundsaetzlich gilt auch: Innerhalb der Kultur, in der wir leben, wird deutlich anderes Verhalten prinzipiell als defizitaer aufgefasst. Laesst es sich nicht veraendern und ergibt sich schlieszlich ein ‚klinisches‘ Bild, gilt der Betroffene als krank. Dies duerfte prinzipiell fuer jede Kultur gelten. Kulturen sind m.E. so etwas wie Clubs: Permission for Members only. Und um Mitglied zu werden, muss jeder Einzelne bestimmte Bedingungen erfuellen. Erfuellt er diese nicht, kann er nicht Mitglied sein. Menschen, die sich deutlich anders verhalten, sind also per se immer in Gefahr nicht dazu zu gehoeren. Manche neigen vermutlich deshalb dazu eigene Clubs fuer Hochsensitive zu gruenden.
Erleben also kulturkonforme Menschen deutlich abweichendes Verhalten duerften sie irritiert sein und dies entsprechend zum Ausdruck bringen. Diese Sichtweise hat fuer mich den Vorteil Reaktionen der Umgebung in einen allgemeinen menschlichen Rahmen einzuordnen und in der Sache handeln zu koennen, anstatt zwischen eigenen und Irritationen anderer hin und her gerissen zu werden und mich dabei aufzureiben.

Eigenes Verhalten ändern

Das hier gemeinte Verhalten findet sich z.B. beim „Aikido“ wieder. Obwohl als Kampfsport bezeichnet, zeichnet diese Art sich gegen Angriffe andere zu verwahren dadurch aus, dass sie grundsaetzlich defensiv orientiert ist. Uebertragen auf das, was Betroffene mit Reaktionen ihrer Umgebung erleben, koennte das bedeuten: Verzicht auf gegnerschaftliches Verhalten. Statt dessen das eigene Verhalten ändern.

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Ein hochsensitives Kind

Ein sehr ruhiges, aufmerksames Kind

Mit knapp 41 Jahren brachte ich meinen zweiten Sohn zur Welt. Ich ging davon aus, dass mir meine Erfahrungen mit meinem ersten Sohn eine Hilfe sein wuerden, diesem neuen Mitglied unserer Familie besser als vorher den Weg in sein eigenes Leben zeigen zu koennen. Bald schon aber stellte sich heraus, dass von alltaeglichen Handgriffen abgesehen – wie Windeln wechseln, Baeuerchen machen lassen, im Kinderwagen auf die Terrasse stellen oder Spazieren fahren – das Verhalten von Frank sich deutlich von dem seines grossen Bruders unterschied. Er war im ersten halben Jahr ein ausgepraegt ruhiger Saeugling, der viel schlief und wenn er wach in seinem Koerbchen lag, sich lange mit dem Betrachten eines Mobiles ueber ihm oder den Mustern der Waesche seines Koerbchens beschaeftigen konnte. Schon am ersten Tag nach seiner Geburt schien es ihm – nach dem Stillen und Wickeln – angenehmer zu sein, in seinem Koerbchen zu liegen, die Augen wandern zu lassen und schliesslich einzuschlafen, als neben mir in meinem Bett zu liegen oder in den Armen gehalten zu werden. Mir kam es nach einiger Zeit so vor, als ob die Zeit des Stillens jeweils seinen Hunger und seinen Bedarf nach koerperlicher Naehe gestillt hatte.


Fokussierung auf Eigenes

Frank konnte in der lautesten Umgebung einschlafen und ich habe in den ersten Monaten nur erlebt, dass er durch Hunger aus dem Schlaf gerissen wurde oder dass er einfach so erwachte. Er zeigte keine Reaktionen auf ploetzlich auftretende Geraeusche, waehrend er den Bewegungen eines ueber ihm haengenden Mobiles folgte oder auf einer Decke lag und seine unmittelbare Umgebung betrachtete. Meine Sorge, er koennte ein Hoerproblem haben, wurden durch deutliche Reaktionen in anderen Situationen, zwar nicht ganz aufgeloest, aber doch gemindert. Als 4 Jahre spaeter ein Hoertest gemacht wurde, weil das Phaenomen sich in anderen Kontexten immer wieder zeigte, war die muendliche Diagnose des freundlichen Arztes: „Der hoert das Gras wachsen.“ sehr beruhigend. Sie liess aber meine Irritation, die sein Verhalten ausloeste, nicht verschwinden. Was mir Bemerkungen ueber meine Uebersensibilitaet i.S.v. „Ueberbehuetung“ einbrachte. Der freundliche Ohrenarzt erwaehnte scherzend, das koenne so etwas wie ‚Mutterschwerhoerigkeit‘ sein. Damit wies er auf eine Baustelle hin, die mich hinsichtlich Frank stets beschaeftigte: „Mache ich etwas falsch?“


Erste Folgen

Diese Frage hatte sich in den ersten Jahren immer wieder gestellt. Nach dem ersten Halbjahr seines Lebens hatte er ploetzlich Schwierigkeiten beim Einschlafen. Am besten gelang es ihm, wenn man ihn stark schaukelte. Einschlaflieder loesten Weinen aus. Frank robbte sehr gern, aber er mied das Krabbeln. Sobald er stehen konnte, angelte er sich von Halt zu Halt. Als er zum ersten Mal den Rasen bekrabbelte, weinte er und betrat ihn erst wieder als er gehen konnte. Frank wollte meine Brust nicht mit einem Flaeschchen tauschen. Er schrie, sobald etwas anderes seinen Mund beruehrte. Er nahm auch keinen Schnuller. Erst als er ein Jahr alt war, begann er es zuzulassen, dass ich ihn mit einem kleinen Loeffel fuetterte. Er lernte aus einer Tasse zu trinken, die keinen Schnabel hatte. Er knabberte weder Zwieback, noch Karotten noch Aepfel. Er ass nur Pueriertes. Er hat sich nie Sand in den Mund gestopft. Er sass nie mit nackten Beinen in der Sandkiste. Er benutzte stets eine Schaufel oder eine Form, um zu graben. Er beschaeftigte sich auf dem Bauch liegend oft damit, dass er kleine Fussel aus dem Teppich sammelte und sie genau betrachtete. Er plapperte dabei nicht vor sich hin. Er produzierte keine Laute, waehrend man mit ihm sprach. Er schrie zornig auf, wenn ihm etwas nicht gelang und wehrte ab, wenn man ihm helfen wollte.


Ein kontaktfreudiges Kind

Mir wurde klar: Dieses Kind verhielt sich sehr anders als sein grosser Bruder. Er war aber gern mit anderen Kindern zusammen. Er tobte mit seinem grossen Bruder und dessen Freunden. Er liess sich von anderen in ihr Spiel verwickeln oder brachte sich behutsam in ihr Spiel ein. Er sprach seine eigene Sprache. Er plapperte und gestikulierte. Er zog sich enttaeuscht und wuetend zurueck, wenn die Kommunikation nicht klappte. Er lachte gern und zeigte sich sonst ausgeglichen. Seine Einschlafprobleme verschwanden. Er schlief gut durch und war tagsueber rege und freundlich.


Weitere Folgen

Seine Zahnentwicklung vollzog sich innerhalb des ueblichen Zeitrahmens. Er biss andere voellig ueberraschend und freute sich ueber die Reaktionen. Besucher, die ihn nicht kannten, wiesen wir auf seine Neigung hin. Er liess es nicht zu, dass man ihn behutsam streichelte. Schon als Saeugling hatte er dabei geweint. Er akzeptierte es, wenn man ihn fest anpackte. Im ersten Lebensjahr entwickelte er eine starke Abneigung gegen den Laerm grosser Fahrzeuge. Eines Tages schrie und weinte er, nachdem wir an einem Muellwagen vorbeigegangen waren, der unter laufendem Motor Container mit Flaschen entlud. Von da an schrie er, wenn er von Ferne ein grosses Fahrzeug entdeckte. Wir wichen ihnen aus. Wir gingen zu Fuss, anstatt den Bus zu nehmen. Noch mit zehn Jahren ging er lieber zu Fuss, als Bus zu fahren. Auch bei  Blechintrumenten,  bei Jahrmarktsmusik und -geraeuschen, schreienden Menschen … usw.  zeigte er im zweiten Lebensjahr aehnliche Reaktionen.


Schuldgefuehle und hilflose Fachleute

Sein anderes Verhalten fiel auch anderen auf. Ich erhielt immer wieder Hinweise auf seine Defizite und Kritik. Man belehrte mich darueber, welches Verhalten fuer Kinder seines Alters normal sei. Das Winken mit der Norm sorgte bei mir fuer Schuldgefuehle. Niemand fragte spontan, was ich bisher unternommen hatte, um Verhaltensaenderungen anzuregen. Ich entwickelte die Gewohnheit anlaesslich solcher Reaktionen anderer mein zurueckliegendes Erziehungsverhalten genauestens zu reflektieren. Ich suchte Fachleute auf. Meine Kinderaerztin beschwichtigte mich mit dem Kommentar: „Das waechst sich aus!“ Eine Kinderpsychologin meinte: „Sie muessen ihn staerker fordern und konsequenter sein.“ Konkret hiess das, ich solle ihn unter Druck setzen. Dies hatte ich oft genug bereits getan und damit nur heftige Abwehr und Rueckzugsverhalten bei Frank ausgeloest. „Da muss er durch!“, meinte sie.


Gemeinsam foerderliche Moeglichkeiten finden

Eine anthroposophische Heilpädagogin gab mir die ersten wirklich hilfreichen Tipps. Sie entlastete mich von Schuldgefuehlen, indem sie einerseits aus einem Sceno-Test schloss, dass Frank sich in unserer Familie wohl fuehle, andererseits hielt sie seine Reaktionen auf Beruehrungen und Geraeusche, sein Sprach- und Essverhalten fuer Hinweise auf sensorische Probleme anstatt als Hinweise auf  Erziehungsprobleme. Sie hatte ferner bemerkt, dass er auf leichte Beruehrungen abwehrend reagierte. Als ich ihr auch von Gleichgewichtsproblemen berichtete, vermutete sie Defizite der Tiefenwahrnehmung. Sie empfahl mir, ihm leichte Beruehrungen durch spielerische Aktivitaeten anfangs z.B. mit Rasierschaum, Creme angenehm zu machen, um dann zu anderem weiterzugehen. „Probieren sie alles, was er zulaesst und bleiben Sie solang dabei, bis er neue Reize akzeptiert.“ Ich sollte ihm eine Rutschgelegenheit verschaffen und mit ihm das Sandwichspiel spielen. Letzteres sollte vor allem die Tiefenwahrnehmung foerdern. Beim Sandwichspiel legt man das Kind zwischen zwei Matten und ein anderer legt sich oben drauf, bis das Kind nicht mehr moechte. Frank genoss dieses Spiel bis weit in die Grundschulzeit hinein. Er quietschte vor Vergnuegen, wenn man sich darauf warf. Sie empfahl mir lustvolle Beruehrungen seines Mundinneren zu initiieren. Ich wuerzte sein Essen mit Pfeffer und Tabasco. Es schmeckte ihm sehr gut. Wir kochten gemeinsam scharfe Tomatensossen, Suppen oder jeder fuer den anderen. Ich zog seinen Bruder mit ein – vor allem fuer das Sandwichspiel und andere koerperbetonte Spiele, die Jungens ohnehin gern spielen. Sie empfahl mir ferner eine physiotherpeutische Gymnastik fuer Frank.


Eine hilfreiche Vorstellung

Neben diesen konkreten Tipps gab mir die anthroposophische Therapeutin eine hilfreiche Vorstellung mit. Frank habe noch nicht gelernt, unterschiedliche Reize klar auseinander zu halten. Er erlebe vermutlich viele Reize genauso unspezifisch wie wir die Beruehrungen an einem eingeschlafenen Bein oder Arm. Unspezifische Beruehrungen seien unangenehm. Kinder reagierten darauf verstaendlicherweise mit Rueckzug und Abwehr. Um das notwenige Lernen dennoch zu ermoeglichen, sei es wichtig, Beruehrungen in angenehmem Kontext zu vermitteln. Es kaeme darauf an, im Spiel mit ihm Variationen der Beruehrungen zu finden. „Verwickeln Sie ihn in alles, was Ihnen einfaellt und bauen Sie es aus, soweit er es zulaesst.“


Erste merkbare Aenderung

Nach diesem Motto arbeitete auch die Physiotherapeutin mit Frank. Sie regte ihn spielerisch zu vielen Aufgaben an und sie akzeptierte es, wenn er Aufgaben verweigerte. Im Laufe der Arbeit bei ihr und zu Hause hat er sich nach und nach immer weitergehenderen Aufgaben gestellt. Nach zwei Monaten Physiotherapie und haeuslicher Spieltherapie sprach Frank mit kapp drei Jahren sein erstes Wort.

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